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Die Exkursion

Von Birgitta Gronau.

Mit lautem Kreischen kam das silbrige Etwas auf dem schwarzen Asphalt zum Stehen. Das UnFlo war gelandet. Über die Tragfächen verließen 187 Studenten und zwei Professoren völlig verwirrt von der unerwarteten und unsanften Landung ihr Transportmittel und stoben in Panik in alle Himmelsrichtungen auseinander. Unfähig sich fortzubewegen blieb das UnFlo mitten auf der großen Straßenkreuzung in der Mitte der Stadt zurück. Fast in der Mitte um genau zu sein, denn exakt in der Mitte befand sich ein hoher spitzer Turm, das Wahrzeichen der Stadt. Wäre das Unflo dort gelandet, wäre es mit einiger Sicherheit aufgespießt worden und seine Mission bereits dort beendet gewesen.

Der Kapitän blieb als einziger zurück. Was um alles im Universum hatte ihn nur geritten, sich als UnFlo-Kapitän zu melden? „Herausforderung und Abenteuer“ hatte es geheißen. „Mit einem Unvorhersagbaren Flugobjekt steht ihnen das Universum offen, denn sie wissen nie, wohin es sie verschlägt.“ Die Werbung hatte nicht untertrieben. Das Ding war nicht wirklich lenkbar und auch nicht kontrollierbar. Als UnFlo- Kapitän musste man im wesentlichen die Passagiere bei Laune halten, so tun, als habe man alles im Griff und kühlen Kopf bewahren.

Er fluchte und funkte weiter den Notdienst an. In circa 150 Jahren würde seine Nachricht in der Zentrale ankommen. Soweit sie überhaupt irgendwer entgegennahm und, was noch viel unwahrscheinlicher war, sich darum kümmerte, war in 300 Jahren mit einer Antwort zu rechnen.

Einstein lag unter dem Schreibtisch, gähnte und streckte sich ausgiebig. Er hatte den halben Vormittag vor sich hin gedöst und jetzt verspürte er zwei Bedürfnisse, von denen sich noch entscheiden musste, welches dringender war: Hunger oder Wasserlassen.

Was auch immer sich die Studenten unter der Exkursion „Wege zur universalen Mobilität – eine Einführung“ vorgestellt hatten, ein Absturz in unbekanntes Terrain war sicher nicht dabei gewesen. Ziellos liefen sie durch das Straßengewirr. Früher oder später traf ein Student auf einen anderen und klugerweise beschlossen sie, gemeinsam weiter umherzuirren. Nach einiger Zeit hatten sich mehrere Grüppchen gebildet und zogen durch die Stadt. Jede hatte inzwischen einen Anführer, der ihnen das Gefühl von Zusammengehörigkeit, Sicherheit und Bestimmung gab. Vor allem aber nahm er ihnen die Entscheidung ab, wo es langging. Er hatte zwar auch keinen Plan, aber es machte ihm nichts aus.

Der Harndrang hatte den Entscheidungswettlauf gewonnen. Einstein stand auf und trottete durch das Wohnzimmer und die offene Verandatür hinaus in den Garten. Bei den Hortensienbüschen fand er einen passenden Ort. Erleichtert drehte er ein paar Runden über den weichen Rasen, bis sein Hungergefühl ihn daran erinnerte, dass er noch andere wichtige Dinge zu tun hatte. In der Küche herrschte auf den ersten Blick gähnende Leere. Und doch – seine Nase erfasste den zarten Duft von Leberwurstbrot und gebratenem Ei. Der Teller auf dem Küchentisch war noch unberührt. Einstein schwang sich auf den Stuhl und mit ein paar Bissen war alles verschlungen.

