Novelle

Headquarters for Experimentalism

INSEL (Arbeitstitel)

Von Dynamo „Macrogolem“ Kramer.

Vor wenigen Tagen bin ich in die Spektralklasse gewechselt. Gemeint ist, dass ich im System nicht länger als „Tier“ geführt werde, sondern zu den Geistern bzw. „Spektren“ zähle. Noch bin ich aus Fleisch und Blut, aber nicht mehr lange.

Wir alle werden in die Tierklasse hineingeboren. Danach bilden sich aber unterschiedliche Fraktionen heraus. Als Spektrum gehöre ich endlich nicht mehr zu den wenig respektierten Anfängern, den (meist unbeschuhten) Tieren, sondern belege ein fortgeschrittenes Niveau, dem einiges Ansehen zukommt. Als Nächstes strebe ich unbedingt die Technikerklasse an, die mich meiner großen Liebe einen Schritt näherbringen soll – Waldgolème. Wenn alles gut läuft, werde ich in wenigen Jahrzehnten als zertifizierter Spektrometer einen starken Eindruck auf sie machen können. Meine Vorahnung verheißt Wundersames: Eines Tages werde ich Waldgolème in einer unvergesslich prunkvollen Zeremonie geehelicht haben.

Doch alles der Reihe nach. Geduld, mein zunehmend herumgeisternder Freund! Morgen habe ich erst einmal eine Unterredung mit dem Hausmeister, es wird wohl auf ziemlichen Ärger hinauslaufen, weil ich nachts ins Madweb eingedrungen bin, ohne vorher genügend Credits gesammelt zu haben. Ich werde ihm zu meiner Verteidigung erklären müssen, dass wir Geisterwesen uns schon sehr anstrengen müssen, um nicht von dem Dunkelstrom mitgerissen zu werden, den das Madweb nun mal erzeugt.

Jetzt kümmere ich mich aber erst mal um die Hausaufgaben, die noch immer ausstehen. In unserer Götterübung sollen wir ein Stück präsentieren. Erst wollten Fymn und ich was mit Verschränkung machen, aber daraus ist leider nichts geworden, weil Lar sein Spezialobst nicht teilen wollte. Daher konzentrieren wir uns jetzt auf einen gruseligen Plot: Böse Aufständische planen, eine längst vergessene Siedlung in totales Chaos zu stürzen. Ich persönlich will unbedingt noch eine Liebesgeschichte einbauen, aber Fymn besteht darauf, dass es eine aussichtslose Dystopie mit einem bösen Protagonisten werden soll. Wir werden sehen, wie weit wir kommen.

Heute waren wir schwimmen, also Fymn, Habababa und ich. Entlang unseres Teils der Insel (der „Schnitte“) gibt es viele schöne Buchten, das Wasser ist grün wie Kristallglas, der Sand weiß und fein. Wenn die Sonne scheint, kann man die Überreste alter Fraktionspaläste auf dem Meeresgrund sehen, halb im Schlick versunken und ganz von Algen überwuchert. Ich schätze, die Insel war früher mal größer und es gab noch mehr Fraktionen.

Wir waren also schwimmen und ich hab gemerkt, dass das Wasser mich nicht mehr so richtig berührt. Wegen der Spektralklasse, klar, aber es ist doch irgendwie echt komisch. Ich meine, ich kann noch normal schwimmen, aber ich werde nicht mehr wirklich nass. Gestern hat ein Mangrovenzüngler sogar versucht, direkt durch mich durchzuschwimmen. Hat natürlich nicht geklappt, und wir haben beide einen ziemlichen Schreck gekriegt. Habababa meinte, der traue sich bestimmt nicht mehr ins Wasser, und dann ist sie durch eine der Ruinen gefasert. Sie hat leicht reden, sie ist schließlich schon seit einem Jahr in der Spektralklasse, und mit etwas Glück kann sie bald komplett fasern.

Zwei Tage später steht unsere Götterübung noch immer nicht. Morgen ist Vorführung, vielleicht kommt sogar der Hausmeister, und wir haben noch nichts. Na ja, nicht wirklich nichts … Fymn hat dieses Grundgerippe mit den Aufständischen, den Mordhöhlen und so, aber da hängt noch kein Streifen Fleisch dran, das klappert alles nur so rum. Ich hab ja gleich gesagt, wir brauchen eine Liebesgeschichte, am besten zwischen dem Protagonistengott und einem zauberhaften Waldgolem, aber Fymn hält das für Blödsinn und sagt, das sei reine Wunschprojektion. Für Wunschprojektion müsste ich allerdings noch kräftig üben, selbst Habababa beherrscht nur die Grundlagen.

[…]

In der Schule lernen wir nicht nur Schreiben und Rechnen, sondern auch Monstern. Es gibt viele Kreaturen auf der Insel, und die meisten von ihnen haben mehr oder weniger als zwei Füße und ein Gesicht.

[…]

Ich war schon wieder im Madweb, hab mir auf die Schnelle ein paar Theaterszenen gewurmt. Eigentlich wollte ich nur ganz kurz spinxsen, aber dann hat’s mich diesmal tatsächlich mitgerissen, ich werde wirklich mit jedem Tag geisterhafter, da muss ich mich noch dran gewöhnen. Neben den Theaterszenen für morgen habe ich Rotkappen gelernt, ein sehr spezifisches Subgefühl von Angst, wie wenn man weiß, dass da etwas Bedrohliches ist, aber nicht wo, und dass es schlimm werden wird, aber am Ende doch gut ausgeht, weil irgendjemand irgendwas eingenäht bekommt. Ich hoffe, unsere Präsentation heute wird gut, ich weiß nicht, ob meine Madweb-Szenen in Fymns Gerippe reinpassen … ich rotkappe schon ein bisschen … Toi! Toi! Toi!

Bildquelle: (c) DA

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