Novelle

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DREI PLUS EINS HINDERNISSE ZUR GESCHICHTE

Von Andreas Reichelsdorfer.


Die ursprüngliche Zielsetzung wurde sogleich zunichte gemacht, und zwar durch die Eingebung, die einen Mann in den Weg stellte. Dieser war klobig und wog dreihundert Pfund, obgleich seine Äugelein müde drein blickten wie die einer Katze nach einem langen Gewitter. Ich erkundigte mich nach seiner Lieblingskomplementärfarbe, und er antwortete mit der Farbe Gelb. (Sprich, er drückte mir sprichwörtlich, tatsächlich, die Farbe Gelb in die Hand.) Daraufhin ließ er mich bereits passieren. Ich ging an ihm vorüber und verabschiedete mich: „Bis bald, gelber Mann“, sagte ich, „bis bald, blauer Mann“, sagte der gelbe Mann. Ich wusste nicht, dass ich die Farbe Blau trug, wunderte mich aber nicht. Und das war’s dann also schon mit dem ersten Hindernis.

Das nächste in Anführungszeichen Hindernis war eine Dichterin, die Auszüge aus ihrem Erstlingswerk Der verlorene Fund vortrug – missmutigen Tonfalls zwar, jedoch gar nicht einmal schlecht:

„Zur Wand
Wenn sich der Schalk begibt
Kommt es zurück
das Land“

zitierte sie sich, beispielsweise, selbst in die Luft hinein, und:

„Das ziert sich nicht
„Der Inhalt seicht
Sofern es spricht
Geht’s Dummen leicht“

fuhr sie fort und sie schien mich nicht zu bemerken. Ich hörte eine Weile aufmerksam zu und notierte mir gedanklich einige Passagen, um sie dann hier und jetzt niederzuschreiben:

„Trotz all der Sonne
Inmitten Truglugs
Ziert sie sich noch
Die große Kolonne“,

ein Absatz, der mich unwillkürlich zum Applaudieren brachte. Allerdings lediglich ob der Phonetik, nicht der Thematik, die mir fern lag. Die Dichterin ihrerseits hielt dann inne, hob den Kopf von ihrem Erstlingswerk Der verlorene Fund auf und warf mir einen Blick zu, der – so muss eingestanden werden – eine bitterernste Note aufwies. Ich hörte sofort auf zu klatschen.

„Und woher kommst du, alter Mann?“, fragte sie, was mich auf dem falschen Fuß erwischte, denn ich war nicht alt, bzw. ich wusste nicht, dass ich alt war (allgemein wusste ich eher wenig), meiner Meinung nach war ich um die achtundzwanzig, neunundzwanzig, vielleicht war das alt, niemand konnte die poetische Freiheit leugnen. Ihre Frage aber konnte ich nicht beantworten.

„Das Ganze geht doch erst seit ein paar Zeilen“, versuchte ich meine Unwissenheit zu kaschieren und setzte einen Hundeblick auf, der allerdings fehlschlug, denn das Gesicht der Dichterin verfinsterte sich augenblicklich aufs Neue und auf die drastischste Weise, um sich anschließend wieder zu entspannen und ihrem Buch, dem Erstlingswerk Der verlorene Fund, zuzuwenden. Sie rezitierte:

„Drum fluch, Du Narr
Mein Grab wird Dein
Oh schlimme Pein
Die Dich fortzerrt

Das Porzellan
Von meiner Hand
Bricht ungewollt
An Deiner Wand –
 
Lug und Trug! Lug und Trug!“

Sie wiederholte diese Schlusszeile einige Male, um mich unterdessen mittels wischender Handbewegung, der ich mich nicht verweigern konnte, weiterzuwinken. Und das war dann auch schon das Ende der Dichterin in Gedanken und ich hätte ihr noch so viele Fragen stellen wollen, war aber gänzlich unvorbereitet gewesen. Sei’s drum. Man soll nichts und niemandem nachtrauern.

… ein Cockerspaniel kreuzte meine Beine. Ich ließ ihn kurz seine Nase reiben, dann war er auch schon fort, entschwunden aus dem Blickfeld. Oh Welt!, dachte ich, doch war auch dieser Gedanke nur eine ins Nichts wandernde Abwandlung fragwürdiger Reflexion, die möglicherweise wahr, höchstwahrscheinlich aber vollkommen vorgegaukelt war (die Unterscheidung lag nicht in meinen Händen). „Sich treiben lassen wie ein Cockerspaniel“, verbalisierte ich also reflexiv reflektierend und schlussfolgernd, was ich zunächst als ‚unter Umständen durchaus hilfreich‘ oder ‚zumindest einen Versuch wert‘ für den Fortgang der Handlung apostrophierte, sich im Endeffekt aber als Lug und Trug zu erkennen gab, denn ich fand mich bereits wieder in einer Montgolfière und im Grunde zurückversetzt ins Jahr 1783 und in Gestalt einer Ente, die Landschaft auf der anderen Seite hatte sich kaum verändert, da lagen immer noch Bäume, Berge und Seen da unten, also sprang ich aus dem Ballon und zurück in die Handlung, gleich hinter die Stelle, an der sich die Dichterin von mir ab- und ihrem Erstlingswerk Der verlorene Fund zuwendet … –

