Novelle

Headquarters for Experimentalism

exmachine

Von Peter Kapp.

Neon flackert müde, grün und gelb und unregelmäßig, liegt im Sterben und will seinen Geist ums Verrecken nicht aufgeben. Das große, schräg an einigen übrig gebliebenen Kabeln hängende S am Anfang ist wohl endgültig und für alle Zeiten erloschen, wird nie wieder blitzen: S wie Stagnation. Dieses Lokal hier ist stehen geblieben, hängt schief zwischen den Zeiten so wie die Buchstaben, die längst nicht mehr strahlen, stattdessen rostig im regnerischen Lüftchen quietschen und damit das Ende einer ruhmreichen Epoche markieren. Große, runde Lettern, die noch immer eine glanzvolle Vergangenheit beschwören, dieses heruntergewirtschaftete Etablissement hat zu anderen Zeiten bestimmt bessere Zeiten gesehen – längst vorbei, die kommen nie wieder. Jetzt heißt der Club exmachine, ein Schatten früherer Beunruhigungen, Abgesang auf die gute alte Zeit, als die Mädels in den Bars noch echte Brüste statt Silikonersatzware trugen.

Blank blinzelt nach oben ins vergilbte Licht der schäbigen Stripbar: Nun gut, nackte Haut, Titten und Ärsche, rein also, Blank tritt vor die Tür. Vor einem kleinen, vergitterten Fenster wird der Sichtschutz weggezogen, gedämpftes rotblaues Licht im Hintergrund wird verschattet von einer fitzelbärtigen, hängebackigen Rocker-Visage: ein antiquierter Höllenwächter mit Spiegelsonnenbrille und Ledermütze. »Wat willste?« Blank wird unsicher, schwankt, soll er wirklich? Titten, na und, Stripperinnen, die sich routiniert aus ihren Kleidern schälen, pseudogeile Geschöpfe, die ihre Brüste müde wackeln lassen, Bauch und Becken verrenken, denen man kurz zwischen die Beine schaut, rasierter Blick, das war’s dann. »Fürn Zwanni kannste Mösengucken«, der Höllenengel hinter der Tür wirkt nicht gerade einladend, aber was soll’s, jetzt wo Blank schon mal hier ist. Ärsche, jawoll, er bezahlt, die Tür öffnet sich, drin steht der Höllenengel, erweist sich als fetter Zwerg auf einem Schemel in alberner Nietenjacke und Lederhose mit Fransen dran. Yippie, Cowboy, rein ins Vergnügen!

Drinnen läuft genau die Musik, die Blank erwartet hat, allerdings verschwommen, weit entfernt, Unterwassermusik, deren Bässe träge zum Türsteher herauf rutschen. Blank läuft rasch die Treppe hinunter, es riecht nach kaltem Rauch, Altmännerschweiß, Pisse und Parfüm. An den Wänden krickelige Graffiti, Riesenpenisse, Frauen mit gespreizten Beinen und Brüsten wie Heißluftballons. Blank beachtet kaum das Gekritzel zwischen den blauen und roten Lämpchen, von denen einige ebenfalls flackern, aber vielleicht ist das in diesem Fall Absicht. Die Musik wird lauter, je weiter er hinabsteigt, die Luft schwüler, die Beleuchtung schummriger, falls das überhaupt möglich ist. Blank konzentriert sich ganz auf die Treppenstufen, folgt der Musik, schmieriger Pop, zu dem angeraute Frauenstimmen von Treue und zauberhaften Liebesnächten samtweich trällern. Vor einem schweren, dunkelroten Filzvorhang bleibt er kurz stehen, schaut zurück, die Stufen hinauf. Blank seufzt, schiebt sich durch den Vorhang hinein ins Innere, ins Herz der Sexmaschine.

Viel ist nicht los, die Luft dennoch dick wie in der Sauna. Die Bühne vorerst leer, das erotische Hauptprogramm hat noch nicht begonnen. Blank lehnt sich an eine Säule im hinteren Bereich des Zuschauerraums, er schwitzt unter der Jacke, steckt sich eine Zigarette an. Was für eine schwachsinnige Idee hierher zu gehen, ein Pils, danach nichts wie raus. Doch schon fängt die Show an, der Vorhang vor der Bühne wird aufgezogen, vereinzelte Klatscher aus dem Publikum.

