Zentrale für Experimentelles

Bedingungsloses Grundinterview mit Gregor van Dülmen (Postmondäner)

Gregor van Dülmen lebt seit 1988 und wohnt in Berlin. Er ist staatlich anerkannter Philosoph, macht was mit Medien und schreibt manchmal auch für solche – am liebsten für das von ihm mitbegründete Onlinemagazin postmondaen.net.


DA
Wie würden Sie einem Regenbogen, der bekanntermaßen nicht zu den schlausten Zeitgenossen zählt, erklären, was Bedingungsloses Grundeinkommen (im Folgenden „Bemm“) ist und wie es funktioniert?

GVD
Lieber Regenbogen: Bemm ist ein Versuch, den großen Goldtopf, den selbstsüchtige Kobolde an einem deiner beiden Enden versteckt haben, so aufzuteilen, dass für alle Menschen die wirtschaftliche Voraussetzung eines sorglosen Lebens geschaffen wird.

DA
Das Bemm ist ja angesichts der heutigen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen reichlich experimentell. Anders gefragt: Warum gilt es eigentlich als so normal, etwas tun zu sollen, um zu überleben?

GVD
Normalität ist nichts Festes, sondern nur Gewohnheit. Wenn man etwas nicht mehr tun muss, stellt man ja vielleicht fest, dass man trotzdem etwas tun kann, was sowohl einen Mehrwert erzeugt als auch erfüllend ist. Nicht zu vergessen ist: Nach Einführung des Bemm fällt die Verantwortung für das eigene Überleben nicht weg, sondern wird zu einer unmittelbaren Mitverantwortung für das Überleben der Gesellschaft, die das Bemm aufbringen muss. Aber nach einer kurzen, krassen Phase gewöhnen wir uns auch daran. Ich fand zum Beispiel bei der ersten Frage dieses Interviews noch, dass „Bemm“ eine merkwürdige Abkürzung für „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ist, habe mich aber jetzt schon daran gewöhnt. So schnell kann es gehen.

DA
Sollte man versuchen, zum Bemm über kleine Zwischenschritte wie die gesetzlich geregelte 4/3/2-Tage-Woche zu gelangen?

GVD
Die Einführung des Bemm heißt nicht, dass wir alle dann nicht mehr arbeiten werden. Man könnte aber eine solche Regelung nutzen, um nach und nach den verbeamteten bürokratischen Apparat abzubauen, der momentan über – mit Verlaub – völlig unsinnige Formularsysteme und Kategorisierungen von Menschen öffentliche Gelder verwaltet. Ich denke, das könnte funktionieren, vielleicht merken sie dadurch nicht sofort, dass sie jetzt frei sind und etwas Schönes machen dürfen.

DA
Was ist mit Primaten, Delfinen und Rabenvögeln?

GVD
Gute Idee. Das schwerwiegendste Gegenargument, das in der Politik geäußert wird, ist doch, dass es noch keine relevanten Modellversuche für das Bemm gibt und dass, wenn solche Versuche durchgeführt werden, die beteiligten Personen für die Dauer des Versuchs gegenüber dem Rest bevorzugt werden. Man könnte jedoch eine Bemm-Studie mit Menschenaffen durchführen. Ich bin mir sicher, diese Studie könnte auch dabei helfen, militante Affenbanden zu entkriminalisieren.

DA
Geldverdienen und Königshäuser – was sind Ihre Assoziationen zu diesem Diptychon?

GVD
„Als Diptychon (Plural: Diptychen, Diptycha; von altgriechisch díptychos „doppelt gefaltet“) werden zweiteilige Relieftafeln oder zweigeteilte Gemälde bezeichnet, die in der Regel mit Scharnieren zum Aufklappen verbunden sind.“

DA
Was ist mit den ganzen Scheißjobs da draußen, die nicht nur langweilig und menschenwidrig, sondern auch schlecht entlohnt sind? Sollten sie nicht viel besser bezahlt sein? Wer wird die noch machen in der Bemm-Ära?

