Headquarters for Experimentalism

InteReview mit Daniel Sch(rei)ulz

DANIEL SCHULZ, Fließbandarbeiter, geboren 1983 in Philadelphia, studiert an der Universität zu Köln Anglistik und Geschichte. Erste Veröffentlichungen hatte er bereits 2003 im Literaturmagazin
Federkiel und schreibt seit 2008 regelmäßig Beiträge für die Flugfreischrift Luftruinen. Seit 2014 nimmt er an Poetry Slams in ganz NRW teil. Nebenbei inszeniert er, seit 2010 auch eigene
Theaterstücke. Im folgenden InteReview geht es um Daniels Debüt “Schrei” (formidabel Verlag 2017).

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DA
„Ölbohrtürme der Angst.“

DS
Irgendwie muss ja schließlich der Staat seine Ökonomie ankurbeln. Irgendwie muss sich die Ökonomie ja verstaatlichen. Der Staat kurbelt also an, was ihn ankurbelt. Die Ökonomie ist politischer Körper im Körper des Staats. Die Ökonomie ist die innere Aufziehpuppe der äußeren Aufziehpuppe Staat. Die Ökonomie zieht den Staat an seiner Schnur auf, aber nur so stark, dass er die Wirtschaft ankurbeln kann. Nicht mehr. Man will ja schließlich nicht zu weit gehen. Die Aufziehschnur des Staats hat die Ökonomie dabei mit sich im Bauch des Staats versteckt und lässt dafür die eigene Aufziehschnur raushängen. Der Staat greift sich also an den Rücken, glaubt an der eigenen Schnur zu ziehen und kurbelt so die Wirtschaft an. Davon merkt der Staat aber nichts, denn die Ökonomie übt sich in Demut. Die Ökonomie übt sich in Zurückhaltung. Sie kurbelt als Gegenleistung den Staat an, aber nur so weit, dass der Staat sich an den Rücken fassen kann, wo die Aufziehschnur der Ökonomie raushängt, bzw. die Lobby. Der Staat kratzt sich weniger den Rücken als anderen.

DA
Mit seinen Maßstäben so lange um sich schlagen, bis die Psyche abmontiert ist.

DS
Passiert öfters. Wir leben in einer industriellen/kapitalistischen Gesellschaft. Selbst bei unseren Schul- und Studienreformen geht es um Produktionszahlen – es geht bei den Studien aus Pisa und Bologna um Effizienz im Sinne einer wirtschaftlichen Wirkung, nicht um eine soziale Wirkung. Diese Statistiken sind die Planzahlen unserer Bildungsreformen, der Maßstab, mit dem alle plötzlich um sich schlagen. Es geht, wie in Fließbandhallen, um Plan- und Produktionszahlen. Es geht um Listen, Raten, den Arbeitsmarkt und das Bruttosozialprodukt. Es ist eine bestimmte Sorte Rationalität, die hier beginnt, unsere Gesellschaft zu formen.

Welchen Nutzen hat Geschichte auf dem Arbeitsmarkt zum Beispiel? Das ist die Kritik an den Geisteswissenschaften, dass sie kein Shampoo herstellen, kein Geld machen. Du hast ja schließlich produktiv zu sein und sonst gar nichts. Und dann wundern sich Menschen über das Phänomen Burnout. Aber gerade dies sind Maßstäbe, mit denen um sich geschlagen wird, bis du dich selbst abmontiert hast, bis du keinen Willen mehr hast, dich selbst zu wehren, d. h. du selbst zu sein. Rassismus und Sexismus sind oftmals die andere Seite dieser Geschichte, die Erwartung dessen, wie jemand anderes zu sein hat. Im Falle von Sexismus und Homophobie geht es sogar um die Erwartungen, die gegenüber der menschlichen Natur gestellt werden. Was passiert aber, wenn du nicht den Naturgesetzen entsprichst, die in der GQ oder der Brigitte entworfen werden?

