Zentrale für Experimentelles

Bedingungsloses Grundinterview mit Mariola Brillowska (Animatrix)

Mariola Brillowska, Medienkünstlerin, geboren und aufgewachsen in Sopot/Danzig, in Deutschland seit dem Studium der Freien Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Seit 1988 in eigener Regie Filme und Performances im Theater, Radio, Fernsehen. Von 2005 bis 2013 Kunstprofessorin an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main. Werke: Roman „Hausverbot“ (2013) u. a. Gewinnerin des ARD Pinball Awards (2014), Tricky Women Wien Synchro Awards (2014), des BHF Glühenden Knopfmikros (2016). www.mariolabrillowska.com


DA
Wie würden Sie einem Regenbogen, der bekanntermaßen nicht zu den schlausten Zeitgenossen zählt, erklären, was Bedingungsloses Grundeinkommen (im Folgenden „Bemm“) ist und wie es funktioniert?

MB
Der Staat übernimmt die Grundkosten jedes Bürgers für Miete, Lebensmittel, Krankenversicherung, Rente. Luxus ist darin nicht enthalten.

DA
Das Bemm ist ja angesichts der heutigen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen reichlich experimentell. Anders gefragt: Warum gilt es eigentlich als so normal, etwas tun zu sollen, um zu überleben?

MB
Normal will man was tun. Langeweile ist tödlich.

DA
Sollte man versuchen, zum Bemm über kleine Zwischenschritte wie die gesetzlich geregelte 4/3/2-Tage-Woche zu gelangen?

MB
Als Erstes müsste die Ethik und Würde der Erwerbsbeschäftigung generalüberholt werden.

DA
Geldverdienen und Königshäuser – was sind Ihre Assoziationen zu diesem Diptychon?

MB
Wie oben erwähnt, auch diese Begriffe müssten generalüberholt werden.

DA
Was ist mit den ganzen Scheißjobs da draußen, die nicht nur langweilig und menschenwidrig, sondern auch schlecht entlohnt sind? Sollten sie nicht viel besser bezahlt sein? Wer wird die noch machen in der Bemm-Ära?

MB
Jeder muss gesetzlich vorgeschrieben 10 Tage im Jahr Scheißjobs machen oder er geht ins piefige Gefängnis.

DA
Wie realistisch ist die Implementierung des Bemms in den nächsten 10(0000) Jahren?

MB
Bemm wird es schon in 50 Jahren geben, aber nur in den Wohlstandsländern.

DA
Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis des menschlichen Bewusstseins? Oder besteht es lediglich darin, dass es gar keins ist?

MB
Auf der Basis von Umfeld, Familie, Genen bildet sich der Charakter. Aber du bist, was du isst. Die Lebens- und Genussmittel sowie die dank Liebe und Erfolg im eigenen Gehirn und ganzen Körper ausgeschütteten Hormone dopen und verdoppeln das Bewusstsein. Die stundenlange Euphorie eines vor seinem eigenen Bild sinnierenden Malers und der Glückszustand einer ohne Komplikationen entbundenen Mutter bringen das menschliche Bewusstsein dem Göttlichen nahe.

DA
Bei der Vorstellung, über Freiheit und Freizeit zu verfügen, dürften so mancher geplagten Seele die Glückstränen kommen – ist denn für entsprechende Salzwasserauffang- und Aufbereitungsanlagen gesorgt?

MB
Kommt Zeit, kommt Rat. Kommt Bemm, kommt Salg.

DA
Es gibt mehrere hundert Menschen auf der Welt, die es sich nicht leisten können, ihre Zeit mit Stumpfsinn zu verbringen, nur um nicht zu verhungern und nackt in der Müllpresse zu landen. Der durch das Bemm ausgelöste kulturelle und gesellschaftliche Paradigmenwechsel wäre ohnegleichen. Die Weltdepressivität würde massiv absinken, denn Geld ist einer der Hauptmotoren für mentale und emotionale Blockaden sowie Auslöschungen. Wir müssen uns irgendwie vom Geldgestus dekontaminieren lassen … Welche anderen monumentalen gesellschaftlichen Experimente sind denkbar?

MB
Geld müsste für kriminell erklärt werden. Wer keine gesetzlich vorgeschrieben Scheißjobs machen will, soll auf seinen Luxus verzichten. Die Lösung für die Zukunft wäre, die Welt ohne Kultur für wertlos und kriminell zu erklären. Auch wer kein Buch im Jahr gelesen oder geschrieben, keinen Film gedreht oder gesehen, kein Kleid genäht oder getragen hat, muss leider ins Gefängnis.

DA
Was, glauben Sie, wären die weitreichendsten Konsequenzen einer solchen utopistischen Wandlung?

MB
Unterschwellige Hörigkeit und latente Angst vor dem Verstoß in die Hölle aus dem Paradies. Stagnation des Fortschritts, der Evolution, der Population. Weil es mit Bemm doch zwei Welten geben wird. Die mit Bemm und die ohne. Die Welt kann nur existieren, wenn es kein Vakuum gibt. Dazu gehören die Keime der Welt ohne Bemm. Ohne Konkurrenz bewegen die Menschen keine Zehen.


Bildquelle: © MB

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