Das nächste in Anführungszeichen Hindernis oder eher Vorkommnis in Form eines Gegenstands/einer Person, denn das Wort „Hindernis“ konnotiert negativ, was mir fern liegt, was mir zu spät auffällt, so verirrt man sich beim Bauen einer Handlung, die schlussendlich nur Hindernisse in den Weg legt, aber jetzt ist es zu spät – das nächste Vorkommnis also in Form eines Gegenstands/einer Person trat in Gestalt eines sprechenden Golfschlägers in Erscheinung, der die Gestalt eines Holzhackers angenommen hatte, der seine Axt und sein Hemd verloren hatte und somit oberkörperfrei und unbewaffnet vor mir stand, was mir gelegen kam. Allerdings bäumte er sich etwas auf, denn auch er war klobig und mindestens dreihundertpfündig, und auch er blickte müde drein wie die Katze nach dem langen Gewitter, ja er blickte gar liebevoll drein dieser Mann. So standen wir uns stumm gegenüber und in mir kam nicht die leiseste Ahnung auf, wer denn nun den nächsten Schritt tun sollte – der Volksmund behauptet zwar (leicht abgewandelt oder möglicherweise verändert): „Für gewöhnlich ergeben sich die Dinge immer von selbst“, aber hier traten schon seit zwei Minuten zwei Erfundene frei auf der Stelle, und sie rührten sich nicht. „Der Holzhacker ist also an Schüchternheit kaum zu überbieten“, schloss ich, und das, obwohl er halbnackt war. Dieser Gedanke weichte mich ein bisschen auf.

Ich entschied, ihm die Hand zu reichen. Er nahm sie nicht. Stattdessen presste er eine einzige Träne aus einem seiner müden Augen heraus. Daraufhin herrschte erneut ein Moment vollkommener Stille, ehe er in einen waschechten, schallenden Weinkrampf ausbrach.

„Holzfäller!“, schrie ich, und deutete ungelenk eine Art Schulterklopfen an, die Mitleid oder Spende von Trost symbolisieren soll (ohne ihn aber zu berühren und auch ohne, dass er Notiz davon nahm), „Holzfäller!“, rief ich lauthals und wollte ihn im Prinzip nichts als umarmen. Seine Tränen waren übrigens so dick wie Harz, ein Vergleich, der mich außerordentlich stolz macht und auf dessen zufälligen Fund nicht verzichtet werden darf. Ich überlegte, wo der grenzenlose Gefühlsausbruch dieses Mannes wohl herrühren mochte, überlegte sogar mehrere Minuten, stieß aber auch nach beachtlichem gedanklichen Sortieren lediglich auf zwei Optionen:

EINS, er vermisste Axt und Hemd und konnte also weder arbeiten noch unter Leute gehen (mich selbst ausgenommen) – das war aber viel zu offensichtlich, also musste es

ZWEI sein: grober Weltschmerz.

Der Mann litt unbestritten an der großen Traurigkeit, die allen Lebewesen, insbesondere aber dem Menschen, innewohnt, und er hatte sich, im Gegensatz zu mir und den meisten anderen von ihnen, dazu entschlossen, dieser Traurigkeit schlussendlich ins Auge zu blicken und sie anzunehmen, herauszulassen und ihr Ausdruck zu verleihen, ja, sie zu entlassen in diese seltsame Welt (oh Welt). Und der womöglich komische oder skurrile oder gar lächerliche Eindruck, der sich bei diesem Anblick dem ein oder anderen vielleicht aufdrängen mochte (-> „klobiger Mann weint wie kleines Kind, das seinen Lolly nicht bekommt“ o.ä.), ist hier nichts als bloßes Beiwerk, das die Situation insgesamt eine Spur abmildert und nicht so erscheinen lässt, wie sie eigentlich ist, und ich verbiete mir hier jeglichen Spott oder Hohn gegenüber einem, der so mutig und hellsichtig war, die bittere Sinnlosigkeit der Welt und die daraus resultierende unleugbare Melancholie, die der Mensch zu leben bestimmt ist, zu entdecken und zu beweinen.

Ich schaffte es dann sogar, ihm auf die Schultern zu klopfen (und berührte ihn nun tatsächlich), als das Weinen in ein Schluchzen und das Schluchzen in ein Schniefen überging. Ich überlegte, was ich ihm schenken konnte, hatte aber nichts bei mir außer einem neuen Gedanken, der bisher noch unvollständig war und den ich ihm sogleich überreichte. Dann begann die Geschichte.


Bildquelle: (c) DA

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