Headquarters for Experimentalism

Bedingungsloses Grundinterview mit Theo Wehner (Arbeitspsychologe)

Theo Wehner studierte – nach abgeschlossener Berufsausbildung – Psychologie und Soziologie in Münster. Anschließend arbeitete er an den Universitäten Münster und Bremen, wo er promovierte und sich 1986 habilitierte. Von 1989 bis 1997 war er Professor an der TU Hamburg; seit 1997 an der ETH Zürich, wo er im Sommer 2014 emeritiert wurde. Z. Zt. hat er eine Gastprofessur an der Universität Bremen (Institut Technik und Bildung) inne. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind die psychologische Fehlerforschung, das Verhältnis von Erfahrung und Wissen, kooperatives Handeln und psychologische Sicherheitsforschung. Die Projekte werden durchgeführt in verschiedenen Unternehmen, Spitälern und im Bildungswesen. Einen Schwerpunkt bilden Forschungsprojekte zur frei-gemeinnützigen Tätigkeit (Volunteering) und zum frei-gemeinnützigen Engagement von Unternehmen (Corporate Volunteering). Gut 400 Publikationen liegen in internationalen Magazinen, Monografien und Sammelbänden etc. vor.


DANIEL ABLEEV
Wie würden Sie einem Regenbogen, der bekanntermaßen nicht zu den schlausten Zeitgenossen zählt, erklären, was Bedingungsloses Grundeinkommen (im Folgenden „Bemm“) ist und wie es funktioniert?

