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Headquarters for Experimentalism

Das Moment von der Endkunde

Von Marco Lehner.

Da waren sie eben noch, die umrahmten glücklichen Gesichter, geselfied, geshared und geliked im Glanz betörender Lichter.

Automatisch erkannt von jedem Gerät inzwischen,

sogar das Lächeln kommt wie von selbst,

nur manchmal ein spöttisches Zischen.

Allerdings ist der Spaß kein guter Gönner,

wenn sich die schlauen Alleskönner

in unachtsamen Momenten selbstständig wenden

und im Sog der Schwerkraft verenden.

Dann sind die holden Augenblicke um Hochzeit und Feier entzwei,

übrig bleibt nur ein zersplittertes Adabei.

die Achillesferse unserer Geräte, wie Hersteller S. kürzlich in einem seiner raren Interviews eingestand: Werfen Sie ein Wasserglas hinunter. Es zerschellt binnen Nanosekunden. Ein Blumentopf. Klirr. Ende. Die klassische Ming-Vase benötigt nur einen Lidschlag länger

Aber die nervenzerreißende Stille und die Panik, die sich ausbreitet, wenn so ein Gerät der Hand entgleitet,

ist unerreicht.

Die Endkunden verweilen in Atemstillständen,

die vom Gerät aufgezeichnet werden zu ganzen Netzwerkbränden.

Die Dauer so eines Moments zieht selbst das Umfeld in seinen Bann und sorgt für Mitgefühl und Anteilwahn.

dazu haben wir diesen Moment zunächst mittels aufwändiger Videoanalyse eingefroren und darüber gebrainstormt, wie diesen Unachtsamkeiten und Missgeschicken Einhalt geboten oder sogar entgegengewirkt werden könnte, erklärt P., Vizepräsident der Hardware-Entwicklung. Immerhin wissen die Geräte, wo auf dem Planeten sie gerade sind, sie wissen, wem sie gehören, sie wissen, in welchem Winkel, welcher Achse und Neigung und Ausrichtung und Rotation und in welche Himmelsrichtung sie gehalten werden. Warum sollten sie nicht auch wissen dürfen, wann sie sich im Freien Fall befinden? Sie schalten das Display ab, wenn sie zum Ohr geführt werden, sie verweigern sich bei falschem Fingerabdruck, also können auch Gravitations-Sensoren anspringen, wenn sich das Gerät selbstständig macht. Und da hat es bei uns geklingelt, erzählt P. stolz –

Ein unzubodenwerfbarer Gegenstand, nichts einfacher als das:

Etwas Spannendes, etwas zum Spielen und eine Schwebefarce!

Momentan müssen wir noch an der Akkuleistung arbeiten, wir rechnen mit einem breiten Anwendungsspektrum, ganz zu schweigen von der Experimentierfreude unserer Endkunden mit neuen Features. P. war lange nicht mehr so aufgeregt, wie er meint, und auch S. teilt seine Begeisterung. Ein Meilenstein, wie sie ihn von sich selbst kaum erwartet hätten

Und so sieht es aus:

in allen Wohnhäusern, öffentlichen Verkehrsmitteln,

Restaurants, Stadien und Toiletten

können die Endkunden darauf wetten,

ebenso wie in allen Straßen und Gassen

ihre Geräte nicht nur nicht mehr fallen zu lassen

sondern einfach auf Luft zu betten.

Es fliegt, es fliegt – die Technik mit dem gewissen Touch.

Das neue Smartphone hover – ohne dem Splittercover.

Suchen muss man es auch nicht mehr, nein,

es findet seinen Besitzer von ganz allein.

Und das nächste Update, noch ist es geheim,

wird eine Ode an den Bumerang sein.

Bildquelle: (c) DA

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