Auf den ersten Blick ist sie eher unscheinbar, weder groß noch klein, weder dick noch dünn, weder blond noch brünett, weder sehr selbstbewusst noch besonders schüchtern, weder noch, ein graues Mäuschen, dem Großstadtdschungel entschlüpft, hineingekrochen in ein überhitztes Mauseloch, das zufällig Teil der großen exmachine ist. Sie wirkt gelangweilt, kennt die Situation, schließt die Augen, öffnet sie wieder, hebt die Brust, spannt sich an, wartet auf die Musik, die sie zu ihren Entkleidungskunststücken treiben soll. Die Scheinwerfer strahlen sie an, werfen orangene Schatten auf ihr Gesicht. Ihre Augen, Blank stutzt, irgendetwas kommt ihm merkwürdig vor an ihren Augen, sie sind so … ausdruckslos.

Scheiß Job, weder sie noch die Zuschauer scheinen in Fahrt zu kommen. Doch da, eine träge Melodie wird lauter gedreht, die Stripperin fängt an sich zu bewegen, sehr langsam und lasziv, sehr einstudiert. Sie wackelt mit den Hüften, setzt sich in die Hocke, probiert einen Spagat, dreht sich um und zeigt ihren Hintern, turnt und springt, verrenkt sich schier, lässt ihre Brüste hüpfen, im Stehen, auf den Knien, wechselt von dominanten Posen, eine imaginäre Peitsche schwingend, zu Gesten der Demut und der Unterwerfung, leckt mit der Zunge über den Boden. Blank erhascht erneut einen Blick in ihre Augen, seltsam. Die ersten Hüllen fallen, geradezu bedächtig schwebt Wäschestück um Wäschestück zu Boden.