THEO WEHNER
Ich würde ihn ganz sicher nicht vor der Komplexität des Themas verschonen, weil ich Ihr Vorurteil, was die Schlauheit anbelangt, nicht teile. Wie hätte er sonst in die Mythenbildung rund um die Welt Eingang finden können – nur wegen des atmosphärisch-optischen Phänomens? Zudem vermute ich mehr Artgenossen, die weder die Farben des Regenbogens, geschweige denn die Reihenfolge auf die Reihe kriegen. Mit Respekt und nur auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin würde ich also auch dem Regenbogen von dieser konkreten Utopie „Over The Rainbow“ erzählen.
Dann würde ich ihn bitten, dass er sich nicht an dem hier vorgeschlagenen Akronym für das Bedingungslose Grundeinkommen stören solle, zumal bei der Verdopplung von Bemm leicht das Klangbild von „pläm-pläm“ assoziiert werden könnte. Danach – und ebenfalls noch im Sinne eines Warm-up – würde ich ihn darauf aufmerksam machen, dass niemand weiß und auch nicht wissen muss, wie Bemm „funktioniert“, weil es noch lange nicht ums Funktionieren, sondern ums Bedenken und allenfalls ums vorsichtige Ausprobieren geht – zumindest für die sogenannten Erwerbsarbeitsgesellschaften, evtl. nicht für Regenbögen.
Der Grundgedanke von Bemm ist nicht kompliziert (die Auswirkungen hingegen hochkomplex): Es geht um die radikale bzw. konsequente Trennung von Arbeit und Einkommen. Dies nicht einfach der Trennungsgelüste wegen, sondern wegen der Krisenhaftigkeit unserer hochentwickelten bzw. -erschöpften westlichen Erwerbsarbeitsgesellschaften. Der Bogen – um in der Sprache des Regenbogens zu bleiben – ist aus meiner, der arbeitspsychologischen, Sicht betrachtet, überspannt, und zwar in mehrfacher Hinsicht: bezüglich des Verhältnisses von Lohnungleichheit bzw. –ungerechtigkeit, der Effort-Reward-Imbalance, der zunehmenden Unvereinbarkeit von Arbeit und anderen Lebensbereichen et cetera pp. In den Farben des Regenbogens gesprochen ist das Rot (es diente in den Arbeitskämpfen des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts als Regulativ) zunehmend verblasst. Auch das Grün (es soll hier für die Arbeits- und Organisationsgestaltung stehen) hat seine Strahlkraft verloren. Obwohl wir recht gut wissen, wie man „gute Arbeit“ gestaltet, geht es für die sogenannten Arbeitgeber (die letztlich nichts anderes sind als Arbeitskraftnehmer und -verbraucher) um weitere Verdichtung der Arbeitsprozesse, oder um die endgültige Vernichtung von Arbeitsplätzen: um Rationalisierung und Automatisierung.
Bemm ist nun jedoch nicht die Lösung für all die genannten und ausgesparten Probleme der Lohn- und Erwerbsarbeitsgesellschaft, sondern vorderhand ein Denkangebot, und zwar auch für Länder an oder unter der Armutsgrenze(da allerdings mit anderem Begründungszusammenhang. Ein Denkangebot – und auch das würde ich der Erklärung gegenüber dem Regenbogen einfügen –, das noch nicht genügend phantasievoll, faszinierend und mitreißend gedacht und erzählt und noch häufiger phantasielos und panikbeschwörend abgelehnt wird: Am 5. Juni 2016 von sage und schreibe 77% des Schweizer Stimmvolks. Die einen glauben, Bemm würde ganztägig den Himmel verfinstern, so dass die Sache mit dem Regenbogen zu Ende ist – obwohl sie aus Arbeitsgründen nie Zeit hatten, den Regenbogen zu bestaunen. Die anderen wollen sich und dem Rest derer, die zuhören oder auch nicht, glauben machen, der Regenbogen würde dann ums gesamte Farbspektrum erweitert und zudem noch um solche Farben, die wir heute noch nicht kennen. Sie geben vor – um bei den Mythen des Regenbogens anzuknüpfen –, dass sie wissen, was uns erwartet „at the end of the rainbow“. Dies, obwohl er sich doch mit dem Betrachter mitbewegt und das Ende des Regenbogens von daher nicht erreichbar ist. Nichts an wilder Spekulation ist m. E. nötig, um Bemm als Denkangebot aufzunehmen. Weder die Überhöhung noch die Panikmache animieren dazu, uns auf den Weg zu machen bzw. uns von dem Weg abzubringen. Einzig die wiederkehrenden Krisen und die wiederholten Fehlschläge der Reparaturversuche sind es, die Bemm den Stoff für Auseinandersetzungen bieten.
Schließlich aber, und noch bevor ich den Eindruck hätte, dass er vollständig verstanden hat, würde ich dem Regenbogen abraten, das Konzept für das freiheitliche Erscheinen sowie den interkontinentalen Austausch zwischen den Regenbögen der Welt (die Nebenbögen und andere Varianten eingeschlossen) umsetzen zu wollen: weil er weder krisenanfällig noch experimentierfreudig ist, der Regenbogen, und genau das ist es auch, was mich an ihm so fasziniert.

DA
Das Bemm ist ja angesichts der heutigen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen reichlich experimentell. Anders gefragt: Warum gilt es eigentlich als so normal, etwas tun zu sollen, um zu überleben?

TW
Aufs Tun-Können kommt es gerade des Geistes wegen an: Tun ist ein Lebensmittel! Es ist nicht damit getan, Mantra-artig zu betonen, wir seien soziale Wesen, wir müssen begründen, warum das so ist. Ein Vertreter der Kulturhistorischen Schule – der ich mich zugehörig fühle – hat eine Begründung geliefert: Das Leben ist ein System sich ablösender Tätigkeiten. Wir sind tätige Wesen: ob mit oder ohne Bemm! Hieran ließe sich anknüpfen, wenn über eine Bemm-Ära nachzudenken versucht wird. Vor allem bei jenen, die vermuten, mit der Einführung von Bemm würden von heute auf morgen sämtliche Hängematten vergriffen sein.
Gerne knüpfe ich auch bei den Ausführungen zum Müßiggang oder zur Faulheit an. Wobei auch hierfür gilt: Es sind beide Male Tätigkeiten. Lessing weist beim Dichten über Fleiß und Arbeit in den letzten Zeilen dieses Gedichtes darauf hin: Laßt uns faul in allen Sachen / Nur nicht faul zu Lieb’ und Wein / Nur nicht faul zur Faulheit sein. Faulheit wird hier als Ausdruckform gesehen, die alles braucht, was auch andere Tätigkeitsformen brauchen: Ein Bedürfnis danach, Entscheidungen, Ausführungspraxis, Reflexion und Gespräche darüber etc.