Es gibt einen Grund dafür, warum McLuhan sagt, dass Narzissmus Narkose bedeutet: Wenn du dich selbst nicht mehr fühlen kannst, weil du einem dir vorgehaltenen Spiegelbild entsprichst (welches nicht du ist), wie könntest du dich da noch wirklich lieben? Und wenn du dich selbst nicht zumindest akzeptieren kannst, wie du bist, wie könntest du dann jemand anderen lieben? Deshalb braucht der Stalker ja auch sein Liebesopfer: Der Stalker braucht jemand anderes, um sich selbst lieben zu können. Liebt diese Person ihn nicht, muss ihre Psyche abmontiert bzw. zerlegt werden, bis dies wieder gewährleistet ist, bis das Gegenüber wieder sein Ideal-Ich nachahmt.

Dies sind nun vier völlig verschiedene Dinge, die hier aufgelistet sind: das Bildungssystem, die Wirtschaft, Rassismus und Sexismus und Homophobie, Stalkertum. Was sie alle jedoch gemeinsam haben, ist eine instrumentelle Vernunft und der Hang zum Missbrauch. Wer keinen Gebrauchswert hat, hat automatisch einen Missbrauchswert. Wenn jemand konstant und effizient ist und den Schnitt hält, welcher der Status Quo ist, ist dieser Missbrauch geringer, die Sicherheit größer. Deshalb sehnen wir uns heutzutage vielleicht, unserem „Wohlstand“ zum Trotz, doch nach Sicherheit. Wer viel leistet, läuft Gefahr, flexibler eingesetzt zu werden. Wer weniger leistet, muss wieder in die Reihe eingegliedert werden. Merits und Demerits heißt das auch in den erziehungswissenschaftlichen bzw. moralphilosophischen Schriften von Adam Smith. Zuckerbrot und Peitsche, Positiv und Negativ. – Heute lässt man die Strafe jedoch meistens weg, weil Strafe auch bestätigend wirken kann, den eigenen Aufstand, das eigene Unwohlsein bestätigt. Man überlässt jemanden dann lieber seinem Schicksal. Wer nicht mitziehen will, wird ausgelassen, ausgesetzt, sich selbst überlassen. Nicht mitzuziehen, straft sich dadurch angeblich selbst ab.

Die Arbeit der Strafe wird also vom Strafenden externalisiert, veräußert, dir übertragen, und wird somit internalisiert mittels eines Gefühls des Versagens zur Schuld, die man sich selbst aufbürdet, bzw. Reue. Niemand ist es schließlich dann schuld außer dir selbst. Nach demselben Prinzip funktionieren Ikea-Regale und inzwischen auch der Rest unserer Gesellschaft: Du kaufst das Regal nicht fertig, sondern baust es zu Hause zusammen. Schuld, wie ein Ikea-Regal, wird zu einer Freizeitbeschäftigung.

Deshalb ist da auch eine ständige Angst vor humanistischer Bildung: Sie folgt keiner Marktlogik, sie ist autonom, ohne Bedingungsanleitung der Firma, ihre Instrumentalität liegt in ihr selbst, sie steht jedem zur Verfügung, der autonom denken und ein System hinterfragen will, statt es zu seinem Schicksal zu haben. Ihre ultimative Instrumentalisierung liegt in der Freiheit begraben. Ihr dient sie. Wer das nicht will, wer will, dass die Freiheit anderer ihm dient oder dienlich ist, der möchte eine Freiheit, die sich ad absurdum führt, die von vorn herein manipuliert bzw. durch die Infrastruktur, in der sie lebt, sabotiert ist. Wer die Freiheit beeinflussen will, beeinflusst die Infrastruktur(en). Dort werden wir nicht abmontiert, sondern demontiert.

DA
Sollte der Spin-off von Hey Arnold! evtl. „Hey Freak!“ heißen?

DS
Antwort: Entweder das oder „Lust for Life“ – Arnold ist ja schließlich die ideale Straight-Edge-Version von Iggy Pop. Freak-Sein und Lust for Life ist dasselbe. Als Alternative könnte man zur Freakery eine Autobiographie anbieten mit dem Titel „Mein Leben wird von einer Kartoffelbatterie betrieben“.

