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Der Winter

Von Romana Ganzoni.

Der Winter klopft ans Fenster; er fragt nach einem Stück Brot.

  • Wenn ich dir Brot gebe, willst du Fleisch.
  • Sei so gut, gib mir ein Stück Brot.
  • Lügner!
  • Ich bin der Winter. Ich brauche nicht zu lügen.
  • Wenn ich dich füttere, dauerst du lange.
  • Ich dauere lange, ob du Barmherzigkeit verwehrst oder gewährst. Ich klopfe an dein Fenster, bitte um ein Stück Brot, um mit dir zu sprechen, um dich zu fragen, weshalb du mich verachtest. Ich leide unter deiner Verachtung. Ich stehe jedes Jahr vor deiner Tür in meinem prächtigsten Mantel, du tust mir nie auf.
  • Ich friere leicht, Winter. Es ist nicht meine Absicht, dich zu kränken.
  • Du kränkst mich.
  • Was kann ich dagegen tun?
  • Gib mir ein Stück Brot, Angebetete, und ich lasse dich in Ruhe. Ein Stück Brot aus deiner Hand wird mich stark machen für alle Zeit.
  • Wirst du dann nicht mehr vor meiner Tür stehen?
  • Ich werde vor deiner Tür stehen, es ist mein Beruf.
  • Du willst, dass ich sie öffne?
  • Ja, ich will hineinwehen, dich umfassen, meine Schöne, ich will auf deine Lippen schneien, ich will dich in Eis giessen, das gebe ich zu.
  • Ist das dein Beruf?
  • Es ist mein Wunsch. Ich habe nur diesen.
  • Du sagtest: ein Stück Brot, und ich lasse dich in Ruhe „für alle Zeit“.
  • Ich werde nie mehr um ein Stück Brot bitten.
  • Du bist ein Trickser, Winter!
  • Der Winter trickst nicht, Mädchen, der Winter ist. Der Winter hat ein Auge auf dich geworfen, du hast ihn hungrig gemacht, er möchte dich berühren, er möchte dich für sich erhitzen. Setze deinen Hut aus Kaninchenfell auf und tu mir die Tür auf, Kleine!
  • Du wolltest ein Stück Brot.
  • Der Winter mag kein Brot.
  • Also doch Fleisch.
  • Ja.
  • Den kleinen Finger.
  • Ein Anfang. Mein Ende.
  • Du Schlingel.
  • Komm vor dir Tür, ich möchte dich umschlingeln und dein Gesichtchen in die Schneemauer drücken, das hält dich frisch für morgen. Dann komme ich wieder.
  • Nein.
  • Ein Stück Brot?
  • Du isst kein Brot.
  • Stimmt.
  • Geh!
  • Du verachtest mich, junge Frau. Ich werde dafür sorgen, dass deine Tulpenzwiebeln erfrieren, du wirst im Frühling an mich denken, schmink dir die grosskelchigen blutroten Blüten ab, sie werden dir in diesem Jahr nicht mehr zunicken, und auch nicht im nächsten, Schluss damit, für alle Zeit.
  • Für alle Zeit? Sei nicht so rigid.
  • Der Winter ist eindeutig, er ist eindeutig rigid, ist er mild, meckern die Langläufer.
  • Das mag stimmen. – Brot?
  • Brot, du gemeines Luder.
  • Es ist ein Brötchen, weiss und weich, wie für dich gemacht.
  • Du bist weiss und weich.
  • Ja.
  • Du wagst es, mich mit einem Brötchen abzuspeisen.
  • Du hast danach verlangt, es ist nicht meine Schuld, dass wir uns unter einer grossen saisonalen Lüge begegnet sind.
  • Der Winter lügt nicht.
  • Und wie er lügt! Ich habe immer einmal mehr recht.
  • Ich werde dich bestrafen.
  • Wie?
  • Ich gehe.
  • Wohin?
  • Nach Hause. Ich wohne auf einem Schloss, gleich um die Ecke. – Alle werden erfahren, dass es du warst, du allein, die mich vertrieben hat, Hexe. Alle werden ahnen, wie das gegangen ist. Sie werden deine gelben Tulpen ausreissen und dich töten.
  • Wegen eines Winters?
  • Wegen des Winters. Ich bin der Winter. Ach, was bist du für eine ignorante Göre! Du erlaubst, dass ich mich zurückziehe?
  • Noch so gerne! Adieu!

Der Winter nimmt das Brötchen und verschwindet.

Bildquelle: (c) DA

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