Novelle

Headquarters for Experimentalism

Meine Seele im Holzpferd

Von Johanna Klampfer & Atamayka.

Ich liege im Bett und sehe den weißen Vorhang an. Er nimmt meine Gedanken in sich auf, sie verschwinden darin ein wenig, lösen sich in dem makellosen Weiß von ihrer Dringlichkeit. Ich kann einige Momente lang Nichts denken und mich erholen.

Da ist diese ebenfalls wohltuende, weiße glatte Wand neben dem Vorhang. Ich erinnere mich an den Geruch Kalk, als ich die Wand ansehe.

Meine Augen weiden sich an dem ungebrochenen Weiß. Einige Momente lang schwebe ich.

Doch plötzlich huscht ein Schatten über die Wand. Meine Augen können ihm erst kaum folgen, so schnell ist er fort. Doch er kommt wieder.

Ich weiß, dass er wieder kommen wird, zurück zu mir, auch wenn er es über Umwege tut.

Denn er ist es, der Schatten des galoppierenden Pferdes.

Jetzt kann ich ihn sehen. Auf einem dünnen Sonnenstrahl, der durch den dünnen Vorhang hindurch fällt, reitet er. Ein weicher milchiger Schleier entsteht, der sich den Fußboden entlang zieht, bis zur Wand hin. Denn der Schatten verwischt alle Spuren an die Sonne hinter sich.

Um mich abzulenken, denke ich an die sonnenbeschienen Bergspitzen da draußen. Ich kann sie von meinem Bett aus nicht sehen, weil der Vorhang zugezogen ist.

Der Schatten dringt immer massiver ein in meine Gedanken, auch wenn ich versuche ihn auszusperren. Erst spüre ich ihn in meinem Magen, wie er umher tänzelt. Dann steigt er von dort langsam über meine Kehle hinauf, schnürt sie zu und kommt schließlich in mein Gehirn gekrochen. Begleitet wird er von einer Übelkeit und einem beinahe spürbaren dumpfen Trommeln, das nur ich hören kann.

Schließlich bricht er ganz in mein Denken ein, verknotet meinen Hals und treibt das Nichts aus den Gehirnwindungen, das mir Augenblicke der Erholung geboten hat. Ich kann es nur noch Augenblicke hinauszögern, das weiß ich.

Ich atme einige Male tief ein und aus, dann ertönt der Klang seiner Hufe und schon schnellt mein Blick zu ihm hoch, dem Holzpferd über mir. Dieses lächerliche zarte Dekorationsstück. Es hängt an seiner Schnur an der Lampe und wiegt leicht hin und her. Ich betrachte es und bewundere es widerwillig. So strahlend blau ist es. Man sieht ihm die Jahrzehnte, die es hier bereits hängt gar nicht an. Seine mit Strass besetzte Mähne glitzert wie eh und je. Aus feinstem Holz gearbeitet, seine Beine grazil, schlank, angewinkelt zu schnellem Galopp liebevoll gearbeitet für das kleine Kind, das ich einst war.

Seit damals hängt es von der kugelförmigen Lampe über meinem Bett, an einer dünnen Schnur.

Sie haben es geschubst, dass es sich über meinem Kopfe dreht und ich habe gelacht und mich gefreut.

Das ist meine erste Kindheitserinnerung. Das blaue, glitzernde Pferd, das über mir dahin galoppiert. Es hängt da seit meiner frühesten Kinderjahre. Es hing da, als sie mich in die Grundschule, später aufs Gymnasium schickten. Ich verteidigte es erfolgreich vor den Umbrucharbeiten in meinem Zimmer, als sie neue Möbel hereinbrachten, einen neuen, größeren Schreibtisch, ein neues Bett. Sie meinten es sei Zeit es loszulassen, einen neuen Lampenschirm an die Decke zu hängen, ohne dem Pferd daran.

Doch das ließ ich nicht zu.

Stattdessen drehte ich es weiter, damit es im Kreis hüpfte.

Seit ich denken kann, drehe ich das Pferd, damit es über meinem Bett im Kreis springt und hüpft.

Anfangs waren es nur einige Minuten am Tag. Doch kontinuierlich wurden es mehr Minuten. Die Zeiten zu denen ich es drehte wurden reglementierter.