GVD
Ich habe selbst Erfahrungen in Jobs der beschriebenen Kategorie gesammelt, um mir extravagante Hobbys wie mein Studium zu finanzieren: Unter anderem habe ich in einer Firma gearbeitet, in der gerupfte und ausgenommene Hähnchen für Chicken-Nuggets zerschreddert und eingefroren werden, habe für ein anderes Unternehmen tausende Joghurt-Drinks in 14-Tage-Probierpakete eingefüllt und für ein wieder anderes Fahrgastbefragungen in Berufspendlerzügen durchgeführt. Darüber hinaus war ich als Zuschauerkomparse für Fernsehsendungen und Präsentationen tätig und wurde dafür bezahlt, den anderen Zuschauern vorzuspielen, mich für diese zu begeistern. Der letzte Job war eigentlich ganz interessant, aber worauf ich hinauswill: In einer perfekten Welt gäbe es keine dieser Tätigkeiten. Und wenn man es darauf anlegt, können, davon bin ich überzeugt, sehr, sehr viele menschenunwürdige Berufe überwunden werden. Und für den Rest kann man ja übergangsweise die Beamten aus den Antragsämtern einsetzen, die mit Einführung des Bemm zwar jede Funktion, aber vermutlich aufgrund juristischer Hürden nicht ihre Beamtenvergütung verlieren. Klingt in meinen Ohren fair.

DA
Wie realistisch ist die Implementierung des Bemms in den nächsten 10(0000) Jahren?

GVD
Ich fürchte, in Deutschland ist sie nicht besonders realistisch. Das Problem ist, dass wir uns gern risikoscheu regieren lassen, was mit einem kurzen Blick auf die deutsche Geschichte auch total Sinn ergibt. Und Bemm gilt als Risiko. Aber das Einzige, was bei dessen bundesweiter Einführung wirklich auf dem Spiel steht, ist Deutschland selbst. Ich denke, das können wir riskieren.

DA
Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis des menschlichen Bewusstseins? Oder besteht es lediglich darin, dass es gar keins ist?

GVD
Das menschliche Bewusstsein ist eine verschrobene, skeptische Erscheinung, nimmt seine Umgebung ungern und wenn, dann nur selektiv wahr und vergisst manchmal, dass es in der Lage ist, die Welt zu verändern.

DA
Bei der Vorstellung, über Freiheit und Freizeit zu verfügen, dürften so mancher geplagten Seele die Glückstränen kommen – ist denn für entsprechende Salzwasserauffang- und Aufbereitungsanlagen gesorgt?

GVD
Die Frage ist, ob der Netflix-Server bereit ist für die zweiwöchige Umgewöhnungsphase nach Einführung des Bemm, die wir alle auf dem Sofa verbringen werden, bevor wir das angebotene Programm durchhaben und schon aus Langeweile wieder aufstehen und gucken, was sonst noch so im Leben geht.

DA
Es gibt mehrere hundert Menschen auf der Welt, die es sich nicht leisten können, ihre Zeit mit Stumpfsinn zu verbringen, nur um nicht zu verhungern und nackt in der Müllpresse zu landen. Der durch das Bemm ausgelöste kulturelle und gesellschaftliche Paradigmenwechsel wäre ohnegleichen. Die Weltdepressivität würde massiv absinken, denn Geld ist einer der Hauptmotoren für mentale und emotionale Blockaden sowie Auslöschungen. Wir müssen uns irgendwie vom Geldgestus dekontaminieren lassen … Welche anderen monumentalen gesellschaftlichen Experimente sind denkbar?

GVD
Man könnte alle Waffen einschmelzen und Waffeleisen aus ihnen machen.

DA
Was, glauben Sie, wären die weitreichendsten Konsequenzen einer solchen utopistischen Wandlung?

GVD
Pures, destilliertes Glück.


Bildquelle: © GVD

 

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