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Bedingungsloses Grundinterview mit Max Upravitelev (Satyrist)

Max Upravitelev, freier Autor, Künstler und Kulturarbeiter. Zeichnet u. a. verantwortlich für zahlreiche Eigenproduktionen innerhalb schabernackaffiner Kunstkollektive wie der Front Deutscher Äpfel oder dem BRIMBORIA Institut. Mittlerweile für das Kunstressort bei „FICKO – Magazin für gute Sachen. Und gegen schlechte“ zuständig. Wohnt und arbeitet in Berlin.


DANIEL ABLEEV
Wie würden Sie einem Regenbogen, der bekanntermaßen nicht zu den schlausten Zeitgenossen zählt, erklären, was Bedingungsloses Grundeinkommen (im Folgenden „Bemm“) ist und wie es funktioniert?

MAX UPRAVITELEV
Ich versuche es mal gleich zu wenden: Das „Bemm“ könnte eigentlich genauso funktionieren wie damals die Abwrackprämie. Die Regierung regt die Konsumption eines kapitalistischen Staates an, was ja bekanntermaßen die Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum unter diesen Bedingungen ist. Eine durchaus sinnvolle Maßnahme, da kein Wachstum nur eins bedeutet: Stagnation. Und das ist für keine Volkswirtschaft ein hilfreicher Zustand. Es sei denn, man hängt irgendwelchen finsteren Verelendungstheorien an. Beim Bemm würde das gleiche Prinzip greifen: Eine Konjunkturspritze, die die Konsumption vorantreibt. Nur werden hier Menschen nicht zum Kauf von neuen Autos angeregt, sondern allgemein zum Kauf von Waren überhaupt. Die Nachfrage nach Waren steigt, Kapitalträger müssen mehr produzieren – sie wachsen, die gesamte Volkswirtschaft wächst. Dazu werden Kosten an Einrichtungen eingespart, die momentan in die Verwaltung von Armut fließen. Also Jobcenter und wie sie alle heißen.

DA
Das Bemm ist ja angesichts der heutigen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen reichlich experimentell. Anders gefragt: Warum gilt es eigentlich als so normal, etwas tun zu müssen, um zu überleben?

MU
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral: Der Gedanke ist ja nicht neu, halt das, was Marx mit dem Übergang aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit meinte. Bevor sich Überlegungen über Verteilungsgerechtigkeit aufstellen lassen, müssen die Güter, die zu verteilen sind, erst einmal gegeben sein. Die gesellschaftliche Sicherung des Überlebens ist schon eine Naturbestimmtheit des Menschen.

DA
Sollte man versuchen, zum Bemm über kleine Zwischenschritte wie die gesetzlich geregelte 4/3/2-Tage-Woche zu gelangen?

MU
Absolut! Zumindest dann, wenn die Arbeitszeitverkürzung mit gleich bleibendem Lohn verbunden ist. Eine 40-Stunden-Stelle kann dementsprechend mit mehreren Personen besetzt werden (was natürlich nicht in allen Branchen von Nutzen ist, aber doch in den meisten). Und wir haben im Resultat wieder den gleichen Effekt wie beim Bemm: Leuten steht mehr Geld zur Verfügung, das sie ausgeben können. Die volkswirtschaftliche Nachfrage steigt, alles wächst, hurra!

DA
Was ist mit Primaten, Delfinen und Rabenvögeln?

MU
Ja unbedingt, gleich alle finanziell mitverarzten. Die kann ich dann abziehen und so endlich eine allumfassende Revolution der Produktionsverhältnisse finanzieren. Scheiß Viecher.

DA
Geldverdienen und Königshäuser – was sind Ihre Assoziationen zu diesem Diptychon?

MU
Alles verstaatlichen und sofort gewinnbringend verhökern. Haben Sie schon mal den 1. Bezirk von Wien gesehen? Vollkommen voll mit nutzlosem Plunder. Braucht niemand.

DA
Was ist mit den ganzen Scheißjobs da draußen, die nicht nur langweilig und menschenwidrig, sondern auch schlecht entlohnt sind? Sollten sie nicht viel besser bezahlt sein? Wer wird die noch machen in der Bemm-Ära?

MU
Das ist ein großer Widerspruch, in dem wir uns heute bewegen: Einerseits werden lauter Jobs durch technischen Fortschritt wegrationalisiert. Andererseits wächst dadurch potentiell die Arbeitslosigkeit mit. Zu wünschen wäre ja eine Gesellschaftsformation, in der es keinen Zwang zu diesen „Scheißjobs“ gibt.

DA
Wie realistisch ist die Implementierung des Bemms in den nächsten 10(0000) Jahren?

MU
Nullinger. Völlig ausgeschlossen.

DA
Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis des menschlichen Bewusstseins? Oder besteht es lediglich darin, dass es gar keins ist?

MU
Argh, ich könnte natürlich sofort das Bewusstsein bestimmende Sein ins Feld führen, aber irgendwie bin ich schon durch meine bisherigen Antworten von halb verdauten materialistischen Phrasen gesättigt. Deswegen: Bewusstsein heißt, das Denken denken zu können. Und die materiellen Voraussetzungen und Bedingungen des Denkens mitzudenken. Ach verdammt, jetzt bin ich schon wieder abgerutscht. Ich hab’s versucht!

DA
Bei der Vorstellung, über Freiheit und Freizeit zu verfügen, dürften so mancher geplagten Seele die Glückstränen kommen – ist denn für entsprechende Salzwasserauffang- und Aufbereitungsanlagen gesorgt?

MU
Ha, das stimmt, das ist schon ein sehr lustiges Wort: Freizeit. Zu was wird das abgegrenzt, zu Arbeitszeit? Dann sollte es ja aber eigentlich Erholungs- und Konsumzeit heißen, nicht Freizeit. Solange ich einer gesellschaftlich notwendigen Lohnarbeit nachgehen muss, bin ich nicht frei und hab damit auch keine Freizeit. Die scheint nur so. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für Freiräume.

DA
Es gibt mehrere hundert Menschen auf der Welt, die es sich nicht leisten können, ihre Zeit mit Stumpfsinn zu verbringen, nur um nicht zu verhungern und nackt in der Müllpresse zu landen. Der durch das Bemm ausgelöste kulturelle und gesellschaftliche Paradigmenwechsel wäre ohnegleichen. Die Weltdepressivität würde massiv absinken, denn Geld ist einer der Hauptmotoren für mentale und emotionale Blockaden sowie Auslöschungen. Wir müssen uns irgendwie vom Geldgestus dekontaminieren lassen … Welche anderen monumentalen gesellschaftlichen Experimente sind denkbar?

MU
Ich habe wirklich versucht, aus dem Gespräch keine Agitprop-Veranstaltung zu machen. Zwischendurch war ich in meiner Rolle sogar ganz reformistisch, haben Sie es gemerkt? Aber scheißen wir da mal drauf. Auf diese Frage gibt es selbstredend nur eine einzige Antwort: der global umfassende Kommunismus.

DA
Was, glauben Sie, wären die weitreichendsten Konsequenzen einer solchen utopistischen Wandlung?

MU
Wie bei jeder Utopie, die nicht verwirklicht wird: als Instanz der Kritik am heute Gegebenen.


Foto: © MU

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