Die Musik wird schneller, aggressiver, ein anderer Rhythmus jetzt: Stöhnstakkato. Die Bewegungen der Stripperin passen sich dem neuen Sound an, gehen in hektische, abgehackte Schritte und Drehungen über, nun lässt sie auch ihr Höschen fallen, wirft es ekstatisch hinter sich, tanzt immer wilder, wirft sich von den Händen auf die Füße und zurück, wirbelt im Kreis herum, dreht Pirouetten. Abwechselnd nimmt sie ihre großen Brüste in die Hand und beißt in die aufgerichteten Brustwarzen, lässt ihre langen Haare um sich kreisen, stampft mit den Beinen, reißt die Arme in die Luft, deutet eine kurze Stepp-Einlage an, klatscht in die Hände. Blank schaut ihr gebannt zu. Die Stripperin rennt nun wie eine Wahnsinnige über die Bühne, macht weite Sätze, lässt sich krachend auf den Boden fallen, läuft wie aufgezogen auf den Zehenspitzen, rollt sich von einer Ecke zur anderen, eine tollwütige Primaballerina. Purzelbäume wechseln sich ab mit Handständen und Flickflack, mit Rückwärtsrollen und Radschlag. Die Musik schwillt weiter an, die Sängerinnen und Sänger stöhnen, kreischen, quietschen auf den Gipfeln der Liebeslust, die Stripperin spreizt die Beine, lange genug jetzt, sie ist rasiert, aber … nein, Blank glaubt das nicht. Vorne, ganz nah an der Bühne sieht er einen jungen Mann mit wasserstoffblonder Frisur, zerknautschten Hosen und bis zum Bauchnabel offenem Hemd, der am Anfang der Show noch nicht da stand und der jetzt die Stripperin frech angrinst. Diese blitzt ihn verführerisch an, ihre Augen – sie geht vor dem jungen Mann in die Hocke und biegt ihren Rücken langsam zurück. Der junge Mann klatscht, andere Zuschauer drängen von ihren Tischen zum Bühnenrand, aber die Frau ist schon wieder hochgeschnellt, ahmt die Bewegungen eines Hampelmanns nach, streckt die Zunge heraus, zieht und dreht kräftig an ihren Brustwarzen, hört nicht auf damit. Blank stiert beklommen, wie hypnotisiert, die Musik dröhnt in seinen Ohren. Die Frau reißt an ihren Brüsten, die erste Brustwarze löst sich, die Augen der Stripperin blitzen geheimnisvoll, ihr Mund verzerrt sich, sie reißt Silikonpäckchen, Drähte und Verschalung aus ihrer Brust, beißt hinein, Rauch quillt aus ihrem Mund. Sie reibt das, was von ihrer linken Brust übrig ist, über ihr Gesicht und zerkratzt es, drückt die scharfen Drähte auf ihren Körper und ritzt sich schwarze Striemen in den Bauch, in Arme und Hände, in ihre Schenkel. Ein Ruck, dann ist die Brust endgültig abgerissen, sie greift nach ihren Augen, zwirbelt sie heraus und wirft sie wie vorher das Höschen nach hinten auf die Bühne, wo sie zwei kleine Explosionen verursachen. Nebel zieht auf, verzieht sich wieder. Die Frau liegt mit gespreizten Beinen vor den Zuschauern, und tatsächlich, nichts, da ist offensichtlich nichts, zwischen den Beinen sieht sie aus wie eine Barbiepuppe, auch wenn sie jetzt Masturbationsbewegungen vortäuscht und dazu lustvoll jault, mit ihren spitzen Fingernägeln Löcher in den Unterleib sticht, aus dem ebenfalls Metall und Plastik hervorquellen. Genug Platz nun für die geballte Faust, die sie sich mit aller Kraft in den Körper rammt, darin herumrührt und mit einer Handvoll metallischem Schrott wieder zum Vorschein kommt. Sie scheint von innen zu glühen, ihre Haut fängt an zu schmelzen, es riecht nach verbranntem Haar. Dicke Blasen bilden sich auf dem Körper der Frau, die sich am Boden windet, den Zuschauern für einen Augenblick ihre Rückenansicht bietet, sich die Hinterbacken bis zum Hohlkreuz aufreißt. Blank kann seinen Blick nicht abwenden, er schaut dem irren Werk dieser Frau zu. Mittlerweile hat sie sich die zweite Brust abgerissen, sitzt mit ausgestreckten Beinen da und schlägt sich mit den Handkanten so kräftig auf die Knie, dass diese brechen und nach oben abknicken. Die Musik überschlägt sich zu einem Donnern, während Blank entsetzt das Geschehen auf der Bühne verfolgt. Dort löst sich die Haut der Frau in große tropfende Fetzen auf, fließt als giftige Brühe auf die Zuschauer zu, die erschreckt zurückweichen. Und immer noch setzt die Frau ihr Vernichtungswerk fort: reißt sich den rechten Unterschenkel ab und rammt ihn in das Funken sprühende Loch im Unterleib, was irgendwo in ihrem Innern einen Kurzschluss verursacht, so dass bläulich zitternde Flämmchen aus ihrem Mund heraus züngeln. Blank drängt sich schaudernd an die Säule, unfähig sich von diesem Anblick zu lösen. Die Frau hat ihr Gesicht mit einem Ruck auf den Rücken gedreht und den Hals energisch abgeknickt, bricht nun Stück für Stück den Rest ihres Rückgrates bis hinauf zu den Schulterblättern und presst den Kopf in die klaffende Wunde, die kurz zuvor noch ihr Hintern war. Eine Explosion erschüttert sie bis ins Mark, lässt ihr linkes Bein und den rechten Oberschenkel zucken, die kurzerhand in den eisenharten Griff ihrer noch intakten Arme genommen und wie Gummi verknotet werden. Es kracht, knallt, quiekt und raucht, die flüssige Haut auf der Bühne hat sich im Funkenregen entzündet und setzt nun auch den Vorhang und die Bühne selbst in Brand. Das zuckende Bündel dort trommelt mit den Fäusten in die Flammen, so dass brennende Tropfen umher spritzen, knickt sich einzeln die Finger ihrer linken Hand mit der rechten ab und steckt sie wie Kerzen in die Überreste des Brustkorbs, wo bereits einige zerbrochene Rippen als bizarrer Körperschmuck herausragen. Ein epileptisches Schütteln durchläuft den zusammengequetschten Körper, das Bündel bäumt sich auf, wird von kreischenden Implosionen hin und hergeworfen, kreiselt über die Bühne, blaue Flammen gleißen, beißender Qualm erfüllt den Raum. Ein scharfer Knall hinter der Bühne, Stromausfall.

Das Licht im Saal erlischt, die Musik bricht ab, Blank kommt zu sich, reibt sich die brennenden Augen, merkt erst jetzt, dass die Luft knapp wird. Er wirft einen letzten Blick auf die Bühne, das Bündel brennt nun lichterloh, ein Arm in die Luft gestreckt, geballte Faust. Die Zuschauer rennen mit schreckgeweiteten Augen zum Vorhang und verschwinden dahinter. Blank schließt sich ihnen an. Auf der Treppe ist die Luft nicht besser, ätzender Rauch dringt in Blanks Lungen, die roten und blauen Lämpchen flackern wie verrückt geworden an den Wänden.

Oben am Ausgang ist nichts mehr vom fetten Höllenwächter zu sehen, dafür steht nun der junge Mann mit den wasserstoffblonden Haaren dort und schüttelt den hinauseilenden Zuschauern die Hand. Auch Blank kommt nicht unbehelligt an ihm vorbei. Der junge Mann grinst immer noch, und singt mit krächzender Stimme: »Willkommen, bienvenu, welcome.« Dann schubst er Blank sanft ins Freie, hinaus aus der exmachine, hinaus in die Zukunft.

Bildquelle: (c) DA

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