Novelle

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Wenn man dem Teufel vertraut

Von Nicole Gabrys.

In der schäbigen Lehmhütte in einem kleinen Dschungeldorf herrschte ein diffuses Dämmerlicht. Es gab keinerlei Einrichtungsgegenstände. Nur fremdartige Symbole, die meistens Tiere darstellten waren an den Wänden gemalt.

Laute Trommelmusik hallte durch die Öffnung. Der Schein eines großen Feuers in der Dorfmitte beleuchtete ein blasses, schweißnasses Frauengesicht. Ihr Name war Isabelle und man hatte ihr die Arme über dem Kopf an einen Stützpfahl in der Mitte des Raumes gefesselt. Ihr ehemals hübsches Kleid starrte vor Dreck und hing in Fetzen von ihrem Körper herab. Eine verfilzte Strähne ihres blonden Haar klebte hartnäckig in ihrem Gesicht. Sie war hoch schwanger und die Wehen hatten vor kurzen eingesetzt. Tränen verschleierten ihren Blick.

„Meine schöne, arme Isabelle“, sagte eine seidenweiche Stimme. „Was hast du nur getan?“

„Meister? Bitte helft mir!“, flehte sie in den Raum. „Ich bin unschuldig! Hört Ihr!“

„Oh, das kann ich nicht! Du hast mich verraten.“ Das Bedauern in dieser weichen Stimme war so falsch wie Katzengold. „Du bist mir weg gelaufen.“

Die Trommeln verstummten plötzlich. Die Stille war beängstigend, denn es würde sich etwas tun.

Von draußen hörte sie Schritte näher kommen. Zwei halbnackte Eingeborene betraten die kleine Hütte. Einer von ihnen war der alte Schamane mit den stechenden Augen. Isabelle hatte furchtbare Angst vor ihn. Er sprach mit dem jüngeren Mann, der mit in den Raum getreten war.

Sie verstand kein einziges Wort.

„Der Schamane sagen, nach der Geburt deiner Teufelsbrut werden du, Hexe sterben“, begann der Mann. „Dein Kind werden wir in Hölle schicken, wenn er nicht kommen, tunen.“

„Nein, bitte! Nicht mein Kind“, schrie Isabelle.

Der Schamane blickte Luzifer an, sagte aber nichts, als wäre der Teufel nicht vorhanden.

„Ich werde mich um dein Kind kümmern“, versprach Luzifer und hockte sich neben der Gefangenen nieder. „Es gehört schließlich mir!“

„Der alte Mann sieht mich, aber er kann mir nichts anhaben, dass weiß er.“ Der Teufel lachte.

„Nehmt mir wenigstens die Fesseln ab“, bat Isabelle die Eingeborenen. „So kann ich mein Kind doch nicht bekommen.“

Die beiden Eingeborenen unterhielten sich.

„Der Schamane sagen, nein, du sollen dein Kind wie eine räudige Hündin kriegen. Wir draußen warten! Bis fertig!“

Als Isabelle wieder allein mit dem Teufel war, hörte sie die Trommeln der Eingeborenen wieder. Ein seltsamer Singsang erklang. Es war mehr wie ein Johlen und Schreien.

„Sie tanzen!“ Luzifer lauschte. „Sie feiern ein großes Fest.“

„Ich werde dir helfen!“, versprach er. „Soweit ich kann!“

Er streichelte ihren prallen Bauch. Das Kind schien die Berührung zu erwidern. Isabelle spürte die heftigen Tritte.

Die Wehen wurden stärker. Sie schrie vor Schmerzen auf.

„Ich werde dir das ewige Leben schenken“, sagte Luzifer plötzlich. „Aber erst nach deinem Tod, versteht sich. Es will es so!“

„Als Vampir?“ Isabelle stöhnte.

„Nein, Vampire werden überbewertet!“, meinte der Teufel. „Du willst doch über dein Kind wachen und nicht aussaugen.“

Isabelle gefiel Luzifers Lächeln nicht. Die kalte Hand der Angst umgriff ihr Herz.

Was hatte er vor?, fragte sie sich. Was wird mit mir passieren, nach meinem Tod?

Nach den langen Stunden des Schmerzes, war Isabelles Kind auf der Welt.

