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Eier für jeder(M)ann

Von Gabriele Nakhosteen.

Kliniken für Andrologie behandeln Erkrankungen der männlichen Geschlechtsorgane mit Auswirkung auf die Zeugungsfähigkeit. Selten aber werden sie mit einer derartig weitreichenden Problematik konfrontiert wie das Gameten-Hospital im westfälischen Vögelnsie. Die in der medizinischen Fachzeitschrift „Basic Facts“ veröffentlichten Befunde des Krankenhauses rufen weltweites Erstaunen hervor, dürften sie doch das Potential haben, zu einschneidenden Veränderungen der Fortpflanzung und des menschlichen Erbguts zu führen. Wir geben hier in verkürzter Form das Aufnahmegespräch zwischen dem leitenden Oberarzt der Klinik, Dr. med. Hope, und seinem Patienten, dem Seltsamkeitsforscher Ulrich Hennemann, wieder.

Arzt: Herr Hennemann, Sie kommen zur Aufnahme, weil Sie gewisse delikate
Veränderungen an sich wahrgenommen haben.
Patient: Richtig.
Arzt: Nur im Genitalbereich?
Patient: Nein, auch meine Stimme hat sich verändert.
Arzt: Können Sie das näher beschreiben?
Patient: Mitunter entfährt mir ein sirrender oder girrender Laut.
Arzt: Sie verstehen, dass ich bei Ihrer Symptomatik zunächst eine eingehende
Anamnese erheben muss, bevor ich weitere zielgerichtete, vielleicht
schmerzhafte, diagnostische Maßnahmen ins Auge fassen kann.
Patient: Ich hatte gehofft, Sie könnten direkt die körperliche Untersuchung durchführen?
Arzt: Das erscheint mir nicht sinnvoll. Aber ich werde mich auf die wesentlichen Fragen zu Ihrer gesundheitlichen Vorgeschichte beschränken. Sie sind 56 Jahre alt, wohnhaft in Stallingen. Sind Sie verheiratet?
Patient: Ja. Zurzeit leben meine Gattin und ich aber leider getrennt. Sie kommt mit meinem beruflichen Interesse nicht klar.
Arzt: Sie sind Seltsamkeitsforscher und befassen sich mit vergleichendem Verhalten.
Patient: Ein spannendes Forschungsgebiet
Arzt: Was reizt Sie so daran?
Patient: Die Hund-Herrchen-Theorie. Sie wirft hochaktuelle Fragen auf. Nehmen wir nur das Beispiel meines Nachbarn. Er besitzt seit Jahren eine Bulldogge, ein plumpes, aber gutmütiges Tier, das durch seine Tränensäcke und die beidseits herunterhängenden Lefzen auffällt. Und sein Herrchen, mein Nachbar? Ein
friedliebender, netter Mann mit einer von Jahr zu Jahr stärker werdenden Erschlaffung seines Unterlidbereiches und zunehmenden wulstigen Lippen, die bereits Gesabber bedingen.
Arzt: Sicher, normal nachlassender Tonus der Gesichtsmuskulatur.
Patient: Wenn es denn die einzige Übereinstimmung wäre.
Arzt: Und welches Problem hat Ihre Frau mit Ihrem Forschungsgebiet?
Patient: Nun ja, mit dem Wunsch nach einem Hund fing es an. „Ulli“, sagte meine Frau, „jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, sollten wir uns ein Tier anschaffen. Ich wäre weniger allein, wenn Du Dich in Deine Arbeit vertiefst. Was hältst du von einem kleinen, freundlichen Mops?“ Einen Mops! Stellen Sie sich das vor, Herr Dr. Hope.
Arzt: Was ist so schlimm daran? Ich verstehe Ihre Abneigung nicht.
Patient: Herr Doktor, ich war entsetzt. Die Zukunftsvision der Angleichung an ein zu Übergewicht und Atemproblemen neigendes Dickerchens mit hervorstehenden Augen und womöglich mit Stummelrute und Korkenzieherschwanz flashte durch mein Gehirn. Auf gar keinen Fall, dachte ich und äußerte das meiner Gattin gegenüber klipp und klar: „Nie und nimmer, meine Liebe. Ein Mops kommt mir nicht ins Haus.“
Arzt: Ich verstehe. Berufsskepsis. Haben Sie außer den angegebenen Veränderungen irgendwelche Beschwerden, speziell im Genitalbereich?
Patient: Nein.
