Novelle

Headquarters for Experimentalism

Objet Trouvé

Von Sören Heim.

Er sitzt bei Tito auf der grob behauenen Holzbank, vorm spröden Tisch. Tito hat Millimeterpapier
ausgebreitet, bogenweis, voll mit technischen Zeichnungen. Die Hütte auf dem Campingplatz ist winzig, Bett, Tisch, Bank, quadratmeterweit Millimeterpapier. Der Platzwart Tito, ein Spatz mit grauem Haar und drahtigem Körper, trägt Herbsts tagsüber monströse Ballen mit Grünschnitt durch Nepsziget. Frühlings und Sommers mäht er Gras mit einem stotternden rostbraunen Rasenmäher, tauscht Nummern aus, steckt Plätze neu ab und pfeift dabei stets melodiös und trillernd wie eine Drossel.

Nun bittet Tito ihn grad, ein paar Zeichnungen zu besehen, „Meine Erfindungen“, Tito, „Take them to Germany where they care for ideas.“

Er ist über Wien gekommen, Tor zum Osten, wo er noch immer nicht konnte verweilen. Mit einem fleischsalatschlingenden Gastarbeiter bei Bahlsen in Frankfurt, bis Kezhtely. Dann einen Tag zu Fuß durch grünende Höhen und zur Rechten den stahlblauen See, Segelschiffe. Und Schwäne, getrieben im Wind, wie flauschige weiße Herzen. Und in Budapest dann Tohu wa und Bohu. Alles sehr national, Flugschau, volle Straßen, Fanfaren. Am Donauufer, erzählten sie später ihm im Tüzraktér, habe man nachts blutig einen Zigeuner verdroschen. Das beunruhigte Tito auch sehr, der ein paar Tage nur brüchig noch pfiff. Nun ist schon bald abreisen, und da sitzt er hier.

„Ein wasserbetriebener Rasenmäher“, sagt Tito und zeigt auf ein Ungetüm, wüstes, aus Blei, aber fein doch skizziert und mit Liebe schraffiert. „Ein rasch
ausfahrbares Netz zum effizienteren Fischfang.“ Hektisch blättert er knochenfingrig durch Einfälle, hat tausende so auf Papier fallen lassen. „Nimms mit, nimm nur alles mit.“

Da knarzt draußen das braundunkle Gittertor, wie der Rasenmäher rostig, und Putz platzt ab, da bewegt sich die helle hölzerne Hüttentür – die ganze Hütte hellgelblich, fast weiß – und hinein, zottlig und strubbelbärtig lugt mit der Wollmütze und geröteter Nase und Wangen ein Kopf: Vadim, von der Herberge drüben, ein Penner. „Kommst zum Spiel bald, die Karten sind gemischt. Wird kein Skat ohne dich.“

Oder ganz ähnlich, zumindest gibt’s Tito so wieder, auf Englisch. Erwidert: „Moment noch, Vadja, hab hier was geschäftliches.“

Vadim, den hatte er auch schon getroffen, steht immer im Vár, zwischen Mauern und goldenen Torbogen, goldnern osmanischen und gerippigen barocken Kirchtürmen, bettelnd. Und versteckt sich, weil’s verboten, vor den oft kreisenden schwarzen Streifen, breitbeinigen, im Busch. Nachts schlafen er und vierzig wie er auf Nepsziget, wo man die Heimlosen pfercht.

„Ein ganz netter“ weiß Tito, indem er ihm hastig paar Bögen Millimeterpapiers rüber reicht, „nimms, Abnehmer findest du“, und Vadim endlich folgt. „Ein Stromer natürlich, ein Strolch und ein Vagabund. Hat noch im Leben nichts sinnvolles getan.“

Ganz anders Tito.

Noch am gleichen Tag geht es raus zur Tanke bei Budaörs, und mit Glück auf vier Rädern weiter bis Nürnberg und hinter Würzburg. Dass von Titos Erfindungen in deutschen Werkstätten nie eine ankommt, versteht sich.

Doch ein paar Zeichnungen finden sich vielleicht, Jahre später, in Ausstellungsräumen irgendwo in einer westdeutschen Kleinstadt. Outsider-Art. Konzeptkunst.

Bildquelle: (c) Jana Stendal

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