DA
Zuber + Eiter = ?

DS
Antwort 1: Zubereiter. Antwort 2: Cesspool.

DA
Könnten Unterlippenlumpen intravenöse Zeiteinführung begünstigen?

DS
Sie können – aber eine intravenöse Zeiteinführung hängt immer stark von den Einflüssen unserer Umgebung ab. Ich meine, der Mittelaltermarkt ist ja auch eine Art Nostalgieshop, wie von Woody Allen in Midnight in Paris aufgezeigt, nur dass man auch eine Romantik für Pest und Gemetzel hat. Was irgendwo schon merkwürdig ist. Aber klar, so ein Unterlippenlumpen kann intravenöse Zeiteinführung begünstigen, vor allem, wenn du etwas Anachronistisches am Leib hast, wie z. B. ein Unterlippenpiercing im Hochmittelalter. Es braucht dazu das Paradox, dass diese intravenöse Zeiteinführung dann selbstständig wird. Nur durch das Paradox zwischen meinem Körper und der Welt werde ich zu meiner eigenen Zeit in der Welt.

DA
Der Mensch als unerträglicher Apparatus negrotheskus.

DS
Falsch: Der Mensch als unerträglicher Apparatus Neeee-Grotheskus. Bzw. Verleugner jeglicher Raum-Zeit-Krümmungen.

DA
King of Getriebe mit Moloch im Kopp.

DS
Bzw. der Moloch ist das Getriebe. Um King darüber zu werden, wird man zur Maschine, zum Apparat, der Moloch heißt. Oder auch: Alice verwechselt ihre Pilze und merkt weder wie klein sie in ihrer Größe ist noch wie groß sie ist, wenn sie klein ist. Das Problem von Manager und Gewerkschaften vllt.?

DA
Was geschieht, wenn die Reduzierung eines Skeletts auf den Refrain wieder rückgängig gemacht wurde?

DS
Fleisch. Bzw. Hamburger Royal bzw. Gentrifizierung Hamburgs für die Reichen.

DA
Puppenrhizom reicht normalerweise bis ans Ende der Zeit, oder nicht?

DS
Kommt auf die Puppe an. Die Guss- und Nähform ist aber immer nachhaltig. Ich glaube, die Puppe ist die Projektionsfläche. Wir alle sind deshalb mehr oder minder Puppen, weil man Erwartungen, d. h Planzahlen, auf uns projiziert; Dinge, die wir zu erreichen haben und die in Zahlen messbar sind, jedoch nicht in nachhaltiger Wirkung. Die Puppe reicht bis ans Ende der Zeit, ja. Die Frage ist nur, ob die Puppe auch Jiu-Jitsu mit den Projektionen ihrer Spieler betreibt, ihre eigenen Stärken gegen sie ausspielen kann. Aber am Ende des Tages laufen wir immer Gefahr, Modelle zu haben. Und diese Modelle sind immer miteinander verbunden, irgendwie – von daher reicht so ein Puppenrhizom vllt. tatsächlich bis ans Ende der Zeit, zumindest so lange, bis wir wieder das Unbekannte zu schätzen wissen.

DA
„Magen zur Faust geballt.“

DS
Ein angenehmer Effekt von Determination, oder aber ein Unwillen, weiterhin Goethe zu lesen. – Aber meistens ist es das, was stillhält, was dich aufrecht hält, dieses Paradox, das mich manchmal antreibt: die Mittellosigkeit. Das ist wirklich ein großer Antrieb, etwas im eigenen Leben zu ändern: die Tatsache, dass da nichts ist oder nichts wird, wenn ich mich da nicht durchbeiße. Und das ist halt die Faust, die sich im Magen ballt. Diese Unmöglichkeit. Das Schlimmste, was dir passiert, schlägt dich nieder. Aber genau das lässt dich wieder aufstehen.

