Novelle

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Ein Spaziergang

Von Florian Riedelsperger.

Glühende Wolken ließen grünen Regen vom Himmel tropfen, in Zeitlupe fielen die faustgroßen Bälle gen Boden und schienen elastisch zu sein. Kaugummifäden zwischen den Fingern einer Prostituierten. Michelin-Männchen Filets. Der Wald ringsherum schien unberührt von Menschenhand, alles wucherte und ließ sich vom Regen in noch dunkleres Grün färben. Es gab keinen Pfad, gab nur den Weg des geringsten Widerstandes. Wir versammeln uns heute hier… Durch Büsche und Sträucher, vorbei an Bäumen, deren Krone nicht abzuschätzen war. Abschätzige Kronen, gereiht dicht auf dicht auf Starkstromleitungen. Als er sich am ersten Strauch vorbei zwängte, bemerkte er, dass die Oberfläche der Pflanze nicht fest war, nicht, wie er vermutet hatte, hart und mit einem Gewissen fest, sondern sich neblig, dehnlich, nicht definiert, aber wohl existent befühlte. Er spürte kurzen Widerstand, widerstand dem Ding, als er die Hand durch den Strauch führte, unter wenig Anstrengung die Äste nachgaben und sich für einen Augenblick in kleine Rauchschwaden auflösten – brennende Geisterhirne, Liebe aus der Content-Marketing-Abteilung – um sich wieder zu ihrer ursprünglichen Form zusammen zu finden. Matthias betrachtete mit geringem Interesse die Veränderungen, und führte in gleicher Weise seinen Arm durch einen dicken Baumstamm, der, getrennt vom Boden und seinen Wurzeln, in der Luft schwebte. Zum Tode durch Entwurzelung verurteilt. In der Ferne war ein Hupen zu hören, gedämpft, aber deutlich.

Matthias schritt nun geradewegs in den Wald hinein, ungeachtet, was sich ihm in den Weg stellte, – Existenzkrisen leicht gemacht Vol. 1 – konnte er sich ohne Mühe hindurch bewegen. Außer einem kurzen Kältegefühl, blieb ihm nichts hängen. Kein Geruch, weder Nässe noch Trockenheit. Er konnte nicht sagen, ob das an ihm lag, oder ob die Dinge nicht fühlbar waren, sich nicht fühlen lassen wollten, – beleidigtes Beileid -, undkeine Eigenschaften der Oberfläche – herzlich, smart, gutaussehend, single – zu empfinden waren. Langsam setzte er einen Schritt nach dem anderen in die Richtung, die für ihn geradeaus war. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, umso öfter er durch irgendwas hindurch schritt, blieb etwas von der Kälte an ihm haften. Jäger und Sammler.

Das Pfeifen schien sich zu nähern, immer noch unverstehbar weit weg, aber deutlicher. In kurzen Abständen erfolgten Pfiffe, als Warnung zu verstehen, als Wahrung verstanden. Er tappte mit seinem rechten Fuß in eine Pfütze, die sich, entgegen seinen Erwartungen, nicht auflöste, sondern im Gegenteil, dickflüssig sich an ihn band. Treibsand! Treibsand! Nehmen Sie zwei zahlen Sie drei!

Es schien ihn in Richtung Boden zu ziehen. Seine Kleidung kam ihm plötzlich um viele Kilogramm schwerer vor. Die bräunliche Pfütze – da ist noch nie was Gutes rausgekommen – machte einen lebendigen Eindruck. Schien sich an seinem Bein hinauf zu arbeiten, ihn langsam verschlingend. Inzwischen war auch das Pfeifen auf eine Lautstärke angestiegen, die es nicht mehr erlaubte, es zu ignorieren. I have the best words.

Mit einem Ruck wurde er in die Pfütze gezogen, eine Hand schien ihn am Fußgelenk zu packen- eiskaltes Händchen, bist du’s?. Das Pfeifen steigerte sich frenetisch, tantrisch, keine 100 Meter mehr. Mit einem weiteren Ruck sackte er bis zur Hüfte in den Boden, mit Verzweiflung suchten seine Hände Halt, fanden nur vernebelte Haltestellen. Verachtung glaubte Matthias in seiner Umgebung zu erkennen, keinerlei Spuren hinterließ sein Kampf. Gesegnet seist du Qualle, gebenedeit die Leere deines Hirnes.