Arzt: Nehmen Sie irgendwelche Medikamente, Hormone? Viagra?
Patient: Das habe ich nicht nötig, Herr Doktor. Meine Funktionen sind top.
Arzt: Wie stand es denn um Ihr Sexualleben, als Ihre Frau noch daheim war?
Patient: Naja, die ehelichen Pflichten, das ganze Drum und Dran, war mir ein wenig lästig geworden. Es gab ja auch immer Streitereien. Diese ewige Quengelei: „Ulli“, bettelte meine Frau unablässig, „irgendein Tier
wäre mir recht, egal welches. Sieh den Vorteil für deine Forschungsarbeit. Eine kontinuierliche, wissenschaftliche Beobachtung direkt vor Ort.“ Schließlich gab ich nach. Hauptsache kein Vierbeiner.
Arzt: Damit sollte der Ärger mit Ihrer Frau beigelegt worden sein.
Patient: Zunächst ja, bis ich diese Veränderungen entwickelte. Sie meinte, dass ich ihre Kernkompetenz als Frau in Frage stelle.
Arzt: Verständlich.
Patient: Für mich nicht.
Arzt: Wie steht es mit dem Appetit, der Verdauung?
Patient: Alles in Ordnung.
Arzt: Und die Ernährung?
Patient: Da gibt es eine Präferenz zur gesünderen Lebensweise. Früher war ich ein Gemischtköstler, heute bevorzuge ich Vegetarisches. Ich nehme vermehrt Müsli zu mir, neuerdings auch Soja. Ich liebe Erbsen. Mit Garnelen fülle ich meine Jodspeicher auf und führe Omega-3-Fettsäuren zu, die ja fürs Herz enorm
wichtig sein sollen.
Arzt: Sind Sie schon einmal sonografisch, also mit Ultraschall, untersucht worden, was einen Hinweis auf Ihre jetzige Fragestellung geben könnte?
Patient: Nein, Herr Dr Hope. Deshalb denke ich auch an eine invasive Diagnostik Ihrerseits, alles andere bringt uns in meinem Fall nicht weiter.
Arzt: Stören Sie die körperlichen Veränderungen, die Sie an sich wahrgenommen haben?
Patient: Nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil. Ich hoffe ja, dass meine Forschungsergebnisse dadurch eine weitere Bestätigung finden.
Arzt: Was genau wollen Sie damit sagen?
Patient: Ja, verstehen Sie denn nicht, Herr Doktor. Wenn eine äußere körperliche Anpassung zwischen Mensch und Tier offensichtlich stattfindet – ich verweise auf das Beispiel meines Nachbarn und seiner Bulldogge – warum sollten nicht auch innere Organe davon betroffen sein? Sozusagen eine intrakorporale
Assimilation. Was durch mich jetzt vielleicht bewiesen werden könnte.
Arzt: Ich sehe darin eine enorme Problematik, aber noch keinen Vorteil, Herr Hennemann.
Patient: Der liegt doch auf der Hand, lieber Herr Dr. Hope. Ein Mann könnte seine eigenen Nachkommen zeugen, ohne diesen Firlefanz an Geschlechtsverkehr. Mit eigenen, reinrassigen Genen!
Arzt: Hatten Sie so einen engen Kontakt mit den Hühnern, die Ihre Frau im Garten hält?
Patient: Ich habe das Federvieh inzwischen wirklich gern, nehme die Tiere oft auf den Arm und streichele sie. Unsere Beziehung ist die einer Hund-Herrchen-Liebe nicht unähnlich.
Arzt: Und seit wann produzieren Sie Eier?
Patient: Erst seit kurzem, aber täglich eins. Ich bitte Sie deshalb durch eine Bauchspiegelung zu klären, in wie weit bei mir schon Eierstock und Eileiter ausgebildet sind und ob eine Verbindung zum Hoden besteht.
Arzt: Dann könnten Sie schwanger sein, Herr Hennemann.
Patient: Das wäre phänomenal! Ein bescheidener Beitrag meinerseits, aber ein epochaler Sprung, sozusagen ein Eisprung, für die Menschheit.

°°°
(Anmerkung der Redaktion) Der Befund der Bauchhöhlenspiegelung bestätigte die Hypothese von Herrn Hennemann. Eine Schwangerschaft liegt zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht vor.

Ulrich Hennemann, geb.: 20.08.1960 ⚥
Bildquelle: (c) GN

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