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Auf dem Scheiterhaufen mit Stephan Weidt

Stephan Weidt, Jahrgang 1964, arbeitete nach einem Studium der Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaft als Pressereferent und PR-Texter, bis ihm klar wurde, dass er eigentlich nur Bücher schreiben und Musik machen will. Inzwischen hat er zwei Bücher und eine CD herausgebracht und tritt mit Ulrike Maria Hund im Duo Zwei von Zwei, mit der Progrock-Band Epiktet und der Bluesrockband Cent’s Underground auf. 

stephanweidt.de


DAb
Ein Fan von Star Trek und Thomas Mann meinte mal, die Werke des Letzteren hätten die Ästhetik einer saubergewischten Tafel – inwiefern ist das ein Kompliment für einen Künstler?

SteWe
Insofern, als im Hintergrund jedes künstlerischen Bemühens die Sehnsucht nach dem Absoluten steht, und es kann einem Künstler nur gefallen, wenn seine Werke im Auge des Betrachters oder Lesers genügend durchsichtig sind, um etwas von dieser dahinter wirkenden Sehnsucht zu verraten. Allerdings sind eine saubergewischte Tafel und eine Grabplatte einander sehr ähnlich. Es könnte also sein, dass in der angesprochenen Sehnsucht auch ein Moment von Lebensfeindlichkeit steckt.

DAb
Was hältst du von der Idee, seltsamere Kunst/Künstler automatisch höher zu werten und dementsprechend etwa Kafka Mann, Magritte Monet, Strawinsky Mozart und Kojima Paschitnow vorzuziehen?

SteWe
Wenig. Ich denke, seltsame Künstler sind unter dem Auge Gottes wie Lebensdetails unter dem Auge des Schriftstellers: Beide – also Gott wie der Schriftsteller – nehmen eine Lupe zur Hand, weil da etwas oder jemand ihre Aufmerksamkeit erregt und sie genauer nachschauen wollen, was es damit auf sich hat. Das ist ein Reiz-Reaktions-Muster. Die Lupe sorgt dafür, dass der Eindruck den Gesichtskreis ganz ausfüllt. Aber man legt sie auch mal wieder beiseite.

DAb
Was für eine Therapie hast du „im Süden von Köln“ gemacht? Kannst du sie weiterempfehlen?

SteWe
Das war eher ein Coaching als eine Therapie. Es ging um Fragen der Berufsfindung, der beruflichen Identität. Weiterempfehlen? Darin, wie ein anderer auf uns und das, was wir sagen, reagiert, erfahren wir im günstigsten Fall etwas Neues über uns, und der Therapeut (oder Coach) damals hat sehr deutlich auf mich reagiert.

DAb
Ich kann das Wort „Romane“ nicht sehen/hören/denken, ohne die saftige Fetischphonetik von Marcel Reich-Ranicki mitzudenken – kannst du?

SteWe
Ja, kann ich. Ich halte den Roman immer noch für eine der herausragenden Möglichkeiten des Menschen, sich selbst zu spiegeln. Und einen der ganz wenigen Orte, an denen subjektive Wahrheiten eine Chance bekommen, sich auszudrücken. Auch einen der wenigen Orte, an denen es uns möglich ist, in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen, sie von innen heraus kennenzulernen. So nah kommt man sich sonst nicht! Lesen ist wie Sex zwischen Liebenden, also etwas im besten Sinne Erotisches.

DAb
Wie viel Gedankenlicht bleibt einem Kassierer, Möbelpacker und/oder Verleger?

SteWe
Frag das mal den Kassierer, den Möbelpacker und den Verleger. Ich bin mir sicher, ihre Antworten werden es dir verraten. Im Ernst: Beruf hat ja nicht zuletzt die Funktion, uns um den größten Teil unserer Gedanken zu erleichtern. Schon Gottfried Benn sagte: Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück. Der Mann war ein Zyniker, und das lässt uns natürlich zurückschrecken.

DAb
Was denkst du über Menschen, die keine oder kaum Bücher lesen?

SteWe
Dass sie nicht das Bedürfnis haben, andere Menschen von innen heraus kennenzulernen oder die Möglichkeit, die ihnen das Lesen dazu bietet, noch nicht kennengelernt haben. Ein Leser ist doch ein Mensch, dem der verzweifelte Ausruf einer Figur in einem der Romane von Klaus Mann unmittelbar einleuchtet: „Sind unsere Körper die Mauern, die uns voneinander trennen?!“

DAb
Welches Verhältnis zwischen Input (Lesen) und Output (Schreiben) sollte der ideale Schriftsteller anstreben?

