Novelle

Headquarters for Experimentalism

Lost und gebeutelt

Von Karoline Schmidt.

Für die Frau am Spielautomaten


Personen:

Inga

Sophie

Herbert

Dietmar

Wirt

Helene

Sören

Mann

Frau

Taxifahrer

Joggerin


Erster Akt

Erste Szene

Kneipe, Inga und Sophie sitzen an der Theke und trinken Bier.

Inga: Der Typ ist so ein Wichser!

Sophie: Ja man, der ist mega eklig mit seinen viel zu engen Klamotten und seinem ° blöden Musikgelaber!

Inga: Wie konnte ich nur auf den reinfallen??!

Sophie: Passiert.

Inga: Eigentlich hab ich mir das schon gedacht als der mit seinen dummen Ideen ankam. ° Aber da wollte ich auch noch mit ihm schlafen und war verblendet. Obwohl ich mich ° da auch im Nachhinein frage wieso eigentlich, am Ende denkt eh fast jeder Typ, dass ° es für die Frau besonders geil ist wenn er im Bett irgendwie ganz schnell rummacht und ° dann tut man so als wäre alles cool nur um dem scheiß Typ kein schlechtes Gefühl zu ° geben. Das muss man sich mal vorstellen! Und wenn man den Idiot dann mal auf sein ° generell beschissenes Verhalten anspricht labert der plötzlich was von Nicht- ° Verliebtheit um sich buchstäblich aus der Affäre zu ziehen obwohl es darum überhaupt ° nicht ging sondern um sein total behindertes Kackverhalten. (Macht eine dumm ° klingende tiefe Stimme) „Weiber, immer gleich verknallt, weil wir Typen so geil ° sind.“

Sophie: Ich hasse den. Halte den echt für komplett einfältig und dumm.

Inga: Frag mich was das soll. Und am Ende ist man die hysterische Schreckschraube und ° der Typ der geile Macker. Fuck off, die sollen sich alle mal ins Knie ficken!

Sophie: Prost!

Wirt: Magt ihr noch was trinken?

Inga: Zwei Pils.

Herbert: (Sitzt mit Dietmar am anderen Ende der Theke) Was macht n’ Elefant wenn er n’ Tampon ° braucht? Setzt sich aufn Schaf! (Lacht)

Dietmar: Hahaha! Klasse. (Lacht auch)

Helene: (Am Spielautomat): Du musst mir Geld für Zigaretten wechseln!

Wirt: Du hast hier nochn Deckel, bezahl den erst mal!

Helene: (Murmelt) Blödes Arschloch.

Aus dem Radio tönt eine gepresste Stimme: „(…)wenn du lost und gebeutelt bist(…)hör auf die Stimme…“

Inga: Boah!! Ich hasse das Lied! „lost und gebeutelt“! Was soll das heißen? Das klingt ° so beschissen, der macht so widerliche Betonungen!

Sophie: Finde das Lied auch ganz schlimm. Frag mich wer das ernsthaft hört.

Die Tür geht auf und Sören kommt mit weit aufgerissenen Augen herein. Hibbelig stellt er sich an den Spielautomat aber da sitzt Helene und wird die nächsten Stunden nicht weichen. Geht an die Theke zum Wirt und zeigt ihm ein Foto auf seinem Handy.

Sören: Guck mal, die hab ich letzte Nacht gebumst.

Wirt: (Peinlich berührt) O.K.

Inga: (Halblaut) Was ist das denn für ein ätzender Perversling?!

Sophie: Dem würd ich auch gern mal eine reinhauen!

Die Kneipe füllt sich, vor Leuten und Rauch , die Luft ist erhitzt. Sophie zieht ihre Jacke aus und Herbert fühlt sich von ihren zum Vorschein kommenden Tätowierungen angelockt.

Herbert: Hier! Ich bin auch tätowiert, eine Maus auf dem Arsch, willst du mal sehn?

Sophie: Ja, zeig mal.

Herbert: (Zieht die Hose halb runter) Moment…Siehst du die Maus?

Sophie: Da ist nichts!

Herbert: Tja, manchmal verschwindet sie im Loch! HaHaHaaa! (Lacht obszön)

Dietmar: (Ruft aus der Ecke herüber) Hahaha, verschwindet ins Loch… (Kichert errötet)

Inga: Spitzen-Witz!

Herbert setzt sich wieder zu Dietmar.

Sophie: Lass mal langsam abhauen. Können doch noch draußen am Kiosk eins trinken.

Trinken das restliche Bier auf ex und zahlen.

Zweite Szene

Vor dem Kiosk auf dem Bürgersteig. Eine Menschentraube hat sich angesammelt. Die Nacht ist lau und es riecht nach einer Mischung aus Parfum, Urin und Zigarettenrauch. Die Männer tragen Dutt und Vollbart und die Frauen Dutt und Leggins.

Inga: Das Bier schmeckt ganz herrlich heute. Nur die ganzen Sickos hier machen mich ° irgendwie krank

Sophie: „Lost und gebeutelt.“ (Lacht und trinkt in großen Schlucken) Meine Arbeitskollegin ° hat heute erzählt, dass ihre Schwester, die in einem Verein für finanziell schlecht ° gestellte Rentner in Berlin tätig ist, mal einen Marmorkuchen für Sigmar Gabriel ° gebacken hat. Der war wohl eingeladen den Verein zu besichtigen und da hat die ° Schwester zu seinen Ehren den Kuchen gebacken. Jedenfalls soll Sigmar Gabriel ° den ganzen Marmorkuchen alleine aufgegessen haben.