DA
Sollte man versuchen, zum Bemm über kleine Zwischenschritte wie die gesetzlich geregelte 4/3/2-Tage-Woche zu gelangen?

TW
Zwischenschritte sind immer gut: zwei vor, einer zurück für unser Thema noch angemessener. Mit der quantitativen Reduktion dessen, was an der Arbeit erschöpft, ausbrennt und krank macht, ist es aber alleine deshalb nicht getan, weil sich zwar Regenerationszeiten verlängern würden, die Penetranz der Freizeitindustrie jedoch allemal in der Lage ist, diese Kräfte auf- und auszusaugen. „Am Samstag gehört Papa uns“, war ein Schlachtruf der Gewerkschaften in den 1960er Jahren. Bereits 1984 und nochmals 2012 hat das Schweizer Stimmvolk mit einem Mehr von zwei Dritteln die „Ferieninitiativen“ abgelehnt. Jene zur 36-Stunden-Woche, kam mit 78 Prozent Nein-Stimmen noch deutlicher unter die Räder. In einer Erwerbsarbeitsgesellschaft lässt sich anscheinend die Kontinuität dessen, was nicht unbedingt Sinn generiert, sondern bekanntermaßen krank macht bzw. Dauerstress verursacht, leichter ertragen als zu große Phasen der Abstinenz: Furcht vor der Freiheit?
Dennoch: Es muss über Zwischenschritte nachgedacht werden. Käme Bemm von heute auf morgen, würde uns dies überfordern. Nicht nur, weil auch Eustress Stress ist. Wir sind (auch wenn der Begriff aus der Mode gekommen ist) gezeichnet von Entfremdungserfahrungen, viele sogar von Ausbeutungserleben. Beides führt heute weder zur Revolution, noch macht es auf Kommando kreativ oder gar schöpferisch, und so ist eher – wie ein Kollege es formuliert hat – mit einer „Krise durch Muße“ zu rechnen.

DA
Was ist mit Primaten, Delfinen und Rabenvögeln?

TW
Schon wieder ein Vorurteil Ihrerseits! Es ist keinesfalls so, dass Bemm für alle Kreaturen ein relevantes Thema ist: Hier ist Matthäus (6, 26) wörtlich zu nehmen: „Seht die Vögel unter dem Himmel, schaut die Lilien auf dem Feld an! Sie säen nicht und sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, sie arbeiten nicht …“
Allenfalls Kakerlaken und vor allem Heuschrecken könnten sich von dem Gedanken bedroht fühlen. Was uns wiederum nicht mit klammheimlicher Freude erfüllen, sondern anspornen sollte, über das Thema zügig nachzudenken. Unter Umständen fällt uns dabei sogar noch vor der flächendeckenden Einführung von Bemm etwas ein, das zumindest der Heuschreckenplage den Garaus bereiten könnte.

DA
Geldverdienen und Königshäuser – was sind Ihre Assoziationen zu diesem Diptychon?

TW
Irgendwie komme ich mit ihren Fragen nicht klar: Diese Verbindung setzt meine Assoziationsfähigkeit außer Kraft: Geldverdienenlassen und Königshäuser würde sie hingegen anregen. Dazu jedoch ist aus eurozentrischer Sicht wohl alles gesagt: Das saudische Königshaus jedoch, das langsam die Sehschlitze nicht noch weiter zu reduzieren vermag, stellt das Gesagte sicher noch einmal gründlich in Frage.

DA
Was ist mit den ganzen Scheißjobs da draußen, die nicht nur langweilig und menschenwidrig, sondern auch schlecht entlohnt sind? Sollten sie nicht viel besser bezahlt sein? Wer wird die noch machen in der Bemm-Ära?

