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Das Jahr des Grashüpfers

Ein Gedicht von Johannes Witek: geboren 1981, lebt in Salzburg. Hat noch nie irgendwas veröffentlicht. Interessen: Autos, Mode und Sport.


Es kam das seltsame Jahr
in dem deutschsprachige Lyriker
sich plötzlich die Kragen ihrer
Hemden aufstellten
und mit Sportwagen von München
bis Hamburg rasten
als seien sie auf der Jagd nach etwas
und zwar nicht dem Georg-Büchner-Preis.

Den Arm ließen sie dabei aus dem
Fahrerfenster hängen und trugen Sonnenbrillen
mit großen dunklen Gläsern;
mit ihrem lakonischen und geringschätzigen
Gesichtsausdruck
bedrohten sie Familien auf dem Weg in den Urlaub
und Rentner
auf deutschen Autobahnen.

Plötzlich ging es nicht mehr darum
wer bei Suhrkamp publizierte oder
ein Schreibseminar am Bodensee abhielt,
sondern darum, wer wie viel Kilo
beim Bankdrücken schaffte.

Anstatt Sätze zu schreiben wie:
„Umwebung. Fraktale. die Talung b.droht mich – -satt.“
brüllten sich deutschsprachige Lyriker im Internet
jetzt mit Großbuchstaben gegenseitig an:

„LIFT THAT SHIT OR DIE TRYING!!“
„NO PAIN NO GAIN!“

Die Hälfte ihrer Projekt- und Förderstipendien
verwendeten deutschsprachige Lyriker auf einmal dazu
in ETFs zu investieren
und statt  den Förderbedingungen für
das nächste Stipendium lasen sie sich jetzt in
The Intelligent Investor und
den Unterschied zwischen Investieren und Spekulieren ein.

Die eine Hälfte der deutschsprachigen Lyriker
macht plötzlich in einem Quartal mehr Kohle
als sämtliche Bachmannpreisgelder zusammen.
Die andere Hälfte ging sofort bankrott.

Alle deutschsprachigen Lyriker jedoch
tranken jetzt fünfzehn Bier täglich und gingen nachts
in die Lokale ihrer Städte um dort
Anlagenmechaniker zu verprügeln,
an Spielautomaten zu zocken und in
wirklich unappetitlicher und widerlicher Art und Weise
die Frauen anzugraben.

Nun gibt es viele
süße und sympathische Freizeitbeschäftigungen
die man nicht zwangsläufig verstehen muss,
die aber im Grunde keinem weh tun
wie z.B. Mineralien sammeln,
Kakteen züchten und
Modelleisenbahnen im Keller.

Ein deutschsprachiger Lyriker zu sein
war jedenfalls eine der sinnlosesten, süßesten und sympathischsten
bisher. Hauptsache es werden nicht zu viel öffentliche Gelder
in den Scheiß gepumpt.

Diese neue Entwicklung aber
war mehr als bedenklich.

Deutschsprachige Lyriker achteten jetzt darauf,
wie viel Protein sie zu sich nahmen,
sie meditierten jeden Tag dreißig Minuten
und supplementierten Vitamin D, Omega 3
und B12.
Sie aßen grünes Gemüse,
schliefen in komplett abgedunkelten Räumen
lachten laut und dröhnend
und hatten permanent einen Zahnstocher
oder eine Zigarre im Mundwinkel hängen.

Der Verfassungsschutz begann damit
die Szene zu beobachten.

Alle deutschsprachigen Lyriker ließen sich jetzt
lange Wikingerbärte stehen, man vermutet darin
ein merkwürdiges Potenzsymbol.
Ihre Tage verbrachten sie mit Bizepscurls vor dem Spiegel,
ihre Nächte damit, zu Wagneropern zu kopulieren.
Eine Änderung war nicht in Sicht.

Nun stellt sich uns als interessiertem Fachpublikum naturgemäß
die Frage: hat sich dieses merkwürdige Betragen
der deutschsprachigen Lyriker
auf ihr WERK ausgewirkt,
hat es
und wenn ja
WIE?

Wie sind die TEXTE dieser merkwürdig
veränderten deutschsprachigen Lyriker??

SCHREIBEN sie überhaupt?
Noch?

Diese Frage ist berechtigt
und es muss ihr nachgegangen werden.

Das Phänomen ist aber noch zu jung
um darüber derzeit gesichert Auskunft
geben zu können.


Bildquelle: (c) DA

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