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Bedingungsloses Grundinterview mit Zeha Schröder (Theatermacha)

Geboren 1968 in Wuppertal als C(hristoph) H(enrik) Schröder, in den 90ern Studium (Musikwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte) in Münster, daneben: Regiecoaching bei R. Ciulli, Assistent von Prof. S. A. Barkan & am Pumpenhaus (MS). Danach: Freier Regisseur in HB/MS/B/AC u. a., Opernregie für die HDK (jetzt UDK) Berlin. Seit 99 Hausautor/-regisseur von Freuynde + Gaesdte in Münster. Einladungen zu zahlreichen Festivals: Theaterzwang, Theaterszene Europa u. a. Passionierter Wahl-Lappe (Wohnsitz: Polarkreis).


DANIEL ABLEEV
Wie würden Sie einem Regenbogen, der bekanntermaßen nicht zu den schlausten Zeitgenossen zählt, erklären, was Bedingungsloses Grundeinkommen (im Folgenden „Bemm“) ist und wie es funktioniert?

ZEHA SCHRÖDER
„Stell dir vor, dein blauer Streifen nimmt sich einfach von dem Licht, das der rote Streifen abstrahlt, bis du am Ende nur noch grau in grau leuchtest – falls das überhaupt noch ein Leuchten ist …“

DA
Das Bemm ist ja angesichts der heutigen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen reichlich experimentell. Anders gefragt: Warum gilt es eigentlich als so normal, etwas tun zu sollen, um zu überleben?

ZS
Falsche Frage. Keiner soll tun, um zu überleben. Genau genommen muss ja sogar keiner überleben sollen. Aber der, der tut – also zum Beispiel der, der so nett ist, meinen Müll zur Deponie zu kutschieren oder meine Oma zu füttern oder mein millionenschweres Aktiendepot gewinnbringend zu verwalten, bloß damit ich mich in Ruhe um meine Mental-Orchideen-Zucht kümmern kann –: der soll dafür ruhig mehr bekommen als nen feuchtwarmen Händedruck.

DA
Sollte man versuchen, zum Bemm über kleine Zwischenschritte wie die gesetzlich geregelte 4/3/2-Tage-Woche zu gelangen?

ZS
Ich hatte in den vergangenen zwölf Monaten drei freie Tage. Ich arbeite im Schnitt 60-70 Stunden pro Woche. Das verschafft mir idiotischerweise erstens krass viel Spaß sowie zweitens ein recht gutes Ein- und Auskommen. Deshalb bin ich der Falsche, um diese Frage zu beantworten.

DA
Was ist mit Primaten, Delfinen und Rabenvögeln?

ZS
Ganz genau! Siehe auch Matthäus 6, Vers 26. Oder gar 25 – ganz zu schweigen von 34!

DA
Geldverdienen und Königshäuser – was sind Ihre Assoziationen zu diesem Diptychon?

ZS
Sehr erhellendes Diptychon, Respekt! Der Adel, vom König abwärts bis zum Freifräulein, war und ist ja historisch betrachtet ein Vorreiter in Sachen „Bemm“: Füße hochlegen, andere malochen lassen und selber trotzdem im Schotter baden. Ich sage nur: Ah ça ira …!

DA
Was ist mit den ganzen Scheißjobs da draußen, die nicht nur langweilig und menschenwidrig, sondern auch schlecht entlohnt sind? Sollten sie nicht viel besser bezahlt sein? Wer wird die noch machen in der Bemm-Ära?

ZS
Ist doch klar: In der Bemm-Ära werden diese Jobs auf freiwilliger Basis zur Erledigung ausgeschrieben. Da niemand sich daraufhin meldet, bleiben die Aufgaben liegen, die Straßen vermüllen, die Oma verhungert, mein millionenschweres Aktiendepot schrumpft. Dann gibt’s eine Volksabstimmung (im Folgenden: Vamm), die für die Abschaffung des Bemm plädiert, und anschließend greift das Schröder’sche Lemma: limvamm→bemm=M, sprich: Limes von Vamm gegen Bemm gleich Krawumm.

DA
Wie realistisch ist die Implementierung des Bemms in den nächsten zehn(tausend) Jahren?

ZS
Ich fürchte, ziemlich realistisch. Der Mensch muss ja immer erst mal allen Schwachsinn ausprobieren, bevor er merkt, dass er Mist gebaut hat (siehe Atomkraft, Genozide, Technomusik, antiautoritäre Erziehung).

DA
Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis des menschlichen Bewusstseins? Oder besteht es lediglich darin, dass es gar keins ist?

ZS
Mir war nicht mal bewusst, dass es eins gibt.

DA
Bei der Vorstellung, über Freiheit und Freizeit zu verfügen, dürften so mancher geplagten Seele die Glückstränen kommen – ist denn für entsprechende Salzwasserauffang- und Aufbereitungsanlagen gesorgt?

ZS
Ach geht mir doch weg mit dem ganzen Freigedöns! Ich diktiere es gern noch einmal allen hinter die Ohren: Wir haben doch nicht die lange Reise hierher auf diesen Planeten gemacht, um Caipirinhas zu schlürfen und den Teint zu verbronzen! An die Arbeit, Freunde, der Busch brennt lichterloh!

DA
Es gibt mehrere hundert Menschen auf der Welt, die es sich nicht leisten können, ihre Zeit mit Stumpfsinn zu verbringen, nur um nicht zu verhungern und nackt in der Müllpresse zu landen. Der durch das Bemm ausgelöste kulturelle und gesellschaftliche Paradigmenwechsel wäre ohnegleichen. Die Weltdepressivität würde massiv absinken, denn Geld ist einer der Hauptmotoren für mentale und emotionale Blockaden sowie Auslöschungen. Wir müssen uns irgendwie vom Geldgestus dekontaminieren lassen … Welche anderen monumentalen gesellschaftlichen Experimente sind denkbar?

ZS
Als (bislang) Nichtbetroffener sollte ich den Mund in puncto Weltdepressivität nicht zu voll nehmen, aber nach meinen bisherigen Eindrücken von depressiven Zuständen möchte ich vorsichtig widersprechen: Ich hatte und habe den Eindruck, dass die handelsübliche Depression kaum besser gemästet werden kann als dadurch, dass ihr Inhaber möglichst viel Zeit und Muße hat, sich der Selbstanalyse zu widmen. Nicht Angst essen Seele auf, lieber Rainer, sondern Nabelschau. So gesehen könnte man die Frage wie folgt beantworten: Das monumentalste Experiment wäre die Umsetzung der uralten Weisheit „Es geht hier nicht um uns, liebe Leute!“

DA
Was, glauben Sie, wären die weitreichendsten Konsequenzen einer solchen utopistischen Wandlung?

ZS
Weltfriede. Garten Eden. Guter Sex. Saubere Bürgersteige. Gute Manieren. Volxgesundheit. Noch mehr guter Sex. Weniger Drogenkonsum. Weniger Psychopharmaka. Weniger Tierquälerei. Noch mehr guter Sex. Finis historiae mundi.


Foto: © Schneeha Zröder 

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