TW
„Scheißjobs“ fallen nicht vom Himmel, und selbst Königshäuser haben sie nicht inthronisiert: sie sind Ausdruck von inhumaner (misslungener) Arbeitsteilung bzw. gelungenen Profitmaximierungsabsichten; nicht nur auf den Konten derer, die darin ein Businessmodell umsetzten, sondern auch derer, die Sekundärgewinner sind: Vom Abtransport und der Sortierung von Müll profitieren viele dergestalt, dass sie ihrem meist lukrativeren Job ungestört nachgehen können. Dass man auch Sinn generieren und stolz sein kann auf seine Arbeit als Müllentsorger, lässt sich in vielen Interviewpassagen arbeitswissenschaftlicher Studien zeigen. Dass man jenen, die die „Berufe im Schatten“ ausüben, auch Wertschätzung entgegenbringen kann, wäre heute bereits möglich – allein es fehlt an wirklichen Begegnungen sowie der Möglichkeit, Beziehungen herzustellen. Jede und jeder bewegt sich im vorgegebenen Takt innerhalb der getrennten arbeitsteiligen Spuren, was nicht nur zur Entsolidarisierung in unser Gesellschaft, sondern auch zum Verlust von Respekt geführt hat.
Arbeitsteilung wird es auch in Zeiten des Bemm geben. Sie muss jedoch gekennzeichnet sein durch respektvolle, kooperative Aushandlungen und Solidarität zwischen denen, die diese Tätigkeiten in Anspruch nehmen und denen, die sie ausführen. Auch in der Bemm-Ära wird es Menschen geben, die auf Grund fehlender Motivation, anderer Interessen etc. manche Jobs nicht ausführen wollen, sondern dafür bezahlen möchten. Und es wird andere geben, die dazu motiviert sind und in der Anerkennung ihrer Leistung auch Bedeutsamkeit erfahren und Sinn generieren können. Für solche Aushandlungsprozesse wird man in der Bemm-Ära die soziale Kompetenz und Konfliktfähigkeit aller gebrauchen, was das Ende der Expertenkultur und Stellvertreterpolitik bedeuten könnte. Umgekehrt formuliert sollten die Experten (Arbeitsgestalter, Organisationsberater, Gewerkschafter) ihr Wissen nicht als Monopol begreifen, sondern dem Wissenstausch anheimstellen. Wer sein Wissen in einer Solidargemeinschaft teilt, verliert nicht die Hälfte davon – er gewinnt vielmehr dazu, nämlich die Kompetenz der Teilung und Vermittlung von Wissen: Industrielle Demokratie würde man so etwas heute nennen – wenn es denn mit den spätkapitalistischen Strukturen kompatibel wäre.

DA
Wie realistisch ist die Implementierung des Bemms in den nächsten zehn(tausend) Jahren?

TW
Bemm bzw. die Variante, die es schafft, bei den Bürgerinnen und Bürgern eines Gemeinwesens keine Reaktanz mehr auszulösen, lässt sich weder wie eine App implementieren noch per Roadshow launchen. Es braucht, wie bereits hervorgehoben, Zwischenschritte, und zwar solche, die zurückgenommen, durch Ausfallschritte und Seitwärtsbewegungen ersetzt werden können und allesamt nicht als die Lösung schlechthin auftreten, die alles, selbst das Unlösbare, zu lösen vermag. So viel zum Prozess, nun noch ein Gedanke zu den vielen Nullen in Ihrer Frage. Letztlich sind soziale Innovationen nicht an der Zeit zu messen, die sie gebraucht haben, um wahrgenommen und umgesetzt zu werden. Das Rentensystem oder die gesetzliche Krankenkasse sind gute Beispiele hierfür: Beginnend mit den Gilden und Zünften, die im Mittelalter schon Selbsthilfeeinrichtungen für die Altersversorgung kannten, dauerte es mehrere Jahrhunderte, bis 1854 die erste Knappschaftsversicherung und in den nächsten 70 Jahren die gesetzliche Rentenversicherung für Arbeiter und Angestellte (1911) eingeführt wurden. Dabei blieben die eigenen Kinder noch mindestens 30 Jahre auch weiterhin die wichtigste Quelle für Alterseinkünfte.
Schlussendlich wird es von den bereits heute schon kürzer werdenden Krisenzyklen (den Anomalien, die unser derzeitiges System produziert) abhängig sein, wann es zum Paradigmenwechsel und zur evtl. Einführung von Bemm kommt. Und wenn es dann eingetreten ist, wird man ausrufen: „Warum nicht schon früher“; so zumindest war es beim Rentensystem und der Krankenkasse (außer in den USA, wo die Republikaner heute noch daran denken, Obamacare wieder zurückzunehmen).

