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Der Mann mit dem Hirn

Interviewtf mit Thorsten Krämer.

Wie war das eigentlich damals, als du den MANN MIT DER PAUKE kennenlerntest?

Als ich den MANN MIT DER PAUKE zum ersten Mal gesehen habe, war er nur ein Gesicht.
Vom Fernseher in unserem Wohnzimmer her schaute er mich an, die Lücken zwischen seinen Zähnen waren schwarze Löcher, so schwarz wie das lange Haar, das er zurückgebunden trug. Trotzdem konnte man erkennen, wie fettig es war. Verwahrlosung sprach aus diesem Gesicht, und eine quicksilbrige Intelligenz. Eine Mischung, die mich irritierte und begeisterte. Eine Idee vom anderen Leben.

Du hast immer wieder betont, dass „idiopathisches Schmandpfafferl“ nichts für dich sei. Vertrittst du ernsthaft diese für einige doch reichlich befremdliche Meinung? Oder schuldest du dem MANN MIT DER PAUKE möglicherweise noch einen sehr speziellen Gefallen?

Dieses falsche Zitat ist offenbar nicht aus der Welt zu kriegen. Ich habe das nie gesagt. Ich habe lediglich einmal in einem Interview meine Abneigung gegen „idiosynkratisches Geschmäcklertum“ ausgedrückt. Das hat der Interviewer leider falsch verstanden, was ich ihm nicht weiter ankreide, schließlich führten wir das Gespräch in einer Fabrikhalle, in der es sehr laut zuging. Im Übrigen: Solche Missverständnisse oder Verhörer können mitunter ja sehr produktive Folgen haben. Ein Beispiel: Als George Lucas Anfang der 1970er Jahre in der Ägäis Urlaub machte, hörte er eines Morgens beim Frühstück, wie der Küchenchef seines Hotels (ein Franzose, der den griechischen Vokativ nicht beherrschte) einen der Kellner rief: „Stavros!“ Lucas, der Landessprache nicht mächtig und noch leicht verschlafen, verstand „Star Wars!“ – und der Rest ist Geschichte.

Nun ist es natürlich leider so, dass inzwischen, während wir es uns hier gemütlich machen, zu viele Hirne ins Abwasser gerutscht sind. Und sie kommen niemals zurück.

Hirne im Abwasser? Ich verstehe, eine Anspielung an den berühmten Anfang von HOWL: „I saw the best minds of my generation destroyed by madness …“. Ich muss gestehen, ich habe mir nie viel aus Ginsberg gemacht. Was vielleicht auch an seinen buddhistischen Aktivitäten lag, die in meiner Wahrnehmung seine dichterische Arbeit fast überlagert haben. Jedenfalls: Gregory Corso hat mich von den Beatniks immer mehr interessiert. Ich habe nach ihm sogar eine Abteilung meiner unveröffentlichten Gedichtsammlung „Aus dem Zoo ist ein Tier ausgebrochen. Gedichte 1991 – 1993“ benannt. Leider kann ich das Manuskript gerade nirgendwo finden, sonst würde ich einen kurzen Teil daraus zitieren.

Hirne landen im Abwasser, ob mit HOWL oder ohne. Sie ziehen Abwasser wohl magisch an, so ähnlich wie Abwasser Hirne aufzieht. „Um schnell mal in was Bequemes zu schlüpfen.“ (Ab Wasser). Und was ist für dich W. S. Burroughs?

Burroughs ist natürlich ein ganz anderes Kaliber. Er hat das Schreiben selbst für alle Zeiten verändert. Und gerade in diesen Tagen ist es faszinierend, wie zeitlos seine Texte sind. Das Piratenthema aus „Cities of the Red Night“ etwa haben zuletzt Ja, Panik aufgegriffen, und im Video zu „Libertatia“ sitzen die Jungs ja auch tatsächlich in der Badewanne. Das Abwasser zieht sich also durch.

Ab Wasser wird zurückgeschossen! bzw. Ich finde auch, dass Burroughs das Alleinstellungsmerkmal Kunstvoranbringer-Genie aufweist. Ich habe das noch niemandem gesagt, aber ich glaube, dass Burroughs selber wie ein Mugwump aussieht. Zumindest wie der aus Cronenbergs NAKED LYNCH?

Kunstvoranbringer-Genie ist eine tolle Kategorie! Man sollte einen entsprechenden Orden einführen. Ich stelle mir gerade vor, wie so ein Mugwump mit Orden aussähe … Mich persönlich hat Burroughs ja immer mehr an ein Heffalump erinnert, aus dem man die Luft gelassen hat. Aber nun ja. Wer mich auf diese Idee mit der Kunstvoranbringerei gebracht hat? Das war Ezra Pound, von dem ich mir in Wuppertal ein Buch gekauft habe, in der einzigen gescheiten Buchhandlung, die es da Ende der 80er Jahre gab. Die hat leider nicht lange durchgehalten, aber just morgen fahre ich wieder nach Wuppertal, weil dort der eine der beiden Buchhändler einen Liederabend gibt – er am Gesang, ein anderer am Piano. Der andere ist aber nicht der andere Buchhändler, das wäre wirklich zu ausgedacht.

