Novelle

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Eine Nacht im Hotel

Von Füsun.

„Ich will dich küssen, ich will dich spüren, ich will den Regen auf meiner blassen Haut fühlen. Komm du schöner Fremder, sei mein Casanova heute Nacht. Ich nehme dich mit in meine Welt, so nehme meine Hand.“ Das Blaue Neonlicht strahlt auf ihre Haut, der schwarze Mantel schmeichelt ihre Taille, die Haare wie Marilyn, eine Attitüde wie Dita. Sie verdreht ihre Augen, beißt sich auf die Lippe, zieht sich an mich ran, und zerrt mich in eine Gasse. Meine Endorphine spielen verrückt, mein Puls steigt, mein Herz pocht, so nah an ihrs, dass es mir den Atem nimmt. Verdammt riecht Sie gut, Jasmin mit einer dunklen Note, diese Frau hat Stil. Berauscht von Hormonen und Whiskey fühle ich wie es um mich herum heißer wird. Meine Haut streift eine weiche Tapete, ihre Nägel kratzen an meiner Hand. Realität verschwimmt mit Traum. Phantasie mit Wirklichkeit. Willkommen im Reich der Sinne. Musik dringt in meine Ohren, eine Gänsehaut tut sich auf. Die Menschen hier bewegen langsam und gewählt. Wo ist Sie? Meine Dita. Ich verliere mich in Raum und Zeit. Der Gang ist ewig lang, der Boden ist so weich, ich könnte in ihm versinken, und wahrscheinlich tue ich das auch gerade. „ Oh meine süße Fremde, ich verzerre mich nach dir, so komm aus deinem Versteck und lass uns lieben wie nie zuvor“ Ist es nicht herrlich? So dramatisch und romantisch? Wir schwören uns die ewige Liebe, doch ihr Name ist mir fremd. Ich fühle ihre Hände in meinem Nacken und gebe mich ihr hin. Doch diese Person ist nicht Marilyn. Sie oder Er trägt eine Perücke und eine Brille. Es ist mir egal, ich lasse mich fallen und genieße die leidenschaftlich süßen Küsse der Nacht und gleite während dessen weiter an der zarten Wand dieses magischen Orts entlang. Sie hat mich verführt, meine Marilyn, sie hat mich verführ und ich erliege ihr. Das Licht wird lila und ich fühle tropfen auf meiner Haut. Es waren keine Tropfen, lediglich kühle Steinchen welche von der Decke hängen. Ich betrete ein Zimmer. Es ist elegant eingerichtet. Eine nackte Dame rekelt ihre langen zarten Beine in einem überdimensionalen Cocktailglas. Ich will hineinspringen und mit ihr Baden gehen. Sie aalt sich so geschmeidig in der purpurfarbenen Milch. Im Hintergrund läuft Purple Rain von Prince. Welch ein Zufall. Ich gleite aus dem Zimmer und schleiche den Gang weiter entlang. Das Lied von Prince dröhnt so laut durch den Flur, dass es kaum zu ignorieren ist und der Bass dringt so tief in Einem ein, dass man mein Prince persönlich würde vor einem stehen. Oh Gott, habe ihn selig. Amen. Ein weiteres Zimmer tut sich auf. Es ist ebenfalls düster und es ist voll mit Menschen. Ich fühle mich wie in Hollywood. Der letzte Whiskey nahm mir meine Contenance und ich stolpere fast unbeholfen in die Gesellschaft hinein. Die Frauen tragen schöne Kleider, fast wie aus den 80ern. Und in der Hand hält jede zweite einen Martini, die Olive wird zwischen den sinnlich roten Lippen gepresst und die Augen dabei schlimmer verdreht als meine Mentorin, welche mir erst diesen Ort gezeigt hat. Wo ist sie? Ich will dich meine Marilyn. Es war doch alles so verheißungsvoll und knisternd, warum ist sie verschwunden? Ist das das Spiel was man Verführung nennt, und verliert Derjenige der zuerst der Verführung erliegt? Wäre es so, dann bin ich gerne ein Verlierer. Die Herren hier tragen Anzüge und manche Vögel sogar eine Fliege. Ich stehe wie ein Idiot, ein versoffenes Wrack. Halb im hier und jetzt, halb im Geiste verwirrt. So mime ich den Tony Montana, einen Unterschichten Dandy auf der Suche nach zugekokstem Frischfleisch. The eyes chico, the never lie. Mein Suff lässt nach, und so werde ich vom Straßencasanova zum narzistischen Arschloch. Ich werde vulgär, breitschultrig, und grob. Der Loser unter den Besserverdienern, warum nicht? Ich geselle mich zu einer einsamen Dame und lege meinen Arm um ihre entblößten Schultern. Sie schaut mich an und geht drauf ein. Wie kann man einem wie mir nicht wieder stehen? Es ist Mitternacht und das Hotelpersonal läuft gekleidet in extravaganten Kostümen mit Schüsseln voller Kokain durch die Reihen der feinen Herrschaften. Ich genehmige mit meiner Bekanntschaft eine Nase und wir verfallen einer animalischen Gier. Wir verfallen Palazzo Protso und schleichen auf den Gang. Wir treffen uns in der Mitte, und dann geht Alles ganz schnell. Ich verschließe meine Hose und lasse sie stehen. Plötzlich verspüre ich den Drang zu tanzen. Es läuft Funk und ich mische mich unter die tanzenden und schwitzenden Menschen. Auch ich schwitze, vor Leidenschaft. Es ist heiß und ich verfalle im Tanz eine Trance. Schwarz, aus Ende. Meine verklebten Augen öffnen sich zu einem Schlitz. Es ist still und es ist leer. Ich rappel mich auf und orientiere mich erstmal eine halbe Stunde lang mittels sinnloses Starren auf meine eigenen Hände. Es macht keinen Sinn, aber nun gut, ich mache als Person generell wenig Sinn. Eine Person in Schwarz mit einer graziösen Federboa erscheint vor mir. Sie ist so aufwendig geschminkt, dass man vermuten könnte es wäre eine Maske. Ich hinterfrage nichts , und verlange nach Alkohol. Sie bittet mich ihr zu Folgen und leitet mich in ein weiteres Zimmer. Hier ist alles im kolonial Stil eingerichtet und auch ein Minibar ist anzutreffen. Wie aus einem Drehbuch schreite ich automatisiert zur Bar und warte bis man mir einschränkt. „Whiskey, bitte, egal welchen“. Ich bekommen ein kühles Glas in die Hand gedrückt und trinke. Der bittere Tropfen gleitet meiner Kehle hinab, das Wohlbefinden steigt. Deliziös. Spätestens jetzt bemerke, ich dass unsere Barkeeperin ein Barkeeper ist und auch wallende schwarze Haar wohl nicht einer Latina entstammt, sondern eher eine Manufaktur aus Indien. Trotz steigendem Alkoholpegel tritt Ernüchterung ein. „Entschuldigung, da sie hier arbeiten, wollte ich fragen, ob sie vielleicht diese eine da kennen“. „Wen meinen Sie? Könnten Sie vielleicht „die eine“ ein wenig konkretisieren?“. „Ja, die eine da, diese Alte mit den blonden Haaren. Richtig heiße Braut. Sie aus wie Marilyn“. Der Barista zuckt mit seinen Schultern und sagt „Nie gesehen, aber sind se sicher das es ne Sie war?“ So stehe ich auf, verlasse diese Bar. Mein Name ist Hase ich weiß von nichts und so bin ich ein freier Mann.

Bildquelle: (c) DA

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