DA
Wie heißt Barbies Boyfriend?

DS
Barbie lebt in einer polymorphen Beziehung mit Donald Trump, Mitt Romney und Ken. Außer beim Kinn kommt es für sie sonst nirgends auf die Größe an. Im Grunde spielt sie für diese drei die Dorothy in der politischen Landschaft von Oz.

DA
Maid + Zuber = ?

DS
Antwort 1: Günstige Putzkraft. Antwort 2: Transsexueller Poolboy (Hurra!) Antwort 3: Arme Sau!

DA
Unsere Umwelt produziert uns, die wir statt Knochen Pillen/Rasierklingen/[…] in uns tragen.

DS
Und die Fabrik, die wir sind, produziert die Umwelt, d. h. die Pillen, die Rasierklingen – die Welt als Realität, die Realität als intermediales Cut-Up. Ich glaube, Valerie Solanas’ SCUM-Manifesto ist der Wille dazu, das umzukehren, das Realitätsprinzip des Mannes umzukehren, bzw. das, was das Spiegelbild, das Ich-Ideal der Frau und ihre Selbstliebe zerstückelt, selbst noch einmal auseinanderzunehmen, damit wir nicht alle Puppengestelle von abstrakten Vorstellungen und Maßstäben werden. Es geht darum, die unendlichen Planzahlen zu zerstören, indem man kreativ was anderes produziert als das Geplante. Vielleicht ist das allerdings auch genau das Prinzip, das uns jetzt auseinandernimmt, wenn wir gegen Situationen aufbegehren, in denen wir leben, oder aber die Ratifizierung des TTIP-Abkommens, dass wir immer wieder etwas Neues produzieren müssen. Und nicht so können.

DA
Zeig mir jenen Drittklässler, der einen Schulaufsatz nur mit dem Gesicht schreiben kann.

DS
Jeder Drittklässler, der ein Gesicht hat und schreiben kann. (Hey? Arnold?) Ist das jetzt nicht ein wenig creepy, wenn ich Schulhöfe besuche, um diesen Drittklässler finden und zeigen zu können?

DA
Puppenorgan-Totalsperre tangiert selten tickende Möwen.

DS
Jede Puppe ist eine Totalsperre, solange sie aus Plastik besteht. Die soziale/psychische Projektion ist die Aufgabe der Puppe. Eine Stoffpuppe hat das Potential, anders zu sein, weil sie nicht unter dem Zwang steht, bei Germany’s Next Topmodel mitzumachen bzw. nicht schon vor Geburt in Förmchen gepresst und zur Diät gezwungen wurde. Ihr Inhalt ist Stroh, Baumwolle. Die Organe der Puppe sind voll ausgereifte Maschinen, die uns nachahmen, nicht bloß Bilder. Natürlich tangiert das selten tickende Möwen, denn ihr Rhythmus wird dem Rhythmus dieser Nachahmung, dieser Maschinen/Organe angepasst, durcheinandergebracht, so dass sie ihrem eigenen Rhythmus folgen können. Das sieht dann so aus wie Menschen, die wie Pferde rennen wollen: Sie legen sich flach und brechen sich etwas, weil ihre Körper nicht so gebaut sind wie die der Pferde, sie aber denselben Laufrhythmus beibehalten wollen. Der Industriekomplex ist da intelligenter: Er passt die Menschen an, indem er sich ihren Körpern graduell anpasst. Deshalb bin ich auch ein Monstrum: Ich arbeite am Fließband.

DA
„Lieber ein Nichts in der Hand als ein Roofie aufm Dach.“ – Flunitrazepam Anderson

DS
Hear, hear!

DA
Wenn man Himmel einatmet, atmet man _______ aus.

DS
Erde/FCKW/Müll.

DA
Was bedeutet die Redewendung „Bankerfleisch riskrieren“?

DS
Es bedeutet, dass die Schweine eventuell nie wiederkehren werden.

DA
Wie heißt Zwangsjac-Kens Girlfriend?