„Was ist es?“, fragte sie. „Sagt es mir!“

„Weder ein Junge noch ein Mädchen! Ein neuer Satan. Wie herrlich!“ sagte der Teufel. „Küss es! Vor deinem Tod!“

Isabelle sah das Kind. Es wirkte normal, doch schlug es die Augen auf.

„Was habt ihr gemacht?“, fragte Isabelle. „Das sind doch nicht die Augen eines Babys. Das sind Raubtieraugen!“

Luzifer lachte. Kurz darauf war er mit dem Säugling auf dem Arm verschwunden.

Isabelle schluchzte. Würde der Teufel Wort halten?

In der neuen Stille traten zwei Eingeborene durch die Öffnung ein, um sie zu holen. Grob packten sie sie unter den Armen und zerrten sie nach draußen. Der Himmel war schwarz. Eine frische Brise, die Regen versprach lag über den tropischen Regenwald.

„Nein, nein! Ich will nicht sterben“, schrie sie zweifelt.

Sie stemmte sich gegen die Kraft der beiden Männer, doch diese schleiften sie ohne Probleme vor den Schamanen. Mit einem kräftigen Stoß in den Rücken, landete sie im Staub vor den Füßen des alten Mannes.

„Bitte, hab doch erbarmen“, flehte sie. „Ich habe eurem Stamm nie etwas getan. Nie, hört ihr!“

„Hexen müssen sterben“, übersetzte ein junger Eingeborner, das was der Schamane sagte. „Du auf Knie und vor beugen Kopf!“

Isabelle schloss schluchzend die Augen. Sie wollte nichts mehr sehen. Nichts mehr fühlen!

Jemand strich ihr mit rauen Händen das Haar aus dem Nacken. Der Schmerz kam plötzlich. Sie fiel in eine gähnende Schwärze.

Der Schamane hatte der Hexe den Kopf, mit einer Machete von den Schultern getreten. Triumphierend hielt er den Schädel der blonden Frau an den Haaren hoch.

Es begann zu regnen. Das Blut wurde weggewaschen.

„Tanz!“, forderte er seinen Stamm auf.

Der Stamm johlte. Das Trommeln setzte wieder ein.

Der Schamane ging in seine Hütte. Nun begann der wichtigste Teil für den ihn. Der alte Mann nähte die Augenlider des Schädels zu, denn sie sollte nie wieder etwas sehen.

Dann die Lippen, denn sie sollte nie wieder etwas sagen.

Er begoss sie mit einem grünen, stinkenden Sud.

Luzifer stand in einiger Entfernung zwischen den Bäumen und wartete. Er war nun mal stärker als dieser Greis.

Der Geruch von Schwefel lag in der Luft. Isabelle wusste, dass sie nicht mehr im Dschungel war. sie fühlte ein Ziepen an den Augen. Die Fäden lösten sich.

„Oh, Isabelle, du bist schon wach, wie schön!“, hörte sie die einschmeichelnde Stimme des Teufels. „Öffne deine schönen Augen!“

Sie sah sich um und blickte dem Teufel dann ins Gesicht. Sie wollte sprechen, doch konnte sie es nicht.

Luzifer hatte nur die Fäden an ihren Augen entfernt, aber nicht an ihrem Mund.

Warum nur?, fragte sie sich.

„Weil ich es hasse, wenn ihr Weiber, die ganze Zeit schnattert.“ Er hob sie hoch. „Ich bekomme Kopfschmerzen davon.“

Seltsam?, dachte Isabelle. Irgendetwas stimmt hier nicht.

Er ging mit ihr zu einem Spiegel.

Sie hätte geschrien, wenn sie es gekonnt hätte, denn sie war ein Schrumpfkopf mit grünlicher Haut und langen Haaren.

Wie soll ich so über mein Kind wach?, fragte sie sich.

„Oh, ich werde es dir zeigen!“ Er trat an einer Wiege und legte sie behutsam in ein Tuch, das jemand über dem Baby angebracht hatte.

„So! Siehst du!“, sagte er und grinste teuflisch. „Ich wollte schon immer einen magischen Schrumpfkopf haben. Und hört auf zu denken. Davon bekomme ich Kopfschmerzen.“

Die letzten Worte hatte er gebrüllt.

Isabelle konnte ihr Kind sehen, über es wachen, aber nicht mehr.

Bildquelle: (c) DA

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