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MAUSER UND WAS SONST NOCH WAR

Eine Kurzgeschichte von Dominic Angeloch, illustriert von Daniel Ableev.


Ansonsten: mischte Mauser sich nach longitudinaler Rekonvaleszenz am Samstag endlich wieder einmal unter mehr oder minder muntere Vertreter des Menschengeschlechtes, namentlich auf einer fête eines alten Freundes, die dieser anläßlich der Begehung seines Jahrestages für sich selbst ausgerichtet.

Mauser bestieg eindreiviertel Stunden früher als alle anderen Gäste das in einem 50er-Jahre-DDR-Renommierprojektbau auf der Stalin-Allee gelegene Appartement, er hatte sich bereit erklärt, dem Freunde bei der Zurichtung der Nährmittel zur Hand zu gehen: So schnitt er Salsicie unde Käse unde schichtete selbige auf weißblauen Kaffeeservicetellerchen unter des Freundes strengem ästhetischem Reglement zu einfallsreichen Nahrungsmittelarrangements. Zum Behufe der delectatio unde Kurzweil lud Mauser ein elektronisches Musikstück aus den Weiten des Netzuniversums zu ihnen ein, welches dem Geburtsterling so gut gefiel, daß die Gäste es an diesem Abend mit angesichts solcher Ergetzung nur zögerlich abnehmendem Zuspruch noch circa 45 bis 53 Mal über sich ergehen lassen müssen sollten:

http://www.youtube.com/watch?v=p6gPgXlgktI

Während dessen aber, dasz Mauser so Salsicie- unde Käsekonglomerate komponierte, kam ihn eine gar artige Stimmung an: Es steigt der hohen Saeulen Pracht, / Und der gefrornen Musik Schall / Ist ganz harmonisch ueberall. Unde mit einemmal wollten ihm Vergangenheit unde die Gegenwart unde die Zukunft ganz klar vor Augen stehen: Mauser würde in seinem Leben so weitermachen wie bisher, die ursprünglich grundlegender Veränderung zugedachte Leibes- unde Seelenkraft dabei jedoch restlos für die Herstellung eines spürbar prächtigeren Daherkommens aufwenden.

MAUSER (beiseite): „Ah! Ich möchte so gern einmal, O Mutter, ein richtig zünft’ger Popanz sein!“

Alsodann ertönte die Türglocke, unde siehe, da gebar sie als erste aus der Gästeschar zwei Jungfern. Deren eine erschien Mauser alswie ein starkhufiges Rosz, unde er begrüßte sie gebührlich unter Nennung seines eigenen Namens; deren andere aber war mit so viel Liebreiz betupft, daß sie ihn anmutete alswie ein ätherisch’ Geschöpf, in dessen gar wohlgeformtem Gerüste ihm hausen zu müssen schien auch ein gar wohlgeformt’ Seel. Unde Mauser dachte: O waehle mir die holden Strahlen / Womit die vollen Rosen prahlen. Unde von derlei Seraphim läßt Mauser sich gar schnelle verzücken, alsoweil er sie sofort durch einen Jokus versuchte. Dieser aber schien Mauser selbst so vortrefflich unde machte ihn so lauthals frohlocken unde toben unde husten unde jauchzen unde schrein, dasz die Fee nach anfänglichem Gluckern erbebte unde ihr Rosz beim Zaumzeug nahm unde davonsprengte in den Festesglanz der heiter ihre Ankunft gewahrenden Küche.

DIE FEE (frontal): „He halli-hallo wie geht’s ’n so?“

Mauser indes besuchte das Badezimmer unde befragte den Spiegel. Während dessen aber, dasz Mauser sein vom großen Gelächter ganz bläuliches Antlitz betrachtete, rumpelte unausgesetzt http://www.youtube.com/watch?v=p6gPgXlgktI, unde es war womöglich dieses – gepaart mit nunmehriger Waschung der immer noch Salsicie- unde Käse-verklebten Hände –, dasz Mauser dachte, dasz ihn das angestrebte Verfahren der veränderten Unveränderung seinem ursprünglichen Ziel grundlegender Veränderung vielleicht sogar näherkommen lassen würde als der direkte und alsoweil ohnehin wahrscheinlich nur von Heilanden beschreitbare Weg. „Vielleicht?“, dachte Mauser aufgeräumt – nein: Bestimmt! verhalte es sich so wie soeben so trefflich gedacht.