Inga: Das glaub ich. (Lacht und trinkt, steckt sich eine Zigarette an)

Sophie: Die andere Arbeitskollegin hat sich furchtbar aufgeregt, dass der doch schon fett ° genug wäre und er nicht auch noch den armen Leuten das Essen weg essen müsste. ° Die dritte Kollegin meinte dann, sie könnte sich auch vorstellen einen ganzen ° Kuchen allein zu essen.

Neben den beiden lehnt ein Pärchen lässig an der Wand.

Frau: Ich bin gerade dabei euer Logo zu designen, Schatz. (Fummelt dabei auffällig und ° bestimmt an ihm herum.)

Mann: Du, das ist super! Einer meiner Jungs hatte auch noch eine echt coole Idee: Ein ° Strichmännchen als Grenzgänger zwischen Quadrat und Kreis.

Inga: Ich kotz gleich. Endstation Dummheit.

Sophie: Vielleicht gehen wir doch nochmal woanders hin.

Zweiter Akt

Dritte Szene

In der Kneipe. Dietmar und Herbert sitzen immer noch an der Theke und haben sich, zunehmend betrunkener, in die Haare bekommen.

Dietmar: Ach halts Maul. Kein Mensch braucht dich!

Herbert: Halt du dein Maul. Dich braucht kein Mensch.

Dietmar: Ach halt doch dein Maul. Du Penner.

Wirt: Ist gut jetzt! Ihr fliegt gleich beide raus.

Dietmar: Halts Maul du Penner.

Sören: (Ungeduldig) Helene! Wie lange spielst du denn noch!

Helene: (Keine Antwort)

Vierte Szene

Taxi. Sophie und Inga, mittlerweile auf Mischgetränke aus der Dose umgestiegen, sind ebenfalls zunehmend betrunkener.

Inga: Kennst du die Folge vom A-Team wo das A-Team sich im Wald mit Rangern ° anfreundet, die aber vorher schon die Militärpolizei alarmiert hatten als sie noch ° nicht wussten, dass das A-Team o.k. ist und dann Banditen kommen und den Bus ° klauen wollen und das A-Team die Banditen überlistet und der Militärpolizei ° übergeben will und als Colonel Decker und die Militärpolizei mit dem ° Hubschrauber kommen der eine Cop als erstes mit dem Maschinengewehr aus dem ° Helikopter raus schießt?

Sophie: Ne. (Rülpst)

Inga: (Zum Taxifahrer) Kennen Sie die?

Taxifahrer: Nein. Wo möchten Sie aussteigen?

Inga: Ich hasse es wenn Leute über das A-Team reden. Generell über Serien aus den ° Achzigern. Das ist so peinlich. (Rülpst und verdreht die Augen)

Fünfte Szene

Inga und Sophie sind auf einer Vernissage in einer Privatwohnung. An den Wänden hängen bunte Leinwände auf denen Wollbommeln angebracht sind. Ein großer weißer Hund schnappt danach. Die Gäste springen auf und ab zu Musik, die sie bei Youtube abspielen.

Inga: Alle außer Rand und Band.

Sophie: Ich geh mal nachsehen ob die hier Bier haben.

Alles verschwimmt nach und nach und fährt und dreht sich zu einer wellenförmigen Halbwahrnehmung die später niemand mehr so genau greifen und begreifen kann.

Dritter Akt

Sechste Szene

Herbert, Sören, Inga und Sophie sitzen zufällig in der gleichen U-bahn. Sophie und Inga in einem Vierer, Herbert und Sören auf den Klappsitzen an der Seite. Alle tun so, als würden sie sich nicht kennen.

Inga: (Flüstert hörbar) Ieh guck mal, da ist dieser Spast wieder!

Sophie: Welcher?

Herbert schläft ein und kippt rüber zu Sören. Der rückt angewidert an den äußersten Sitzrand.

Sören: Verpiss dich man!

In Herberts Schritt bildet sich ein wachsender feuchter Fleck. Sören springt auf, verliert das Gleichgewicht und kann sich gerade noch so fangen. Sophie und Inga lachen.

Sören: Was gibt’s da zu lachen ihr Planschkühe?!

Inga: Yo, reg dich ab.

Beim nächsten ruckartigen Stopp kippt der schlafende Herbert vom Sitz. Niemand hilft ihm auf, Sören steigt aus.

Siebte Szene

Sören wankt aus der Station. Draußen geht die Sonne auf. Er torkelt über die Brücke, runter zum anderen Flussufer. Eine 77-jährige Joggerin kommt ihm auf dem Gehweg entgegen. Kurzerhand stößt er die Frau ins Wasser und geht weiter ohne sich umzusehen. Ein Passant hält Sören auf und alarmiert die Polizei. Die Frau rettet sich ans Ufer. Sören kann sich nicht losmachen, er ist zu kaputt und der Mann zu stark. Die Polizei kommt und bringt ihn in die Ausnüchterungszelle.

Letzte Szene

Inga liegt sehr betrunken im Bett. Die Sonne scheint durch die Ritzen des Rollladens. Auf dem Boden liegen Kleidungsstücke verstreut. Sie stellt ein Bein aus dem Bett heraus auf die Dielen.

Inga: (Zu sich selbst lallend) Wieso steht das Bett so fest verankert? Früher hat es sich doch immer ° gedreht und ist im Kreis gefahren nach solchen Nächten. Ist das wirklich schon ° Jahre her? (Schläft direkt ein)

Ende.

Bildquelle: (c) DA

Next Post

Previous Post

Leave a Reply

© 2021 Novelle

Theme by Anders Norén