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Mysterium

Von Robin Krick.

Jetzt endlich, nach allem, was ich bereits gesagt habe, nach allem, was ich verschwiegen habe, was ich aufschob, um es zu einem anderen Zeitpunkt zu sagen; nach allem also, was ungesagt blieb – manches nur vorläufig, manches für immer – scheint es mir unangebracht, mich noch länger in den Mittelpunkt irgendeines Geschehens stellen zu wollen. Sprechen wir also nicht weiter von mir. Zunächst ein trüber Tag im November, graues Gewölk, Nieselregen, leichter Wind. Und nun: »Ein Mann in einem langen Mantel verlässt das Haus, steigt in ein Auto und fährt davon.« Warum nicht? Schon ist es geschehen; es ist nicht viel dagegen einzuwenden. Aber es sollte doch wenigstens der Name dieses Mannes genannt werden. Also gut: »Hannes Becker fuhr soeben mit seinem Auto davon.« Was für ein Auto? Das tut nichts zur Sache. Aber es genügt uns nicht, zu wissen, wie der Mann heißt. Wir wollen auch etwas über seine weiteren Absichten erfahren. Gut, ich sehe es ein, und damit seine Gestalt noch etwas mehr Farbe bekommt, sage ich, dass Hannes Becker einen Toast mit Marmelade aß, bevor er das Haus verließ, und dass er die Bissen hastig und im Stehen mit schwarzem Kaffee herunterspülte. Wir wissen jetzt, dass er es eilig hat. Fährt er zur Arbeit? Nein. Fährt er zum Bahnhof? Nein. Fährt er zum Flughafen? Dreimal nein. Er fährt auf die Autobahn und verlässt die Stadt, um in eine andere, weit entfernte Stadt zu fahren. In welche Stadt fährt er? Das ist nicht wichtig, ich lasse es also weg. »Am Ziel angelangt nimmt Hannes Becher…« – Becher? Heißt er denn nicht Becker? Ach ja, richtig. Pardon. »Am Ziel angelangt nimmt Hannes Becker sich ein Hotelzimmer.« Ist er beruflich unterwegs? Nein, er ist beruflich nie unterwegs. Er geht einer sitzenden Tätigkeit im gehobenen Dienst nach. Zum Zeitpunkt dieser Erzählung hat er Urlaub. Es ist die zweite von drei Urlaubswochen. So, so. Läuft die Angelegenheit etwa darauf hinaus, dass Becker in dem Hotelzimmer eine heimliche Geliebte empfängt? Nein, ganz falsch. Becker ist seit je alleinstehend. Übrigens möchte ich auf meinen kleinen Versprecher von vorhin zurückkommen. Ich sagte Becher statt Becker, weil er ja unter dem Namen Hans Becher in dem Hotel abgestiegen ist. Und jetzt bitte keine Unterbrechungen mehr, ich will endlich zur Sache kommen. »Hannes Becker (Hans Becher) sitzt auf dem Rand des Hotelbettes und betrachtet durch das Fenster die Umrisse der Stadt. Lange bleibt er reglos sitzen, bis es zu dämmern beginnt und die Gebäude der Stadt zu einem einzigen Schatten ineinander verschmelzen. Den schmalen Spiegel beim Kleiderschrank hat Becker mit einem dunklen Tuch sorgfältig verhüllt. Jetzt endlich scheint der Moment gekommen zu sein, auf den er gewartet hat. Er führt beide Hände zum Gesicht, greift mit den Fingerspitzen an den Haaransatz und schält dann langsam und sehr vorsichtig die Gesichtshaut mitsamt der Ohren ab. Was darunter zum Vorschein kommt, überlasse ich der Fantasie des Lesers. Auch für Hannes Becker ist dies ein furchtbarer Augenblick; nur durch äußerste Konzentration vermag er ihm standzuhalten. Er hält das Gesicht – nichts als eine labbrige Maske mit Löchern für Augen, Nase und Mund ist es – in den Händen, steht vom Bettrand auf und geht sehr langsam – aus Furcht, zu stolpern achtet er auf jeden Schritt – in das