Zentrale für Experimentelles

Bedingungsloses Grundinterview mit Anny Hartmann (Politkabarettistin)

Es ist selten, dass jemand vom Comedy-Fach ins politische Kabarett wechselt. Anny Hartmann hat es getan und fühlt sich mit diesem Wechsel sehr wohl. Allerdings hat sie während Ihres VWL-Studiums auch das Handwerkzeug gelernt, um manche Scharade der Finanzwirtschaft zu durchblicken. Von 2007 bis 2010 war Anny Hartmann mit Ihrem Comedy-Soloprogramm „Zu intelligent für Sex?“ bundesweit erfolgreich auf Tour. Im Jahr 2009 startete Anny Hartmann ihren kabarettistischen Jahresrückblick „Schwamm drüber?“. Die Auseinandersetzung mit politischen Themen bereitete ihr dabei so viel Freude, dass sie im Herbst 2010 auch mit einem politischen Soloprogramm auf Tour ging. Ihr erstes Programm, für das sie die St. Ingberter Pfanne und den fränkischen Kabarettpreis erhielt, hieß „Humor ist, wenn man trotzdem wählt“. Im September 2013 startete sie ihr zweites, ständig aktualisiertes Programm „Ist das Politik, oder kann das weg?“.


DA
Wie würden Sie einem Regenbogen, der bekanntermaßen nicht zu den schlausten Zeitgenossen zählt, erklären, was Bedingungsloses Grundeinkommen (im Folgenden „Bemm“) ist und wie es funktioniert?

AH
Ganz einfach: kein Mensch müsste mehr Angst haben, dass er aus Geldnot nicht überleben kann, und das, ohne dafür vom Staat gegängelt zu werden.

DA
Das Bemm ist ja angesichts der heutigen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen reichlich experimentell. Anders gefragt: Warum gilt es eigentlich als so normal, etwas tun zu sollen, um zu überleben?

AH
Ich denke, weil der Mensch ja auch was tun will. Kein Mensch möchte vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche auf der Couch liegen. Selbst im Urlaub wird das nach drei Wochen langweilig. Es ist halt nur die Frage, was als Arbeit gewertet wird und was nicht. So viele Menschen arbeiten jetzt schon ehrenamtlich (also richtig, nicht so wie der Kaiser, der Franz, der Beckenbauer) und halten so unsere Gesellschaft zusammen.

DA
Sollte man versuchen, zum Bemm über kleine Zwischenschritte wie die gesetzlich geregelte 4/3/2-Tage-Woche zu gelangen?

AH
Ich glaube, der Umbau – auch im Steuersystem –, der für die Einführung des Bemm nötig ist, ist so radikal, das lässt sich nicht in kleinen Schritten machen, da braucht es einen großen Schnitt.

DA
Geldverdienen und Königshäuser – was sind Ihre Assoziationen zu diesem Diptychon?

AH
Königshäuser bekommen seit (De-)Generationen ein bedingungsloses Einkommen. Sie leisten für dieses Privileg nichts. Und werden dafür noch verehrt. Merkwürdige Einrichtung … schon der Gedanke, dass ein Mensch wegen seiner Abstammung mehr wert ist als ein anderer, stößt mich ab. Anderseits: ohne Königshäuser würden alle Mitarbeiter der Klatschpresse arbeitslos – was mit einem Bemm allerdings wiederum nicht schlimm wäre. Also: es gibt keinen Grund für privilegierte Königsfamilien.

DA
Was ist mit den ganzen Scheißjobs da draußen, die nicht nur langweilig und menschenwidrig, sondern auch schlecht entlohnt sind? Sollten sie nicht viel besser bezahlt sein? Wer wird die noch machen in der Bemm-Ära?

AH
Ich glaube, ein Bemm würde dazu führen, dass unangenehme Arbeiten einfach besser bezahlt werden. Es würde ein Wettbewerb um Arbeitnehmer entstehen. Und vielleicht würde sich diese sprachliche Verwirrung mal lösen: denn nicht der Arbeitnehmer ist der „Nehmer“ – er ist der Geber, er gibt seine Arbeitskraft. Der angebliche Arbeitgeber hingegen nimmt und nutzt die Arbeitskraft und macht damit Gewinne.

DA
Wie realistisch ist die Implementierung des Bemms in den nächsten 10(0000) Jahren?

AH
Wenn ich mir angucke, wie das Thema immer mehr Öffentlichkeit findet und auch in kleinem Rahmen immer mehr Experimente stattfinden, dann hoffe ich, dass zumindest die nächste Generation das noch erleben wird.

DA
Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis des menschlichen Bewusstseins? Oder besteht es lediglich darin, dass es gar keins ist?

AH
Ach du je, ich bin keine Philosophin, ich bin eher pragmatisch veranlagt, da muss ich passen.

DA
Bei der Vorstellung, über Freiheit und Freizeit zu verfügen, dürften so mancher geplagten Seele die Glückstränen kommen – ist denn für entsprechende Salzwasserauffang- und Aufbereitungsanlagen gesorgt?

AH
Ich weiß gar nicht, ob so viele Glückstränen fließen würden. Denn Freiheit heißt auch: Verantwortung. Man ist dann tatsächlich für sein Glück selber verantwortlich und muss aktiv werden. Mit Freiheit muss man auch umgehen können. Wenn man das gelernt hat, dann kann man auch glücklich werden – aber dann kann man seine Tränenflüsse auch gut kanalisieren 😉

DA
Es gibt mehrere hundert Menschen auf der Welt, die es sich nicht leisten können, ihre Zeit mit Stumpfsinn zu verbringen, nur um nicht zu verhungern und nackt in der Müllpresse zu landen. Der durch das Bemm ausgelöste kulturelle und gesellschaftliche Paradigmenwechsel wäre ohnegleichen. Die Weltdepressivität würde massiv absinken, denn Geld ist einer der Hauptmotoren für mentale und emotionale Blockaden sowie Auslöschungen. Wir müssen uns irgendwie vom Geldgestus dekontaminieren lassen … Welche anderen monumentalen gesellschaftlichen Experimente sind denkbar?

AH
Wie gesagt: ich bin Pragmatikerin, keine Philosophin …

DA
Was, glauben Sie, wären die weitreichendsten Konsequenzen einer solchen utopistischen Wandlung?

AH
Ich glaube, das Bemm würde den Konkurrenzdruck in der Gesellschaft mindern, und zwar erheblich. Konkurrenzdruck ist meines Erachtens eine der Ursachen für Intoleranz, Hass und Fremdenfeindlichkeit – weil die Menschen Angst haben, dass ihnen jemand was wegnimmt. Wer sich oft ohnmächtig fühlt, will sich eben auch mal mächtig fühlen. Und da bietet sich der Tritt nach unten (also auf den vermeintlich Schwächeren) an. Wenn aber alle gut versorgt sind, braucht auch keiner mehr Angst zu haben.


Foto:  © Marc Gettmann

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