DA
Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis des menschlichen Bewusstseins? Oder besteht es lediglich darin, dass es gar keins ist?

TW
Das Geheimnis des Bewusstseins ist, dass, wenn man es nicht benutzt, man trotzdem nicht bewusstlos ist. In der bereits erwähnten Kulturhistorischen Schule hat das Bewusstsein verschiedene Funktionen. Eine dieser Funktionen ist für unser Thema geradezu zentral. Die Bewusstseinsfunktion der Motive nämlich besteht darin, dass sie den Lebenswert der (scheinbar) objektiven Bedeutungen und der daraus resultierenden Handlungen des Subjekts bewertet und ihnen dadurch persönlichen Sinn verleiht: „Psychologisch gesprochen, existieren die objektiven Bedeutungen nur als Realisierung des persönlichen Sinns“: Was immer uns Befürworter oder Gegner an vermeintlich objektiven Versprechen oder Ängsten anbieten, jede und jeder generiert daraus je für sich persönlichen Sinn. Selbstverständlich kann man sich darüber austauschen: Richtigkeit oder gar Wahrheit jedoch kann niemand beanspruchen. Was wir erleben können, ist die Anschlussfähigkeit der individuellen Sinnkonstruktion. Gelingt der Anschluss an andere, wird Zugehörigkeit erfahren bzw. verstärkt – gelingt er nicht, braucht es Toleranz der Gemeinschaft und Widerstandsfähigkeit des Individuums, um den persönlichen Sinn dennoch zu bewahren. Besagte Toleranz, so lässt sich vermuten, könnte in der Bemm-Ära zunehmen: Gemeinsinn und Eigensinn, da sie nicht mehr marktgängig sein müssen, können langsamer wachsen und vertragen dann wohl auch eine größere Variationsbreite.

DA
Bei der Vorstellung, über Freiheit und Freizeit zu verfügen, dürften so mancher geplagten Seele die Glückstränen kommen – ist denn für entsprechende Salzwasserauffang- und Aufbereitungsanlagen gesorgt?

TW
Weder die Hängemattenproduktion muss angekurbelt werden, noch wird sich das Salz der Erde – wenn auch diesmal durch die von Ihnen vermuteten Glückstränen – vermehren; zumal der Hypothalamus, der den Tränenfluss auslöst, kein Glück und Unglück kennt. (Glücks-)Tränen entlasten von unerwarteten, plötzlich sich einstellenden hormonellen Schüben. Sie sind eruptiv und trocknen rasch. Ihr Salzgehalt reicht allenfalls für den Hausgebrauch.
Womit ich in den Anfangszeiten von Bemm rechne, ist reflexiv-produktive Langeweile – nicht Trägheit. Die Langeweile war und könnte in Bemm-Zeiten wieder etwas anderes werden als Frustration hervorrufender, mangelnder Input. Von daher nämlich rührt heute der ständige, verunsicherte Blick in die In-Boxes der verschiedenen desozialisierenden Medien; TV und YouTube eingeschlossen. „Zerstreutes Unverweilen“ nannte es Heidegger, und bei aller Reserve gegenüber seinen persönlichen Haltungen – hier ist er nachvollziehbar!
Es wird eine lange Weile brauchen, bis wir wieder (oder erstmals) finden, was nicht Kurzweil bietet, nicht gleich Ewigkeit versprechen muss, aber doch Bestand haben könnte; was sich lohnte (ohne Lohn garantieren zu müssen), dabei zu verweilen: warten wir’s ab.