SteWe
Wenn er sich durch zu viel Input verwirrt fühlt, kann der Schriftsteller Klarheit zurückgewinnen, indem er schreibt. Das hat etwas von Triebabfuhr, die nötig wird nach zu starker sexueller Reizung. Ich kann allerdings Leute nicht verstehen, die von sich behaupten, gern zu schreiben und sich der Gefahr einer Verwirrung durch zu viel Lesen gar nicht erst aussetzen.

DAb
Den Begriff „Arbeit“, egal in welchem Sinn oder Kontext („Arbeit ist sehr wichtig für mich“, „Ich arbeite 80 Stunden die Woche“, „Work Work Work Work Work“ etc.), empfinde ich inzwischen als unerträglich anal, ich scheitere geradezu an diesem Begriff – rhetorische Frage: Was mache ich falsch?

SteWe
Warum soll die Frage rhetorisch sein? Dietrich Bonhoeffer sieht die Möglichkeit, durch das Es harter, nüchterner, sachlicher Arbeit hindurch auf das Du Gottes zu stoßen, und das ist immerhin eine originelle Auskunft, eine bessere fällt mir auch nicht ein. Für ihn war Arbeit ein Mittel, um die uns alle mehr oder weniger plagende Ich-Sucht zu bekämpfen.

DAb
Verfolgst du die Entwicklung von Quantencomputern?

SteWe
Nein, was ist das?

DAb
Glaubst du an die Möglichkeit eines echten Ich-Bewusstseins inklusive Maschinenromanen, die nach entropisch strengen Originalitätsalgorithmen komponiert sind?

SteWe
„Originalitätsalgorithmen“ gefällt mir. Vielleicht ist Originalität tatsächlich nur eine Frage der Komplexität, mit der – für sich genommen einfache – Komponenten zusammengesetzt werden. Ansonsten stellst du die Frage nach der Möglichkeit von technischem Bewusstsein überhaupt (egal ob Ich-Bewusstsein oder überhaupt Bewusstsein). Ich halte vieles für möglich, aber diese Frage kann ich nicht beantworten.

DAb
Was bedeutet „Glaubst du an Gott?“?

SteWe
Manchmal argumentiere ich oder gebrauche Bilder, als ob ich mir sicher wäre, dass es Ihn gibt. An Gott zu glauben heißt nach meinem Verständnis, einen Willen hinter allem Geschehen zu vermuten, und einen solchen Willen kann ich mir nur als personal vorstellen. Aber natürlich stoßen die Gedanken angesichts des Leids auf der Welt, der Naturkatastrophen, Kriege, des Hungers und der Ungerechtigkeit sofort auf das Problem, dass Gott nur das eine oder das andere sein kann: entweder allmächtig, aber nicht gütig oder aber gütig und nicht allmächtig. Was wäre allerdings ein machtloser Gott für einer? Und warum sollten wir andererseits einen bösen Gott überhaupt Gott nennen – und nicht gleich Teufel? Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Immer wenn ich mir das klarmache, breitet sich Stille in mir aus. Und diese Stille ist der Ort, wo eine Begegnung mit Gott am wahrscheinlichsten ist. Kennt man diese Stille, dieses nicht nur äußere, sondern auch innere Schweigen nicht, beraubt man sich einer der wenigen Chancen, Ihm zu begegnen.

DAb
Von wem oder was lebst du eigentlich?

SteWe
Materiell betrachtet? Von Geld, das ich habe und im Moment glücklicherweise nicht verdienen muss. Da das aber auf lange Sicht nicht gut gehen wird, versuche ich mir durch Musik, zum Beispiel Gitarrenunterricht, eine zusätzliche Verdienstquelle zu erschließen. Das ist keine Notlösung: Ich liebe dieses Instrument, ich brenne dafür, ich unterrichte sehr gerne. Natürlich habe ich auch nichts dagegen, mit dem Schreiben Geld zu verdienen, aber das ist, wie wir wissen, nicht einfach.

DAb
Was ist von dem Umstand zu halten, dass das Wort „Leben“ nicht zuletzt auch ein Gerundium ist und daher eine gewisse Lappen- oder Klumpen-artige Albernheit induziert?

SteWe
Was hast du für ein Problem mit dem Gerundium?

DAb
Woran bist du so ganz und gar nicht gescheitert? Kann man falsch scheitern?

SteWe
Ich kann mich zu einer gegebenen Einsicht  – in diesem Fall der Einsicht, gescheitert zu sein – richtig oder falsch verhalten. Da halte ich es mit den Stoikern: Füge dem Leid nicht ein zweites hinzu, indem du über das erste klagst. Jammern macht ein Problem nur größer.

DAb
Sonderfrage: Wie kommt man eigentlich an Nichttrivialitäten ran?

SteWe
Indem man die Augen schließt.


Bildquelle: © Andreas Wichmann

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