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Textall

Von Claudia Engeler.


Von oben betrachtet siehst du einen perfekten Kreis. Rund und aus solidem Metall geformt: Stahl, Aluminiumlegierung? Wer weiss. In der Mitte, etwas tiefer gelegen erkennst du eine Öffnung, deren Durchmesser viel kleiner als die obere Rundung ist.

Beobachte das Gebilde von der Seite: Der Kreis hat Wände, die zuerst senkrecht nach unten führen, sich dann langsam, aber stetig verengen. Zum Schluss führt ein enger, gerader Stutzen nach unten.

Der Trichter steht auf einem aufgeschlagenen Buch. Er bewegt sich langsam von oben links nach unten rechts auf der einen Seite. Danach gleitet er auf die nächste Seite und verfolgt die gleiche Bewegung von oben links, Zeile um Zeile, nach unten rechts.

Am Ende der zweiten Seite angekommen, hebt sich der Trichter in die Höhe und die Seite wird umgeblättert. Der gleiche Ablauf vollzieht sich aufs Neue.

Durch die Öffnung des Trichters fallen Gegenstände, Tiere, Pflanzen, Menschen. Sind sie bei der unteren, engeren Mündung angekommen, haben sie sich verwandelt, entkörpert, vielleicht entseelt, sind zu Tinte geworden.

Von oben betrachtet siehst du einen perfekten Kreis, die Erde, und unten zeichnet die Tinte eine ganze Welt von Symbolen, die an Hörner, Sanddünen, Tränen, Strassen erinnern. Ein All von Buchstaben und Wörtern, Nomen und Verben, welches die Wirklichkeit abbildet, widerspiegelt, fixiert, vertieft, unsterblich macht.

Hier oben fällt eine Rose in den Trichter und dort unten liest man von ihr auf der Seite in vier Buchstaben: ein Nomen mit einem Adjektiv, das es schmückt, und einem Verb, das von seinem Tun erzählt.

Hebst du den Blick, siehst du, dass mehr, immer mehr und noch mehr durch die obere Öffnung in den Trichter fällt: eine ältere Dame, ein kleiner, schwarzer Hund, gefolgt von einem Hochhaus. Eine Löwin mit zwei Jungen fliegt hinein, zusammen mit einer Puppe und einem Erbsenteller.

Der Trichter bewegt sich schneller über die Seiten, von links nach rechts, von oben nach unten, nächste Seite: links, rechts, oben, unten, Seitenwechsel.

Dosenbüchsen, ein Dampfschiff, eine ganze Bibliothek, dein Onkel, ein T-Shirt werden in den Trichter gezogen. Schon bildet sich ein Stau und über der Öffnung entsteht ein kleiner Hügel aus meiner Schwiegermutter, einem Landhaus, Kartoffeln – gar, Unterwasserabenteuern, Steintreppen, Hass, Sonnenuntergängen, Liebeleien.

Sieh doch, wie leichtfüssig der Trichter über die Seiten fliegt, wie die Tinte herausspritzt, sich zu Symbolen verdichtet, die an Hörner, Wellenlinien und Tränen erinnern. Nomen, Adjektive, ganze und unvollständige Sätze entstehen flugs auf den dahinwehenden, rasant verwelkenden Seitenblättern.

Du fühlst dich leicht, vielleicht deshalb in die Höhe gezogen. Es zerrt und zieht an dir, du fliegst durch die Luft. Als Kind hattest du dir dieses Schweben oft vorgestellt, erträumt und herbeigesehnt. Nun ist es Wirklichkeit geworden, erfüllt dich aber mit Angst.

Die Trichteröffnung nähert sich dir oder du dich ihr und du fällst auf eine bräunliche Winterwiese, auf Mäuse, auf Fröhlichkeit, auf eine Schmuckschatulle, über dir neben der Angst, ein Abenteuer, ein Stelldichein und saure Gurken.

Langsam, dann immer schneller sinkst du in den Trichter, versuchst, dich tapfer hoffnungslos mit den Händen am Rand festzukrallen, rutscht nach unten. Deine Nägel brechen am Stahl ab, du sinkst, sackst in dich zusammen.

Unter dir ist die Wiese schon Tinte, bereits Wort, Nebensatz geworden. Du spürst, wie du Nomen wirst, mit einem Adjektiv, das dich beschreibt. Dann nur noch ein kurzes Hilfsweb und einen Punkt.


Bildquelle: (c) DA/FI

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