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Interjeopardy mit Paul Boegle

PB: Jahrgang 1968, bis zur Großhirnrindenausdörrung sonnengereift. Verheiratet (kaum zu glauben), Kinder (wahrscheinlich zwei), beschäftigt im MAK Wien (ja, hat auch einen Job). Auf seinem Blog www.freie-zeit.eu treibt Paul Boegle Unwesen, das in etwa dem entspricht, was gemeinhin als Satire bezeichnet wird. Auch im folgenden Gespräch zeigt er sich von seiner punischen Seite.


DA
Auf diese Frage antwortete Zeha Schröder (Freuynde + Gaesdte): Also, dass Greenaway ein führender Rühlvogel sein soll, sogar Leiter der europäischen Sektion, das hab ich schon öfter gehört – halte ich aber für ein böses Gerücht. Ich mein, ich sehe da kaum Parallelen, außer eben, dass er sich wie ein Rühlvogel von Eklektizismen ernährt. Aber das tun wir beide ja auch, ohne welche zu sein. (Oder bist du etwa einer?) Was allerdings stimmt: er gehörte, neben Bausch und Ciulli, zu meinem persönlichen Dreigestirn – damals, als ich noch klein war, also Anfang der Neunziger. Ich hab ihn mal darauf angesprochen, dass er Linkshänder ist, genauso wie der Draughtsman im Kontrakt des Zeichners. Seine Antwort war: „Kein Wunder, das ist ja auch immer meine eigene Hand, die in den Naheinstellungen zu sehen ist.“ Und das wäre wohl auch meine Antwort auf deine Frage: das Spezielle an Greenaway oder genauer: das, was geblieben ist, obwohl ich mich von dem Tableaukino und Bildertheater des Dreigestirns inzwischen meilenweit entfernt habe – das ist seine persönliche Codierung. Viele Künstler gerade in den Darstellenden Künsten versuchen ja, allgemeinverständlich und globalwirksam zu sein. Das ganze System Hollywood baut darauf auf, und das funzt ja auch und hat seine Berechtigung. Aber dann gibt es die anderen: ein Greenaway-Film ist eine verschlüsselte Nachricht, und der Dechiffrierungscode, den niemand komplett kennt, das ist er selbst: der Künstler. Ich mag das, auch in der eigenen Arbeit. Ich finde das wichtiger als einen bestimmten konstanten Stil, also die sog. „künstlerische Handschrift“.

PB
Was ist: Wusstest du eigentlich, dass der grüne Star, der im Übrigen zur Familie der monochromatischen Darwinfinken, du weißt schon, dieser polyglotte Dreckspatz namens Charles, der Gottes Lohn durch die Evolution, den Garten Eden durch die Galapagos-Inseln und den Rankenfußkrebs durch die Warner Brothers ersetzte, quasi seine ganz persönliche künstlerische Keilschrift, mit der er Gottes siebentägiges Werk unnötig auf ein paar Milliarden Jahre verlängerte und dies anstatt ins Alte Testament lieber in Stein, Schutt und Asche gehauen hat, dass also dieser einfarbig bunte Vogel im Englischen Greenaway heißt, weil er, sobald flügge geworden, sehenden Auges und ganz grün im gelben Gesicht auf dem Stair away to heaven – also ein agnostischer Neologismus aus Green und Stair away, der am Schmelzpunkt angekommen solange die Farbe aus dem lichten Blau des weiten Himmels zieht, bis uns endlich weit und breit der Himmel samt dem verscheibenkleisternden Meister von Gottes Gnadenbrot auf den Kopf fällt – ins wunschlose Unglück, also genau dort, quasi an dem alles entscheidenden toten Punkt angekommen, wo sich die Parallelen im rechten Winkel schneiden, stürzt?

DA
Auf diese Frage antwortete Eugen Egner (Lead Bizarrist): Ich würde sagen: Grotesk ist grotesk, bizarr ist bizarr, und skurril ist skurril. Da gibt es auf jeden Fall Unterschiede, wahrscheinlich sogar bedeutende. Skurril ist vielleicht der erste Grad, bizarr der zweite und grotesk der dritte. Grotesk ist kaum auslotbar, da ist das Komische ebenso drin wie das Schreckliche.

PB
Was ist: Klingt es eigentlich merkwürdig, wenn wir jemanden in des Kaisers neue Kleidern stecken wollen und danach behaupten, dass wir nichts dafür können, wenn sich dieses das Jemand, also egal ob jetzt diese, dieses oder dieser, weil laut Trapattoni der Flasche auch ohne die falsche Artikel in das Flaschenhals sowieso leer, also diesen viel zu grotesken Schuh im Vorübergehen – euphemistischer wäre hier nur ein im Hintergrund stehender KO im Falle des Falles, dass das grundsätzlich voranschreitende Vorübergehen bereits von Grund auf schrittweise vorübergegangen sein sollte; also ab nun der aus einem schrecklichen Verdacht über das gegenwärtig Vergangene geborene totale Stillstand vorherrscht – angezogen hat oder ist es eher nach laufend gängiger Praxis nichts Ungewöhnliches, weil gewöhnlich schon mehr Komisches en passant passiert ist wie z. B. die schreckliche Tatsache, dass eben diese des Kaisers total verdreckten Kleider sowieso nur bei drei Grad plus 27 Anteile Königswasser gewaschen werden dürfen und deshalb nicht merkwürdiger oder zumindest in etwa so skurril erscheint wie die bizarre Banalität, dass beim Vollwaschmittel, welches Hamlet beim grotesk komischen Königsmord verwendet hat, mehr als die Hälfte der Waschperlen vor die Säue geworfen wurden?

