Novelle

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Der Mann in der Mitte

Von Alice Kingsleigh.

1

Ich blicke auf und schaue in den Himmel und sehe die Unendlichkeit. Meine Augen schwirren, obwohl ich ganz still bin. Ich bewege mich nicht, obwohl alles um mich geht, fast rennt. Die Zeit kennt ihren Namen nicht. Und die Namen haben keine Gesichter. Die Welt hat ihre eigenen Kinder verstoßen. Aber sie hat sie nicht verlassen. Sie sind freiwillig gegangen. 

Wenn ich mir die Welt ansehe, weiß ich, dass sie schlecht ist. Und weil vieles schlecht ist in ihr, kann nur weniges gut sein. Wenn aber nur einige gut sind, viele aber schlecht, was ist mit denen dazwischen? 

Oft liege ich nachts im Bett, starre an die Wand, sehe den Tag sich legen und die Nacht stehen. Fühle, wie sie miteinander tanzen: Wer darf bleiben und wer gehen?
Ich fixiere einen ganz bestimmten Punkt an der Mauer. Links davon ist es kalt und dunkel. Rechts davon warm und ganz hell. Immer wieder schwanke ich zwischen diesen beiden Seiten. Ich kann mich nicht entscheiden, wo ich ruhen will. Ich frage mich: Kann ich es einfach nicht oder bin ich nicht dafür bestimmt, es zu können? 

In solchen Momenten wie diesen wird es mir plötzlich ganz klar. Als wenn ich es schon immer gewusst, aber nie wahrgenommen habe. Ich höre auf zu schwanken, zu suchen, zu streben, zu irren, zu rennen, zu gehen. Ich bleibe stehen. In mir breitet sich Ruhe aus. Stille. Ich verspüre weiterhin die schwingenden Töne der Welt um mich, fühle den Irrgang ihrer Bewohner. Aber es ist mir nun endlich bewusst, dass ich zu keiner Seite zugehörig bin. Angst umgreift mich. Es ist eine schreckliche, fast zerspringende Angst. Sie zerreißt mich vollkommen, nimmt mir die Luft zum Atmen, macht mich blind und hektisch. Panik überfällt mich und ich falle. Tiefer und tiefer, bis ich langsam merke, dass ich noch nie richtig stand, dass ich immer und ewig weiter fallen werde, dass ich schon tot ward, bevor ich lebte, weil sich etwas in mir regte, was über den Tod hinaus ging, aber dem Leben schon entronnen war.

2

Es ist komisch, anders zu sein als die anderen. Wie soll das überhaupt gehen? Anders als der Rest. Ich frage mich das, obwohl ich genau weiß, dass ich es nicht weiß, dass ich keine Antworten habe. Auf nichts habe ich Antworten. Aber die anderen haben sie. Immer. Stetig. Jederzeit. Antworten haben sie alle, die Menschen. Ist man Mensch, weil man Antworten hat oder keine? Der Mensch strebt nach Antworten, sein Leben lang. Das zeichnet ihn aus, das macht ihn menschlich. 

In mir muss wenig Menschliches sein, denn ich suche keine Antworten. Ich suche die passenden Fragen. Ist das verwerflich, moralisch falsch? Ich weiß es nicht.

3

Vor mir sehe ich ein Bild. Es zeigt eine junge Frau. Keine dreißig Jahre. Sie hat rotes Haar. Und grüne Augen, stechende, grüne Augen. Ich rieche ihren Duft, spüre ihre zarte Haut, umfasse ihre weichen Hände. Ihre Locken springen in der Luft umher, wenn sie geht. Ihr Gang ist locker, aufgeweckt, froh. Gehen tut sie immer. Ich niemals. Mit noch verzogenem Lächeln auf meinen Lippen erwidere ich das ihrige, bis ich es nicht mehr zu halten vermag. Sie ist fort, so schnell wie sie kam. Ich kann ihr nicht folgen, denn ich stehe. Immer.

