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Kathrinterview

Interview mit Autorin Kathrin Passig.


Werden Möwen zu Recht als Luft-Wasser-Huren bezeichnet?

Nein. Während Huren arbeiten wie andere Leute auch, sieht man Möwen überhaupt nie bei der Arbeit. Sie kreischen und fliegen herum, sie stolzieren und sitzen auf Schildern und gucken arrogant, während andere Vögel sich mit dem Fangen von Fischen oder wenigstens Würmern oder Krümeln befassen. Wovon die Möwen leben, ist ganz unklar, vielleicht extrahieren sie Energie direkt aus der Luft, so wie Fische Sauerstoff aus dem Wasser gewinnen, obwohl man denkt, da ist doch sicher keiner drin.

Wenn Hexen hexen, was tun dann Nutten?

Sie sind doch besessen. Aber Ihre Vermutung stimmt: Nutten nutten, sie können also manchmal der Versuchung nicht widerstehen, beim Dranvorbeigehen wiederholt auf metallene Geländer zu klopfen. GENAU WIE ANDERE LEUTE AUCH. Kommen noch mehr solche Fragen? Dann mag ich nämlich gleich nicht mehr.

Für wie viel Geld würden Sie ab dem Sommersemester 2018 in Zülpich Zoologie auf Marder studieren?

Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Ich glaube, das Problem ist nicht so sehr das Studium selbst (da würde es davon abhängen, wie früh man für Zoologie aufstehen muss und ob Anwesenheitspflicht besteht). Hauptproblem aber: Für Marderfachleute gibt es nur zwei mögliche Tätigkeiten: Entweder geht man in die Marderforschung, dann sucht man Antworten auf die Frage, wie sich Marder von Autos fernhalten lassen. Oder man lässt sich bei einem Mardervergrämungsunternehmen anstellen, dann soll man Marder von Dachböden fernhalten. Man beginnt das Studium voll Liebe zum Marder, und am Ende geht es im Berufsleben nur darum, wie man ihn so weit wie möglich auf Distanz hält. Gut, das ist natürlich in vielen Berufen so, Infektiologie, Astronomie, Social-Media-Management …

Sollte ein Lebenslauf so lückenlos wie die Finsternis sein?

Absolut. Das heißt, dass der Lebenslauf nachts mehrmals vom Handy unterbrochen wird und tagsüber sowieso. Die meisten Arbeitgeber haben dafür Verständnis, und bei den anderen sollte man sowieso nicht anfangen.

Sind Möbel Zeitverschwendung?

Auf den ersten Blick ja, vor allem Küchen-, Bad- und Wohnzimmermöbel. Aber wenn man genauer hinschaut, sind Möbel eine der wenigen Möglichkeiten, Zeit haltbar zu machen: Beim Zusammenschrauben eines IKEA-Möbelstücks bindet man Zeit, so wie Bäume oder Hochmoore CO2 speichern. Wenn die Zeit dann einmal knapp ist, zum Beispiel kurz vor einem Abgabetermin, kann man sie durch den umgekehrten Vorgang wieder freisetzen.

Welche Autoren haben Sie und ihren Schreibstil blablabla

Ganz wichtig natürlich dieser eine da. Und dass ich in meiner Jugend viel Zeugs gelesen habe – später war ich dafür zu ungeduldig. Aber wichtiger als solche direkten Einflüsse sind ja die Texte, die man nicht liest, und in dieser Hinsicht würde ich mich als stark von Thomas Pynchon beeinflusst bezeichnen. Da könnte ich nicht mal einen Buchtitel nennen, oder doch, irgendwas mit Regenbögen.

Das bringt mich auf meine letzte Frage: Am Definitionsknopf von Ästhetik so lange zu drehen, bis das meiste, was wir tagtäglich wahrnehmen (Gummibärchen, Regenbögen, Inder, „Zehenspitzenstelle wird erkedigt“ u. v. m.), als Kunst durchgeht?

Exakt so habe ich meine Arbeit immer verstanden. Ist natürlich schwierig, weil das alle so machen („Instagram“, „Twitter“), aber dadurch darf man sich nicht lähmen lassen. Wir sind erst dann am Ende unserer Aufgabe angelangt, wenn Museen eingerichtet werden für die paar verbleibenden Dinge, die keine Kunst sind: Autobahnen, Luft, altbackene Butterbrezen.


Bildquelle: Norman Posselt / normanposselt.com

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