DS
Wenn sie kinky ist, Ball- oder Ringknebel. Wenn er kinky ist, Domina. – Etwas ernster: Zuerst kommt immer der Diskurs und die Ideologie, dann die Verkörperung. Was gegen die Norm von Diskurs und Ideologie ist, ist Verbrecher von Naturgesetzen, die nicht von der Natur gegeben sind, oder Gesetzen, deren Widersprüchlichkeit ignoriert wird, weil sie als natürlich gilt. Wie heißt Zwangsjac-Kens Girlfriend also? Ignoranz, Indifferenz, Nicht-Hinschauen. Und auch das kann ein Zwischenspiel sein, eine Perversität, die so manchen Menschen antürnt, der in der überlegenen Stellung ist. – Ich stelle mir gerade ein Ackerfeld von Zwangsjac-Kens vor, die wie Tulpen, Zwiebeln sich versuchen, aus ihrer Schale zu werfen, aber bis zur Hüfte eingegraben sind. Diese Ignoranz, diese Indifferenz ist tatsächlich eine ganz besondere Art, Menschen zu züchten, zu züchtigen, zu erziehen. Denn dadurch, dass man ignoriert wird, wenn man ganz bestimmte Fragen stellt, wird auch die eigene Dummheit signalisiert. Es wird gesagt: „Was du sagst, ist meiner Antwort nicht wert.“ – Und schon fängt man an, nur Sätze und Fragen zu formulieren, die von anderen anerkannt werden. Ungefähr so funktionieren auch die Medien. Man will die Fragen, die Bernie Sanders stellt, nicht beantworten, also wurde er in der Primary 2016 weitestgehend zu einem Träumer erklärt und ignoriert. Das Interview in der New York Daily Mail ist da ein wunderbares Beispiel dafür, wie Ignoranz eigentlich mit jedem schläft. Ignoranz produziert Zwangsjac-Ken. Sie kommt nicht bloß mit ihm zusammen. Zwangsjac-Ken ist halt mehr als bloß ein Einziger. Und Ignoranz führt keine Beziehung mit irgendjemanden, sondern alle Zwangsjac-Kens führen eine Beziehung mit der Ignoranz. Daher ihre Macht. Ignoranz schläft mit niemandem, aber alle schlafen mit der Ignoranz. Es ist eine Art Fetisch geworden, Nicht-Anerkannt zu sein, weil man dann zum Establishment gehört, wenn man sich verstellt. Aber indem sich Zwangsjac-Ken anpasst, wird er zu Ken, wirft seine Zwangsjacke weg, weil sie nicht mehr nötig ist, um ihn zu beschränken. Er hat sich ja schon auf das beschränkt, was von ihm erwartet hat. Und was ihn gefangen hält, liegt enger um ihn gebunden als die Zwangsjacke. Die Freundin von Zwangsjac-Ken ist also Ignoranz. Die Freundin von Ken die Anerkennung, der Respekt des Establishments. Zwangsjac-Ken ist also autonom. Ken hingegen Nachahmungstäter.

DA
„Das Fleisch ein Phantom, umgekehrtes Gespenst.“

DS
Unsere eigene Sinnlichkeit besitzt die Fähigkeit, uns zu bespuken. Sie besitzt die Fähigkeit, unsere eigene Angst oder unser eigener Horror zu sein. Wie der Mond ungefähr. Er taucht einfach auf und wir wissen nicht wohin damit, obwohl wir ihn nicht nur bedrückend, sondern auch schön finden, oder manchmal sogar eben das Schöne so bedrückend finden, weil er so einsam ist wie wir, aber wir nicht in Verhältnis dazu treten können. Er taucht ja schließlich einfach auf. Ungefragt. Was soll ich damit? Und dennoch muss ich sagen: Ich mag den Mond sehr. Er und ich sind gute Freunde.

DA
Was hat der Mann im Mond (= Schaltgreis) so alles begangen?