4

Ich erinnere mich an einen Tag, an den sich zu erinnern lohnt. Davon gibt es nicht viele. Wahrscheinlich habe ich ihn deswegen nicht vergessen. Dieser Tag war außergewöhnlich schön. Er fing schon gut an, weil ich aufwachte und feststellte, dass ich Ich war. Niemand anderes. Nur ich. Ich fühlte weder Leere noch Schmerz an diesem Morgen. Ich wusste: Heute kann es nur gut werden. Aber wie definiert man gut? Ist gut, wenn alles Böse fort ist? Wenn Vergänglichkeit Einzug hält, wo Resignation Traurigkeit verdrängt? Oder einfach, wenn ich – wie an diesem Morgen – aufwachte und glücklich war?
Geht das so einfach? Glücklich sein? 

Als Mensch ist man automatisch unglücklich, weil alle Menschen unterschiedlich sind. Oder weil alle gleich sind. Gleichheit impliziert einen gewissen Grad an Unzufriedenheit, deswegen müssen die Menschen verschieden sein. Aber wenn sie sich ihrer Ungleichheit bewusst werden, sind sie einsam und neidisch. Und gefangen in sich. Weil sie nur sehen, was sie nicht haben, nie, was sie bereits besitzen. 

Das Glück kann man nicht kaufen, aber man kann es verschenken. An diesem Tag ging ich frühmorgens in den Park und legte mich neben ein Mädchen. Ich tat dies einfach so, ohne bestimmten Grund, ohne Ziel und ohne eine Antwort. Aber ich kam mit einer Frage. Das Verwunderliche daran war jedoch, dass mir das Mädchen keine Gegenfrage stellte. Nach vielen Momenten der Stille gab sie mir letztlich eine Antwort. Niemals hätte ich mir träumen lassen von solch einer Antwort. Nie wieder würde ich seit diesem Tage von einer anderen Antwort träumen. 
Und sie lautete: Ich weiß es nicht.

Sie neben mir war der erste und einzige Mensch, der keine Antwort wusste. Sie war ein Mittelgänger, ein Grenzwandrer, ein Gratläufer, ein Zwischenmensch. Sie war ein leichter Hauch, kein harter. Sie war ein warmes Lächeln, kein Wehen. Sie war ein kurzer Stoß, kein zarter. Sie war ein milder Kuss, kein Flehen. Sie war genau wie ich. Unglücklicherweise hatte ich meine Frage vergessen.

5

Wenn ich liege, kippt die Welt. Aus einer geraden Sicht ins Ungerade. Von der Ordnung ins Chaotische. Die Vertikale wird zur Horizontalen. Ich gehe unter, mit ihr. Dann frage ich mich: Sehe ich das so, weil ich es sehen will, oder weil ich es nicht anders sehen kann? Nein, das ist unschön. 
Es ist besser, wenn ich anders frage: Was muss man gesehen haben, um wahrhaftig zu sehen?

6

Um mich herum blüht alles. Ich liege im Gras. Es duftet verführerisch um mich. Lässt mich vergessen, was war. Trägt mir auf, was kommt. Ich spüre Vervollkommnung, wohin ich auch blicke, wohin ich auch sehe, wohin ich auch gehe. Schritt für Schritt, Pore um Pore nehme ich sie auf, die Vollkommenheit. Ist die Perfektion rund oder eckig? 

Manchmal stelle ich sie mir als eine glatte Kugel vor, sodass, wenn dann die Sonnenstrahlen auf ihre Oberfläche treffen, es zum ersten Male hell wird in der Welt. So leuchtend schön, dass ich es vermag, zu sehen. 
Diese Schönheit hält mich gefangen – mich in mir.

7

Wenn es trüb ist draußen und neblig, regnerisch und windig, dann geht in mir etwas um. Ein Drehen womöglich, gar ein Wenden, ein In-sich-kehren und Auseinanderbrechen. 

Was es genau ist, vermag ich nicht zu sagen. Denn ich suche keine Antworten, stelle nur die Fragen.

Die Regentropfen streifen meine Haut, laufen mir über das Gesicht. Sie sind das Leben, auf welches die Welt baut. Tragen Hoffnung, kaum Gewicht. Trotzdem komme ich mir unwirklich vor, hier in dieser Welt. In der und der anderen. Weil ich auf dem Grat in der Mitte wandle, und weil ich gegen dies und jenes  handle. Fehlt mir die Zeit oder fehlt mir der Raum? Ist es Weite oder Ferne? Realität oder Traum? 
Kann die Wirklichkeit besser sein als meine Fiktion?

Bildquelle: (c) DA

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