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Der Schrank der Nacht

Von Klaus Gottheiner.


Der Schrank der Nacht hat viele Schubladen. Manche treten hervor und prägen ihr Negativ in die Hohlform der Dunkelheit, manche treten zurück und geben ihr Raum für Ausdehnung und Relief. Das batteriesäurefarbene Licht, in das sie getaucht sind, gibt ihnen den Charakter der Einheitlichkeit, und dennoch sind sie von ganz unterschiedlicher Natur. Die einen weisen eine halbdurchlässige Wand auf, die die Osmose erlaubt von Nacht zu Bild, vom Blick zum Licht. In anderen rumoren dunkel die schweren Maschinen, die die Finsternis ansaugen, sie umarbeiten in die eisige Atemluft der Schläfer und die davon abgeschiedene Hitze der Tagesreste nach außen abgeben, damit die Arbeit dieser Maschinen anschließend noch schwerer wird und sie noch mehr Hitze ausscheiden bei ihrer Erzeugung von Kälte. Röhren, Gitter und Geländer, matt leuchtend von reinem Aluminium, ziehen sich zwischen ihnen entlang und bilden die Infrastruktur für eine regelmäßige Wartung der Träume: für das Entfernen von verfestigtem Speichel und Silizium, den Austausch der Lamellen und das rechtzeitige Abprotzen der Nachtklötze. Aber ich bin mir sicher, daß der Schrank der Nacht noch ein Geheimfach hat, ein Fach, das sich nur öffnen läßt, ja dessen Lage sich überhaupt erst abzuzeichnen beginnt, wenn das bräunlich-gelbe Licht erloschen ist. Doch jedes Mal, wenn ich zu wissen glaube, wo sich dieses Fach befindet, wenn ich mich zu erinnern glaube, daß ich es gerade erst aufgezogen und hineingeblickt habe, ist es schon wieder Tag und der ganze große Schrank der Nacht nicht mehr zu sehen.


Bildquelle: (c) KG

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