Die Bäume schienen ihm stumm zuzusehen, wie er weniger wurde, um sich in Myriaden von Schwaden aufzulösen, wenn er um ihre Hilfe bat, um ihn kurz darauf beim Ertrinken zu beobachten. Ohrenbetäubend näherte sich das Pfeifen, der Boden fing an zu vibrieren. Als er nach oben blickte, sah er zwischen den Bäumen hindurch – flügge gewordene Kronen – am Himmel Rauch aufsteigen. Im gleichen Moment lichtete sich der Wald und ein Zug kam auf ihn zugerast. Bevor ihn die metallene Schnauze der Lokomotive erfassen konnte, verschwand er ganz in der bräunlich klebrigen Pfütze.

Benommen und noch etwas verwirrt sah er sich um. Nun war er nicht mehr umgeben von Wald und Wildnis – Baal und Bildnis -, ein weitläufiger Raum breitete sich vor ihm aus. Alles war in nichtssagendes Grau gehüllt, Boden wie Himmel, am Horizont, soweit er das beurteilen konnte, weit und breit keine Naht. Vor ihm dunklere Steine, die einen Pfad bildeten. Er folgte ihm.

Die Distanz zwischen den Steinen war gerade groß genug, um nicht mit einem normalen Schritt überwunden werden zu können, weshalb er mit einem kleinen Sprung von einem Stein zum anderen – Spring, Forest, spring! – hüpfen musste. Nach den ersten paar Metern wurde er umhüllt von dichtem Nebel, undurchdringbar, sodass er Mühe hatte, mehr als einen Stein voraus zu sehen. Abrupt blieb er stehen, glaubend, etwas gehört zu haben.

Aber: Einfach nur Stille, die einem den eigenen Herzschlag bewusst macht. Bald schon hatte er Probleme, nicht nur auf seinen Rhythmus zu hören. Nicht seine Umgebung aus den Augen zu verlieren, da er sich nach wie vor bedroht fühlte, wenn auch nicht unbedingt körperlich, so hatte er ein ungutes Gefühl, das von diesem Haus auszugehen schien. Welches Haus!

Doch die bereits etwas geöffnete Haustür zog ihn an, fast schon fühlte er sich hingezogen wie von einem Magneten, einer physikalischen Kraft, der er nichts entgegenzusetzen hatte. In kleinen Schritten näherte er sich der Tür – und die Tür näherte sich ihm, scheu, etwas verlegen, den Blick zu Boden gerichtet – und spürte, wie die Anziehung mit jeder zurückgelegten Anti-Distanz größer wurde. Die erste Stufe zur Veranda war genommen, er hörte durch Zwischenräume der alten Holzdielen ein Zischen, das sich anhörte wie der Wind, der entlang einer weiten Küste weht und von weit her kam. Nach der dritten Stufe stand er einen Schritt von der Tür entfernt, zögernd und flach am Ball atmend.

Im Augenwinkel sah er eine Bewegung. Links von ihm. Ein kurzes Huschen. Während Matthias versuchte – er suchte nicht, leider versuchte er sich – für die Bewegung einen passenden Körper zu finden, sammelte sich auf seiner rechten Seite eine schwarze Pfütze, die aus den Dielen herauskroch. Plötzlich schnellte sie nach vor und packte ihn zuerst an den Beinen unterhalb der Knie. Weitere Arme schossen aus der Pfütze und umschlossen ihn an der Hüfte, den Armen und am Hals. Oh Gott! Warum die Hüfte?

In eisernem Griff wurde er zu Boden gedrückt. Den Mund zum stummen Schrei geöffnet, unfähig sich zu bewegen. Die schwarze Masse breitete sich über ihm aus, durchdrang seinen Körper, seine Poren, die Adern, das Knochenmark. Er spürte das schwarze Etwas in seinem Hirn, in seinen Augenhöhlen, unter den Fingernägeln und dem Zahnfleisch. Prickelnd wie Mineralwasser.

Bildquelle: (c) DA

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