DS
Krater sind die Nippel des Mondes. Also woran hat er wohl rumgespielt? Aber die Idee eines Schaltgreises, der den Mond so schaltet, dass uns die Illusion kommt, der Mond schwünde oder nähme zu, obwohl die Masse des Monds gleich bleibt, ist verlockend. Das wäre auch ungefähr so, wie die Wirtschaft funktioniert – und schon sind wir eher um Wachstum und Schwund der Wirtschaft besorgt als um den tatsächlichen Mond der Ökonomie, seinen Körper, sein Territorium. Der Schaltgreis ist schon hinterhältig.

DA
Selten tangiert Puppenorgan-Totalsperre tickende Möwen.

DS
Die Puppenorgan-Totalsperre gilt ja auch nur für die Puppen. Plastik bleibt die Landschaft, in der wir leben. Das Räderwerk des Himmels wird ja vom Schaltgreis regelmäßig aufgezogen. Der Himmel hat ja schließlich die Funktion der Freiheit. Deshalb muss sie auch ständig von Neuem aufgezogen werden: damit die Freiheit in geregelten Bahnen läuft, als Scherz: man darf sich ja auch über seine eigene Freiheit amüsieren. Das bedeutet eine große Freiheit für die Puppenorgan-Totalsperre, eben weil sie sich über sich selbst mokieren darf. Die Puppenorgan-Totalsperre tangiert tickende Möwen nur da, wo sie nichts anderes zu verzehren haben als den industriellen Abfall, d. h. unsere Gesellschaft.

DA
Wärst du, etwa im Rahmen einer bipolaren Depression, dafür zu haben, Gitarrensaiten zwischen Nase und Oberlippe aufzuspannen?

DS
Nur, wenn die Nase lang genug dafür ist und der Typ weiß, dass er eine Gitarre ist. Aber manche wollen ja ihrem Psychiater nichts glauben.

DA
Schwarzer Kaffee der Frühe, Junge!

DS
Schwarzer, heißer, leckerer Kaffee, Junge! Aber so richtig. Kaffee ist schwarz, heiß und vor allem lecker. Und ohne Milch. Aber immer auf die Plasmakonvergenzen achten. – Oder „Black Coffee“ von Black Flag oder Black Coffee Blues von Henry Rollins, ein Klassiker.

DA
Was bedeutet die Redewendung „Sich am Zahnfleisch der Zeit bis zur Torsorampe durchnagen“?

DS
Sich bis zum Momentum vorzuarbeiten, welches eine Situation ursprünglich stellt oder gestellt hat. In der Gegenwartsform, in der eine Situation gestellt wird, bedeutet es die Möglichkeit eines Wendepunkts. In der Vergangenheitsform bedeutet es, dass die einst gestellte Situation zur Zukunft geworden ist.

DA
Börsencrash + Flensburg = ?

DS
Antwort: Ich kann jetzt so oft über Rot fahren, wie ich will. Bzw. staatliches Rettungspaket für Banker.

DA
Mustermaden-DNS als Kerzendocht.

DS
Die Flamme verkriecht sich in ihren Wachs.

DA
Wenn man Himmel einatmet, atmet man antiseptisches Grab aus.

DS
Antiseptische Gräber haben die Verwendung von Duftkerzen bei Beerdigungen abgeschafft. Antiseptikum wird schon seit längerem gern als Mittel benutzt, um auf die Realität klarzukommen. Realität ist schließlich infektiös. Deshalb sucht man natürlich auch eine sterile Realität, die klar und deshalb begreifbar ist, obwohl sie aufs Krankenbett beschränkt ist. Es ist ein riesiger Fetisch, welchen Latexfetischisten im Grunde parodieren, weil für sie die Sterilität Sexappeal hat, aber gleichzeitig auch das einladen kann, was der Sterilität pervers erscheint: Scheiße, Pisse, Spucke. Sterilität ist der Wille, das Tabu des Abjekts, der eigenen Kotze z. B., zu extremisieren, damit seine Transgression noch extremer ausgelebt werden kann. – Patientenbetten sind die modischen Särge der Gegenwart, der Krankenhausfetisch das wahre Grufti-Dasein.

