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Wir von der Versiegungsanstalt

Interview mit Autor George Tenner zur Novelle Der Tod ist keine schwarze Gestalt.


Was ist romanhafter: Raum oder Zeit?

Um aus eigenen Vorstellungen einen Roman zu formen, benötigt man immer beides, Raum und Zeit. Das eine ist ohne das andere gar nicht denkbar. Ursache und Wirkung sind nicht voneinander zu trennen.

 

Was ist der Mercedes-Benz der Gedanken? Was der Lamborghini?

Für mich ist ein Mercedes die Kontinuität, die für die Erschaffung eines tiefgründigen Buches vonnöten ist – also dir Grundidee. Der Lamborghini hingegen ergäbe den Gedanken, der den spritzigen Punkt aufs i des Textes setzt – als die herausragende Besonderheit.

 

Ist der Tod ein Zustand, Vorgang oder etwas ganz und gar Drittes?

Mein erster Gedanke ist natürlich, wenn ich sterbe und der Tod eingetreten ist, dann ist von mir nichts mehr übrig.
Das mag sein, doch gehen die Meinungen auseinander. Es gibt Menschen, die behaupten steif und fest, es gebe ein Leben nach dem Tod.
Die Wissenschaft stellt dazu fest: »Was wirklich passiert, wenn wir sterben – 47 Minuten zeigten die Monitore eine Nulllinie. Dennoch verlässt der Patient drei Wochen später das Krankenhaus. Sterben ist also kein Moment, sondern ein Prozess. Und dieser ist weitaus stärker steuerbar als bisher angenommen.«
Genau das habe durch die Erfahrungen mit meiner Freundin vom Rhein beim Schreiben der Novelle nahezu eins zu eins umgesetzt.
Doch an die 72 Jungfrauen, die im Himmel einen dschihadistischen Märtyrer erwarten sollen, um ihn zu erfreuen, glaube ich allerdings nicht.

 

Was spricht gegen permanente, jede Faser des körperlichen und seelischen Seins vereinnahmende Traurigkeit?

Dagegen spricht, dass permanente Traurigkeit sowohl die Seele wie letztlich auch den Körper, bis hin zum Suizid, beschädigen kann.


Was wäre das Ergebnis des Versuchs, sämtliche Shakespeare-Charaktere einer DNA-Sequenzierung zu unterziehen?

Das würde ich mit einem Satz Marcel Reich-Ranickis beantworten, der feststellte: »In der Literatur gibt es nur zwei Themen, die Liebe und den Tod. Alles andere ist Mumpitz.«

 

Was sind die Vorzüge von Koblenz?

Da ich Koblenz nur zweimal, von der Autobahn kommend, umfahren habe, kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen. Leider. Normalerweise wäre ich jetzt wieder dort in der Nähe und hatte fest vor, die Stadt zu ergründen, denn die Lage zwischen Rhein und Mosel und dem Deutschen Eck ist von einmaliger Schönheit und besonderem Reiz. Das werde ich hoffentlich im Herbst nachholen können. Natürlich ist Koblenz, als eine der ältesten Städte Deutschlands,  ein Meilenstein in der Entwicklung seines rund 2026-jährigen Bestehens. Es beherbergt viele wichtige Institutionen unserer Republik, denn die Stadt ist Sitz des Campus Koblenz der Universität Koblenz-Landau, des RheinMoselCampus der Hochschule Koblenz, der Verwaltung des Landkreises Mayen-Koblenz, der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (bis 1999 Bezirksregierung Koblenz), des Bundesarchivs, des Landeshauptarchivs, des Verfassungsgerichtshofes Rheinland-Pfalz sowie des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr und v. a. m.

 

Welche abgründige Lesart lassen Parklücken zu?

Die Doppelbödigkeit bei
Angst
Liebe – für mich sicher besonders
Trauer
Tod

 

Wann wird Mimesis olympische Disziplin?

Sie ist es bereits, zumindest inoffiziell, denn: Es gibt kein Thema, das nicht schon irgendjemand zuvor behandelt hat. Es gibt nur Variationen, Umsetzungen, Zeitanpassungen.

 

Wegen Verdachts auf MS musste ich einen MRT-Scan machen, der negativ ausfiel. Ob mein Dank einer heimlichen Therapiewirkung des kultigen Bildgebungsverfahrens gelten sollte?

Unbedingt.
Das trifft nur, wenn ich das beurteilen will, auf meine eigenen Erfahrungen zu. Allerdings im umgekehrten Sinne. Ich habe riesige Probleme mit der Wirbelsäule, also über mehrere Jahre vier OPs allein da, bis hin zur Versteifung. Bis auf den unteren Wirbel ist nichts mehr biegbar, was zu ständigem Schmerz führt.
Bei einem CT fanden Ärzte einen Schatten auf der Bauchspeicheldrüse, als ich die WS untersuchen ließ. OP – glücklicherweise handelte es sich um eine Zyste, also noch weiches Material, das sich aber mit Sicherheit zum Krebs ausgeweitet hätte.
Nur einige Jahre später bei einem MRT bezüglich einer abermaligen Rücken-OP wurde ein 3 cm großer Tumor auf der rechten Niere entdeckt. Auch er konnte erfolgreich beseitigt werden, bevor ich dann den Rücken operieren ließ.
Das waren nur zwei Beispiele, die mir die unmittelbare Nähe zum Tod aufgezeigt haben. Es gibt aber deren mehrere, die ich erst später erkennen konnte.

 

Inwiefern ist der Nordsee Wilderei vorzuwerfen?

Ich weiß nicht, ob man das allein der >Nordsee< anlasten kann.
Richtig aber ist, dass sie nicht nur Land holt, es teilweise anderweitig wieder anschwemmt, sondern auch Menschen sterben müssen. Das liegt in der Natur der Sache, der Entstehung dieses Planeten. Wo große Wasserflächen existieren, gibt es immer den Kampf gegen das Wasser, um die eigene Sicherheit, das eigene Leben zu schützen. Ebenso wird man sich genauso intensiv darum bemühen, sich mit der Gefahr des Wassers, also auch der Nordsee, zu arrangieren. Es gibt zahllose Beispiele, ich nenne nur die Katastrophe in Hamburg vom Februar 1962, als bei einer großen Sturmflut in Hamburg-Wilhelmsburg durch Deichbrüche landunter ging und rund 300 Menschen starben. Natürlich sind diese Menschen nicht zu retten gewesen. Leider. Doch das Arrangement, das Menschen mit den Fluten der Nordsee treffen können, besteht ausschließlich darin, die Sicherheit, also die Eindeichung so weit zu verbessern, dass sie der aufgewühlten See standhalten können.
Die Gefahren, welche die Nordsee birgt, hat Theodor Storm in seiner Novelle Der Schimmelreiter gut analysiert und real dargestellt.

 

Können wir alles Tierische wie Intellektuelle endlich ablegen und uns (als Gesellschaft) endlich auf Kaffee und Kuchen konzentrieren?

Daran glaube ich nicht. Ernsthafte Menschen müssen immer bestrebt sein, ihre Stimme gegen den Krieg zu erheben. Was für normale Bürger wünschenswert wäre, ist doch in meinen Augen für Menschen des Wortes eine Pflicht, siehe Erich Maria Remarque.


Bildquelle: (c) Bettina Stöß

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