Wenn man alle Bücher durch kaugummibewehrte Teppiche ersetzte … oder anders gefragt: Was sind für dich die heldenhaftesten Mugwumps der Geschichte?

Diese Frage müsste ich an die Abteilung Listenwesen weiterreichen, aber die wird seit einiger Zeit bestreikt. Mit meiner vollen Unterstützung, das ist ja ein Wespennest. Das Hauptproblem scheint mir zu sein: Wie kann man historische Schieflagen abbilden, ohne sie gleichzeitig zu affirmieren? Anders gesagt: Nicht jeder hat das Glück, in der Schule Sappho zu lesen.

Sehr geehrter Herr Flamberg, wir werden uns bei Ihnen melden, sobald ALLES vorliegt. Jupiter : Katheder = jovial :

Kariös? Ich kenne keinen Zahnarzt, der Flamberg heißt. In Wolfgang Frömbergs Roman „Etwas Besseres als die Freiheit“ aber kommt ein Zahnarzt vor, der heißt freilich Berzau, was fast ein Anagramm von Merzbau ist. In meinem Roman „Neue Musik aus Japan“ gibt es ebenfalls eine Zahnarztepisode, in dem Kapitel zu einem Stück von … Merzbow! Bohren einigt alles. Man kann das natürlich auch als Beziehungswahn verstehen, ein Wort, dessen richtige Bedeutung mir vor vielen Jahren W. G. Sebald bei einer Lesung in – na, wo wohl? – richtig, in Wuppertal erschlossen hat. Das war 1990 anlässlich seiner Lesereise mit „Schwindel. Gefühle“. Als er anschließend Bücher signierte, nahm ein älterer Herr sein Exemplar mit den Worten entgegen: „Wissen Sie, Herr Sebald, Sie und ich, wir haben eine Sache gemeinsam: Wir schreiben beiden den Monat mit römischen Ziffern.“ Das war vielleicht die beste Vorbereitung auf den Alltag eines Schriftstellers, die ich je bekommen habe.

Trittbrettfahrer Maximilian beschleunigt mit Vmax und erreicht schließlich die Höchstgeschwindigkeit Vmax. Was spricht dafür, diese wenig stimmige Aufgabenstellung dennoch nicht umzuformulieren?

Ach, ich weiß es nicht. Spricht da wirklich etwas dafür? Vielleicht, um Gelassenheit zu üben. Häufig komme ich an einem Schaufenster vorbei, auf dem geschrieben steht: „Die Einheit – das neutrale Element der Multiplikation“, und wie oft habe ich es nur dank großer Selbstüberwindung geschafft, dort nicht hineinzugehen und den Leuten zu erklären, dass Einheiten natürlich doch multipliziert werden, sonst gäbe es ja keine Quadrat- oder Kubikmeter! Ist es denkbar, da gelassen zu bleiben? War es wirklich Gelassenheit, die Pilatus dazu veranlasste zu sagen: Quod scripsi, scripsi? Ach, ich weiß es nicht.

Pilatus ist ein gutes Stichwort. Ein noch besseres wäre vielleicht Platypus. Was ist für dich aber das allerbeste Stichwort? Doch nicht etwa Damn! Ich habe lange Zeit in einem dieser typischen Ostblock-Merzbaus gewohnt. Jetzt erzähl uns doch endlich mal einen richtig schlechten Witz!

Das allerbeste Stichwort: Fnord.
Ein schlechter Witz: Wie nennt man einen Bumerang, der nicht zurückkommt? Stock. Ist der schlecht genug?
Im Übrigen: die letzte Frage, bitte – mein Taxi wartet schon!

Der Witz war gar nicht so schlecht, jedenfalls besser als einer, der mit den Worten „Kommt ein Arzt zum Zahnarzt“ beginnt. Würde es dich wundern, wenn ein Song namens „Complex Fractal“ Prog Metal ist?

Nein, das würde mich gar nicht wundern. Prog und komplizierte Worte, das hat immer schon gut zusammengepasst. Nie musste ich so oft zum Englisch-Wörterbuch greifen wie in der Phase, als ich als Jugendlicher Marillion gehört habe. Jigsaw, ricochet, perimeter, fugazi – solche Ausdrücke habe ich nur dadurch gelernt, dass ich die seltsamen Texte von Fish (der seinen Namen ja daher hat, dass er immer so lange in der Badewanne lag!) zu verstehen versucht habe. Jetzt ist es also raus: Ich habe Marillion gehört. Noch ein Bekenntnis von solchem Kaliber wirst du mir aber nicht entlocken. Tschüss & vielen Dank für das Gespräch!

Bildquelle: (c) TK [transmutiert]

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