Badezimmer. Auch den Badezimmerspiegel hat Becker zuvor verhüllt, und zwar so sorgsam, dass das Tuch unter keinen Umständen vom Spiegel rutschen kann. Er legt das Gesicht behutsam in das Waschbecken, dann macht er sich an den Wandfliesen unterhalb des Spiegels zu schaffen. Mit beiden Daumen zugleich löst er mit einem Ruck eine der Fliesen von der Wand, dahinter befindet sich ein kleiner Hohlraum. Becker zieht ein schwarzes Lederetui daraus hervor, öffnet den Reißverschluss und entnimmt dem Etui ein zweites Gesicht. Er entrollt es, ergreift es bei den Ohren, schüttelt es kräftig aus und legt es sich dann an. Es geht ganz leicht, das Gesicht haftet sofort und er muss die Haut nur noch glattstreichen. Er greift wieder in den handbreiten Hohlraum und holt noch ein Schlüsselbund hervor, das er sich einsteckt. Nun nimmt er das andere Gesicht aus dem Waschbecken, rollt es zusammen, packt es in das Lederetui und verstaut es mit seinem Hausschlüssel und seinem Autoschlüssel in der Wand. Jetzt endlich nimmt er auch das Tuch vom Badezimmerspiegel. Er betrachtet aufmerksam sein Spiegelbild, probiert einige Gesichtsausdrücke und Grimassen aus und streicht mit dem Zeigefinger noch einige Falten glatt. Am nächsten Morgen verlässt Hannes Becker das Hotel und wird wenig später in einer Mietwohnung von einer hochschwangeren Frau als Mirko Dübel empfangen. Mirko Dübel ist ein 43-jähriger U-Bahnfahrer; seine Frau glaubt, dass er von seiner Nachtschicht nach hause kommt. Als sie dem Gesicht einen flüchtigen Kuss gibt, scheint sie keinen Unterschied zu bemerken. Sie sagt, dass ihr heute wieder übel sei und dass er ohne sie frühstücken soll. Mirko Dübel schmiert sich einen Toast mit Marmelade und sieht sich eine Sendung im Fernsehen an. In der Zwischenzeit betritt der wahre…nein, nicht der wahre, der andere Mirko Dübel das Hotelzimmer von Hans Becher. Den Zimmerschlüssel hat er im Stadtpark in einem Astloch gefunden.« Sie an, auch daran wurde also gedacht. »Nachdem er auf die gleiche Weise wie Hannes Becker das Mirko-Dübel-Gesicht abgelegt und das Hannes-Becker-Gesicht angelegt hat, lässt er sich Frühstück aufs Zimmer bringen. Am nächsten Morgen fährt er als Hannes Becker mit dem Auto zurück nach hause in die weit entfernte Stadt und genießt dort die verbleibende Urlaubswoche.«

Seit zwölf Jahren tauschen Hannes Becker und Mirko Dübel ihre Gesichter. Seitdem sind sie sich nicht mehr begegnet. Beide haben sie inzwischen vergessen, wer von ihnen der wahre Hannes Becker und wer der wahre Mirko Dübel ist, und beide fühlen sie seit neuestem eine heimliche Sehnsucht, ganz auszubrechen und irgendwo in einem fernen Land als Hans Becher neu anzufangen. Darüber haben sie jedoch nicht vergessen, was sie sich damals vor zwölf Jahren geschworen haben: dass niemals und unter keinen Umständen jemand von ihrem Geheimnis etwas erfahren darf. Nun aber, ohne dass Becker und Dübel es ahnen, ist mit diesem Bericht doch noch alles ans Licht gekommen. Aber wie ist es möglich, dass es zwei Mirko-Dübel-Gesichter gibt? Anders ist der Tausch doch gar nicht möglich, wenn sie sich nicht mehr begegnet sind. Das werde ich im nächsten Bericht aufklären. Außerdem werde ich beschreiben, wie acht Monate später Hannes Becker in dem Hotelzimmer den kleinen Hohlraum unterhalb des Badezimmerspiegels leer vorfindet…

Bildquelle: (c) DA

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