Die Studenten waren genervt. Der Absturzort war unwirtlicher als erwartet. Die ungewohnte Kälte machte ihre Gelenke steif, Bewegungen fielen ihnen zusehends schwerer und der Hunger ließ sie streitlustig werden. Immer wieder gerieten zwei Studenten oder auch ganze Gruppen aneinander. Über den Fund eines angebissenen kalten Hamburgers gab es eine Massenschlägerei. Immerhin wärmte das ein wenig auf. Nur die beiden Professoren hatten es gut getroffen. Sie hatten ein offenes Straßencafe entdeckt und labten sich an einem guten Tropfen Kaffee.

„Einstein!“ rief Anna verärgert. „Du gefräßiger Kerl! Du hast mir mein ganzes Frühstück weggefressen! Dann gehen wir jetzt eben sofort Gassi und auf dem Weg hol ich mir was aus der Bäckerei.“ Einstein blickte schuldbewusst zu ihr hoch und ließ sich klaglos das Halsband anlegen. Im Hinausgehen leckte er sich noch einmal genüßlich über die Schnauze.

Dem UnFlo-Kapitän war langweilig. Er lag auf einem der Flügel und döste vor sich hin. Immerhin war es hier noch warm. 300 Jahre konnten ganz schön lang werden, vor allem wenn sie gerade erst angefangen hatten. Damit war es im Nu vorbei, als etwas großes Spitzes von oben auf ihn niedersauste. Geistesgegenwärtig rollte er sich zur Seite. Er stürzte vom Flügel auf den Asphalt, wo er kurz liegen blieb. Zum Glück blieb er unverletzt.

Das UnFlo bewegte sich. Offensichtlich funktionierte es noch. Aber wie konnte er wieder hinaufgelangen? Noch während er angestregt überlegte, plusterte sich das UnFlo auf, kreischte drei mal, spreizte die Flügel, erhob sich und flog davon. Schöner Mist. Jetzt machte es auch keinen Sinn mehr, auf eine Antwort aus der Zentrale zu warten.

Luka, der Anführer der größten Studentengruppe blieb stehen. Er spürte etwas. Wärme. Ein verheißungsvoller Luftzug strömte die Straße hinunter auf sie zu. „Hier entlang“, rief er und der ganze Trupp machte sich auf den Weg zur Wärmequelle.

Einstein wartete geduldig vor der Bäckerei, wie immer musste er draußen bleiben. Direkt nebenan befand sich eine Metzgerei, ein Umstand, der die Wartezeit angenehm verkürzte. Geschickt eingesetzte Blicke aus großen braunen Augen waren ein Garant für das ein oder andere Wursthäppchen. Seine lange Zunge wischte gerade nach einem herabgefallenen Stück Mettwurst, als ein kleines Wesen danach griff. Einstein schnappte und ein Aufschrei ging durch die Studentengruppe. „Es hat Luka gefressen!“

Irritiert von dem Geräusch und von einem ungewohnten Geschmack in der Schnauze würgte Einstein das Stück Wurst hervor und kotzte es auf den Gehweg. Luka krümmte sich, mehrere Studenten bemühten sich den Schleim von ihm abzuwischen. Währenddessen betrachtete er Einstein aus der Distanz. Langsam gewann er seinen Mut zurück. Eins stand fest: das Ding war warm und es bewegte sich.

Anna kam aus der Bäckerei. „Auf geht´s. Durch den Park nach Hause.” In Einsteins Fell juckte es, aber er gab nichts darum, er dachte an seinen Lieblingsbaum im Park und zog an der Leine.

Die Studenten, allen voran Luka, saßen auf dem neuen warmen Transportmittel und staunten. Einige machten sich Notizen. Die Stadt zog an ihnen vorbei. Über ihnen das weite Blau des Himmels dagegen bewegte sich nicht. Sie hatten ein neues unvorhersehbares Fortbewegungsobjekt gefunden. Es flog zwar noch nicht, aber man wusste ja nie. Jemand fertigte eine Zeichnung an, das versprach Extra-Punkte.

„Flohmarkt“ las der UnFlo-Kapitän auf einem großen bunten Schild. Das traf sich ja gut.

Bildquelle: (c) DA

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