DA
Kreuz, Jesu Alma Stigmater.

DS
Mit dem Kreuz und Jesus und dem Katholizismus habe ich wenig am Hut. Viel eher etwas mit Kathy Acker. Der Stich, das Stigma, welches dir eingeflößt wird, wenn du von der Norm abweichst. Das Komische an der Norm: sie kann sich nur dadurch definieren, dass sie mit dem Finger auf andere zeigt. – „Diese Menschen da sind abscheulich“ und „Diese Menschen solltest du nachahmen“ sind die beiden Sätze, durch welche sich eine Norm definiert. Sie hat keine eigene Identität. Sie hat bloß eine Gesetzgebung. – Das Stigma hingegen ist der Schriftzug der Gesetze, das Tattoo, die Perversion der Norm, das Jiu-Jitsu des Herzens. Du spielst die Kraft der Norm gegen die Norm aus. – Dann wird sie etwas ganz anderes. Leider ist es allerdings auch ein sehr einfacher Weg, sich selbst in einer sozialen Position einzuschließen, einzukerkern bzw. sich einkerkern zu lassen. – Wer stigmatisiert ist, kämpft mit zwei Gefängnissen, dem Gefängnis, das er subvertiert, und dem Gefängnis der Subversion. Das Problem der Subversion ist schließlich, dass sie sich immer unterordnet, zum unteren Set der oberen Norm wird. Subversion subvertiert sich also selbst, sobald sie sich ins System einspeist. Es sei denn, es geht um etwas ganz anderes als Unterordnung. Autonome Organisation ist da die einzige Alternative, aber nichts, was man ganz und gar alleine könnte, ironischerweise. Autonomie ist in sich selbst schon subvertiert. Sie legt sich selbst flach. Deshalb haben ja Bill Gates und Steve Jobs gesagt: “We wanted to be that instrument. We wanted to be that tool.“ – Wer als Werkzeug posiert, ist im Establishment dominanter als ein Meister, Herrscher, Boss, weil man nämlich als Werkzeug noch gebraucht wird. Als Untertan erlangt man Selbstständigkeit mit dem Befehl: man führt Befehle aus, sucht sich seine Mittel, seine Werkzeuge selbst aus, oder zumindest, wie man sie verwendet. Wenn irgendjemand dir hingegen aufbürdet, dein Werkzeug zu sein, macht er dich von sich abhängig. Instrument zu sein, bedeutet, wie die Apps eines Handys jemandes anderen Crack zu sein. Man bietet dir schließlich an, autonom zu sein, bzw. jemand bietet dir an, deine Autonomie zu sein. Das ist letztendlich der wahre King der Getriebe mit Moloch im Kopf: meine Selbstständigkeit wird zu deiner Maschine. Ich profitiere von dir, indem du von mir profitierst. – Wir leben in einem Zeitalter, in dem gesellschaftliche Verhältnisse einer Drogenlogik folgen.

DA
„Ihr Körper ist ihr Zimmer: zerlegt.“

DS
Augustinus konnte noch sagen: „Mein Körper ist mein Haus, mein Körper ist mein Oikos, mein Körper ist meine Ökonomie.“ Heute sind wir alle in ein größeres System integriert. Unsere Körper sind Zimmer eines größeren Gebäudes. Es ist dann schon komisch, wie die eigene Selbstständigkeit immer zur Inspektion offensteht. – Aber wahrscheinlich ist das nur ein Eindruck aus meiner eigenen Kindheit, dass da immer ein Zugang war, dem ich mich nicht entziehen konnte, dass meine eigenen Empfindungen immer zur Schau gestellt werden konnten wie ein Zirkuspferd. Sie wissen, wie du reagierst, und provozieren dich, um dich dann, schaulustig, vor anderen zu verspotten. Es gibt nichts, was dich mehr zerlegt als das. Dagegen sind physische Handgreiflichkeiten meistens ein Witz.


Bildquelle: © DS

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