Das Drehen des Holzpferdes wurde mit jedem meiner Lebensjahre dringender und unvermeidbarer. Der Anspruch dieses Anfangs kaum beachteten kleinen Spielzeugs wuchs je älter ich wurde. Ich musste das Ritual vollführen und das Pferd drehen.

Erst nur jeden Tag nach dem Aufstehen. Dann auch mittags, wenn ich heim kam von der Schule und schließlich auch vor dem Zubettgehen abends.

Irgendwann fiel es den Eltern auf, und sie redeten sie auf mich ein, damit aufzuhören. Ich musste Therapien machen, die es mir austreiben sollten, bei Therapeuten, die die Macht meines Pferdes nicht einschätzen konnten. Sie versuchten mich von ihm zu trennen, doch sie schafften es nicht.

Ich drehte das Pferd bald auch nachmittags, mehrere Male, dann schließlich jede Stunde ab dem Heimkommen aus der Schule bis zum Schlafengehen.

Seit dem Schulabschluss ist es auch nachts Bestandteil meines Lebens. Ich muss es drehen, mindestens dreimal zwischen Dämmerung und Morgengrauen.

Die Eltern haben den Wecker fortgenommen, doch ich wache trotzdem auf, oft schlafe ich auch gar nicht.

Ich blicke hinüber zu den Büchern, die in einem wilden Stapel auf meinem Schreibtisch liegen. Jetzt, da ich studiere, und mir die Vorlesungen selbst einteilen kann, bin ich öfter zuhause, als in der Schulzeit. Das Holzpferd muss nun auch vormittags gedreht werden. Also muss ich mindestens einmal vormittags nachhause kommen. Wenn sie mich ansehen, die Eltern, dann mit einem mitleidigen Blick. Aber hinter dem Mitleid steht der heimliche Wunsch, mich und das Pferd endlich los zu werden.

Wie oft schon wollten sie mir das Pferd wegnehmen und sie taten es auch. Eines Mittags, als ich nach Hause kam, war es verschwunden. Ich suchte und fand es im Mülleimer. Sie beschworen mich unter Tränen es dort zu lassen und es mit all dem Unrat zu verbannen, es wenn nötig sogar zu verbrennen, zu zerstören, nur um es endlich vergessen zu können.

Ich antwortete unter Tränen, dass mein Pferd mich nicht würde aufgeben können und ich brachte es zurück in mein Zimmer. Wie oft schon haben sie mich bekniet dem Holzpferd abzuschwören, wie oft schon habe ich es versprochen und es nicht gehalten.

Sie verstehen nicht, dass mein Leben längst eine unauflösbare Verbindung mit ihm eingegangen ist, dass mein Geist in das Pferd eintaucht, sobald ich in seiner Nähe bin. Sie sehen seine Anmut nicht mit der es an dieser albernen gelben Kinderlampe hängt. Sie sehen die Kraft nicht, die sein fragil wirkender Holzkörper ausstrahlt. Allein ich sehe, dass es über alles Banale, Unschöne, Kranke dieser Welt erhaben ist, dass es Makellos ist, in einer Welt voller Makel und Grausamkeiten.

Es hängt beinahe reglos über mir und nun endlich drehe ich es. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal. Erleichterung und Entspannung durchflutet meinen Körper. Meine verkrampften Gliedmaßen lockern sich, das Drängen in meinem Kopf lässt nach. Das Pferd hüpft und tanzt, als sich die überdrehte Schnur ausdreht. Die Mähne glitzert in einem dünnen Sonnenstrahl. Die Schnur dreht sich in die Gegenrichtung, ein paar Male, dann wieder dreht sie zurück. Das Pferd tanzt, sechsmal, siebenmal, achtmal, neunmal, zehnmal. Dann wird es ruhiger. Ich sehe ihm zu und die unerträgliche Anspannung in mir lässt nach.

Anfangs war alles noch ungezähmt und wild, einfach das Pferd drehen, und lachen, dem Glitzern zusehen, überdrehen und dem Schaukeln nachsinnen. Doch über die Jahre hinweg wurde diese Tätigkeit koordinierter, geordneter, routinierter. Ein System entstand, die Drehungen bekamen Nummern. Irgendwann fing ich damit an, das Pferd aushängen zu lassen nach jeder Drehung, und zu warten bis es ruhig da hing. Dann erst durften weitere Drehungen folgen.