DA
Auf diese Frage antwortete Gabriel Barcia-Colombo (Multimedium): Thanks, it was fun! Will it be printed somewhere?

PB
Was ist: Finden Sie es eigentlich mehr lustig oder traurig, wenn ich mir von oben bis unten meinen per Wimpernschlag sich verteilenden Lidschatten mit drakonisch strafender Druckerschwärze nachziehe, wohlwissend, dass in Agonie erschlaffende Tintenpatronen in erster Linie nur das ausdrücken können, was mehrheitlich nicht zwischen den einheitlich auf dem Blatt Papier verteilten Zeilen, gemeinhin auch als Zwischenzeilen bezeichnet, sondern entweder oberhalb einer zwischen zwei benachbarten Zeilen und damit die beiden verzahnten Zellen trennenden leeren Zwischenzeile steht respektive unterhalb der die abschließende und schließlich zwischenzeitlich enteilten Unterkante der jetzt aufs Neue beginnenden Oberkante, – sozusagen die tintengestrahlte Kantate, welche in höchsten Tönen die im von links nach rechts denkenden Druckkopf gelagerten Verbalinjurien Zeichen um Zeichen ausspuckt – welche naturgemäß auf die bereits gedruckte und in der vor Druckerschwarzmalerei auf die Zielgerade eingebogenen, egal ob jetzt ein mehrzeiliger Einzeiler oder womöglich sogar ein einzelliger Mehrzellulosiker, Magenta kandierten, Blau kastrierten, Rot kaschierten, Grün kapitulierten, Gelb graumelierten und mit dem Weiß kopulierenden unterkantig druckfrischen Leibesfrucht folgt?

DA
Auf diese Frage antwortete Nicolas Chevreux (Ad Noiseam): Solltest du aber. 🙂

PB
Was ist: Kann das Wenn auch ohne das Aber existieren oder, falls Wenn und Aber ohnehin nirgends – außer vielleicht in einer Tautologie, dann aber höchstens als Wenn …, dann und nicht als Wenn …, aber, was dann aber zumindest beweisen würde, dass dann im Gegensatz zum Dann nach dem Wenn das vom Wenn verlassene Aber weder allgemein noch gültig ist; zumindest aber würde das Wenn dann ohne Wenn und Aber, es sei denn, dass es noch ein Wenn …, dann aber oder ein Aber wenn …, dann gibt, aber auch rein gar nichts beweisen, weil das Aber ohne das Dann dann aber in der Tautologie ja nichts verloren hat – vorkommen, darf ich dann daraus die einzig logische Schlussfolgerung ziehen, dass ich mir ja eigentlich auch keine Gedanken über die Zukunft machen muss, weil wenn aber gegenwärtig sowieso nichts ist, kann aber, wenn dem denn dann so sein sollte, eigentlich ohne Wenn und Aber auch in der Zukunft nicht sein, was niemals gewesen ist?

DA
Auf diese Frage antwortete Max Schumacher (post theater): Hinter einem. „Einem“ ist dabei ein altgermanischer Männername. Wie Einar oder Eminem.

PB
Was ist: Muss ein Stehaufweibchen andauernd hinter einem Stehaufmännchen aufrecht stehen oder darf das im ewigen Dauerlauf gefangene, also zwischen Aufbruch und Niederkunft oszillierende, und dem durchlauferhitzten dauerhaften Stehauf völlig versessene Weibchen, zum Beispiel weil gerade der schwatzhafte Schluckauf beim männlichen Stehauf aufgrund von einem an die Oberfläche drängenden Brechreiz – quasi das hervorquellende Einerlei des in Monotonie vervielfältigten Aufstandes, welches das Stehaufmännchen seit seinem Einstand als ungespitzt in den Boden gerammte Dornenkrone Gottes ankotzt – vollkommen zum Erliegen gekommen ist, in so einer ausweglosen Situation auch einmal als weiblicher Haudrauf, erinnern wir uns doch nur an die Norne Urd, welche den einen oder anderen sagenhaften Schicksalsfaden solange spann, bis sich die das welke Eichenlaub der Bäume vor Lachen bog, bis ihnen Hören und Sehen verging, vor dem mannstollen Stehdrauf schwankend Richtung Zukunft gehen?  


Foto: © PB

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