DA
Es gibt mehrere hundert Menschen auf der Welt, die es sich nicht leisten können, ihre Zeit mit Stumpfsinn zu verbringen, nur um nicht zu verhungern und nackt in der Müllpresse zu landen. Der durch das Bemm ausgelöste kulturelle und gesellschaftliche Paradigmenwechsel wäre ohnegleichen. Die Weltdepressivität würde massiv absinken, denn Geld ist einer der Hauptmotoren für mentale und emotionale Blockaden sowie Auslöschungen. Wir müssen uns irgendwie vom Geldgestus dekontaminieren lassen … Welche anderen monumentalen gesellschaftlichen Experimente sind denkbar?

TW
„Die Abschaffung des Geldes“ ist mir monumental genug, auch wenn die hierzu gemachten Experimente (Komplementärwährungen, Tauschkreise etc.) bis jetzt eher zur Stabilisierung der Geldwirtschaft beigetragen haben. Leider muss nun diesbezüglich für unser Thema konstatiert werden, das Bemm bis jetzt noch keinen Zwischenschritt in Richtung „Dekontamination vom Geldgestus“ angedacht hat. So lässt sich anscheinend besser festlegen, was quantitativ notwendig und ein gerechter Betrag ist – wodurch aber auch den Gegnern zugespielt wird und diese sich weiterhin mit scheinbar exakt bestimmbaren Nicht-Bezahlbarkeitsargumenten die Umdenk-Bedrohung vom Hals schaffen können.

DA
Was, glauben Sie, wären die weitreichendsten Konsequenzen einer solchen utopistischen Wandlung?

TW
Eine Chance wäre, wenn den Banken ihr Geschäftsmodell entzogen und Bemm eingeführt wäre, dass dann das utopische Denken rehabilitiert wäre – das Prinzip Hoffnung eine Vergegenständlichung erfahren hätte.
Ansonsten wird vieles beim Alten bleiben. Es wird weiterhin (ohne dass man an seiner Schlauheit zweifelt) den Regenbogen geben, wobei einige immer noch Gold „at the end of the rainbow“ vermuten. Manchen wird immer noch die Einsicht fehlen, dass Bemm kein funktionierendes Konzept, sondern ein lernendes System ist und sich letztlich die Umwege dorthin als der kürzeste Weg herausgestellt haben. Gleiches gilt für die Befreiung „vom Takt des Geldes“. Auch hier werden die Umwege die Ortskenntnis erhöht und zur Zielerreichung geführt haben. Andere werden vertieft haben, was ich zum Tätig-Sein und zur Bewusstseinsfunktion der Motive in diesem Interview (sowie zur Vitalität fehlerhaften Handelns an anderer Stelle) gesagt habe. Für „Primaten, Delfine und Rabenvögel“ ist Bemm unter Umständen doch ein Thema geworden. Die Königshäuser jedoch verdienen weiterhin kein Geld (sie bekommen aber auch keines mehr). Es werden immer noch Tränen vergossen, auch weil sich das Bedürfnis, Scheißjobs zu verteilen, wieder regt.
Schließlich wird Youkali die gemeinsame Hymne derer sein, die Bemm eingeführt und sich von der Denkform des Geldes befreit haben. Und selbst jene, die Bemm nicht eingeführt haben, werden den Weill’schen Tango Habanera aus dem letzten bzw. dann evtl. schon aus dem vorletzten oder gar dem vorvorletzten Jahrhundert mitsingen, weil sie sich noch nicht auf die ersten fünf, sondern auf die letzten zwei Zeilen des Refrains beziehen können – und dies ruhig auch dürfen …

Youkali

C’est le pays de nos désirs
Youkali
C’est le bonheur
C’est le plaisir
Mais c’est un rêve, une folie
Il n’y a pas de Youkali!


Foto: © TW

Next Post

Previous Post

Leave a Reply

© 2017 Novelle