Das nahm mehr Zeit in Anspruch, viel mehr Zeit als früher. Die Ungeduld in mir musste ich niederkämpfen, denn ich erwartete schließlich etwas für meine Arbeit.

Ich erwarte sie nach wie vor, die Erlösung von dem Kampf, der in meinem Kopf unablässig tobt, der schlimmer, unerträglicher, körperlich schmerzend wird, wenn ich nicht drehe, wenn ich das Pferd zu ignorieren versuche, wenn ich meine von ihm los kommen zu können. Etliche Male habe ich gekämpft um meine Freiheit, wollte wild und unabhängig sein wie das Pferd selbst. Doch ich konnte keinen einzigen Sieg davon tragen. Jedes Mal wenn ich versuchte es zu überlisten, band es mich noch stärker an sich.

Nun brennt es unerträglich in meinen Adern, wenn ich ihm nicht seinen Tribut zolle und es regelmäßig drehe.

Das Pferd dringt mit seinem Leuchten in mich ein, es hat längst Besitz von mir genommen. Meine Gedanken beuteln und quälen mich, bis ich mich dem Willen des Pferdes beuge und es drehe. Nur dann kommt die Erlösung von der Qual.

Manchmal zögere ich es hinaus, drehe es langsam, warte bis es ganz ruhig da hängt, dehne die Momente aus, genieße die Ruhe in meinem Kopf, die Entspannung die durch meinen Körper flutet. Erst dann drehe ich es wieder, sehe entspannt auf die Sonnenstrahlen, die die Mähne glitzern lassen, drehe es wieder und freue mich.

Heute kann ich es genießen, wie früher als Kind.

Es ist ein Augenblick des Glücks, und ich ahne, dass diese Augenblicke des Glücks ab nun mehr werden.

Das Pferd springt und hüft über mir, ohne, dass ich es mit meiner Hand bewegt hätte. Ein Leuchten zieht über den strahlend blauen Holzkörper, über die glitzernde Mähne.

Da verstehe ich plötzlich, dass mir das Pferd etwas mitteilen will.

Ich fühle, dass heute das letzte Mal war, dass ich Angst vor ihm haben musste, ich der Begegnung mit seinem Willen ausweichen wollte, und es mit Gewalt in mein Denken eindringen musste. Ich verstehe, was das Pferd mir sagt, was es mir all die Jahre zu sagen versucht hat.

„Du wolltest mir nie etwas Böses“, antworte ich.

Es ist das erste Mal, dass ich laut mit ihm spreche. Es scheint mich zu verstehen, seine Bewegungen werden wilder.

„Du beschützt mich vor dieser grausamen Welt draußen“, sage ich weiter. „Du gibst mir Freude in der Sicherheit meiner vier Wände. Ich brauche nichts außer mein Zimmer, mein Bett, meinen Schreibtisch, und die alberne Kinderlampe an der Decke und dich blaues Pferd.

Ich verstehe nun, dass bald die Zeit gekommen sein wird, die Vorlesungen auf der Uni zu verlassen, von zuhause aus zu studieren. Dann kann ich mich rein auf mein Lernen und auf dich konzentrieren.

Bald wird es soweit sein. Jetzt verstehe ich, was du von mir forderst. Warum es seit heute genau fünf Drehungen sein müssen, und warum sie exakt jede Stunde erfolgen sollen, in jeder Stunde des Tages.

Ich werde keine Zeit mehr haben fort zu gehen.

Meine Angst vor deiner Übermacht kann ich nun ablegen. Du bist nicht mehr übermächtig, Pferd, denn du hast mich einverleibt, aufgesogen, in dich aufgenommen.

Wir sind eins.

Nur wenn du bewegt wirst, werde auch ich bewegt, nur solange du lebst, lebe auch ich. So lange du deine Aufmerksamkeit bekommst, kann auch ich noch sein. Meinen Körper habe ich nur, um dich, Pferd galoppieren zu lassen, dich drehen zu können. Ich selbst brauche den meinen kaum noch.

Bald wird auch dieses Drehen nicht mehr nötig sein. Ich werde aufgehen in dir, werde vollständig mit dir verschmelzen und mein Geist wird vollkommen in dich übergehen, wird in dir wohnen und wird den Körper in dem er gefangen ist, den er nie wirklich gebraucht hat, verlassen.

Bald, Holzpferd, bald.“

Bildquelle: (c) Atamayka

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