DIE DUSCHDAS-FLASCHE (empört): „Du bist gar leicht zu ueberfuehren, / Dasz dieser Einwurf mehr Sophisterey, / Als deine wahre Meynung, sey!“

Nach und nach versammelte man sich unde sprach eines in des anderen Richtung unde begann zu essen Salsicie unde Käse unde zu trinken Rotwein unde Weißwein unde Roséwein unde Cervisia. Mauser trumpfte auf mit frisch erstandenem unde echt rahmengenähtem italiänischem Schuhwerke, ohne daß es jemand bemerkte. Unde wohl daher speiste auch Mauser ein Stück geschmackfreier italiänischer Teigschichtung, die er gleichwohl geflissentlich zu loben wußte, indes er unter dem Tische unauffällig, aber nichtsdestotrotz aufs Konsiderabelste nachsalzte.

DER GEBURTSTERLING: „Du, isses okeh für Euch, wenn ich nochmal schnell ‚Replay’…?“

http://www.youtube.com/watch?v=p6gPgXlgktI: „Jetzt reichts mir aber langsam. Kann der nicht mal was anderes? Ich hab kein Bock, hier die ganze Nacht den Otto zu machen.“

Sowie Mauser die nun versalzene, ansonsten aber immer noch geschmackfreie Speis vertilgt hatte, brach ein mächtiger Durst in ihm aus, unde er begann, eine bacchantische Menge Rotwein zu trinken unde dabei eine halbe Indianerdrehtabaktüte zu rauchen, von der er nicht mehr wußte, ob sie ihm ein freundlicher Wicht in die Tasche getan oder ob er sie gar gestohlen? –: unde slah im mit willen eine vlaschen, / dasz im die hunt das hirne ab der erde müeszen naschen.

DIE GÄSTESCHAR: „Mana-mana.“

Später gewahrte Mauser sich mit einer tanzenden Maid unde einem Tänzer zu Tainted Love unde Vogue unde Spin me round unde Ich bin erst 66 Jahr tanzen, ohne auf die ob seines weitgehend zügellosen Armkreisens unde Hüftrotierens betroffenen Blicke eines auf einem Sperrmüllsessel dürftig hindrapierten Bubikopfpüppis zu achten. Dies Bubikopfpüppi, zu dessen Antlitz Mauser allenfalls einen zu exzessiven Botox-Einsatz zu assoziieren gelang, hörte er bei dessen bald darauf statthabendem Abschied vom Jubilar gegenüber dem Jubilar behaupten, sich mit Mauser schon einmal auf der Suche nach einem Käse-Sandwich in der City befunden zu haben. Mauser wollte oder konnte sich nicht daran erinnern; dachte nur: daz der tubel zu keiner stete / immir icht gutes tete, / daz were widir sine art; drehte die Orgel lauter unde schwankte unde bog unde quetschte sich unde ruckte annähernd im gärenden Takt der zerfallenden Musik.

DIE GÄSTESCHAR: „Mana-mana.“

Noch später waren plötzlich alle Gäste von dannen gezogen, unde Mauser gewahrte sich in einer aus dem Gastgeber, dem Tänzer unde einem Haitianer bestehenden Männerrunde, woselbst er sich die musikalischen Ex-Bemühungen des Gastgebers unde des Tänzers vollmundig loben unde diese so leidenschaftlich zum Weiterführen ihrer vor Dreijahresfrist aufgelösten Combo auffordern hörte, daß nicht nur der das Deutsche kaum bemeisternde Haitianer ihm mit gar sonderbarem Nachdruck nachdrücklich zustimmte, sondern selbst Mauser ernsthaft sich selbst.

Noch später, nachdem Mauser mehrfach furchtlos das Ansinnen des sinistrer und sinistreren Mutes werdenden Haitianers abgewehrt, sich seinem betriebsamen Pringles-Mischkonsum anzuschließen, machte Mauser sich volltrunken unde unter intensiven unde ekstatischen unde schröcklichen unde metafisischen Deklamationen nach Hause.

Es erschien Mauser, als sei er mit Turboboost gereist, als er sich plötzlich in einem ihm unbekannten Pyjama auf dem Balkon seiner eigenen Wohnung wiederfand unde sich seiner kreativen Idee anheimgeben sah, sich vor dem Zubettgehen auf seinen Balkon erbrechen zu sollen. Nachdem Mauser prachtvoll unde aufwendig unde pompös gekötzelet, besah er sich das rote Ergebnis unde kam ins Sinnieren: War es der Wunsch nach Abwechslung in seinem nur oberflächlich betrachtet in geregelten Bahnen sich bewegenden Leben, der ihn dazu gebracht hatte, entgegen seiner Dressur seinen eignen Balkon zu bespeien, oder hatte er dies als nichts anderes zu verstehen denn als die überraschende Wiederkunft einer Art falschverstandener Aerophilie? Unde Mauser fieng aufs neue an zu kutzen unde zu schneuzen, / kleglich zu stehn unde zu seufzen.


Bildquelle: (c) DA

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