Novelle

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Seltsame Sehnsucht

Von Anna-Maria Weigelt.

Sehnsucht. Wie klingt die Sehnsucht? Melodien in Moll schweben durch meine Gedanken. Summen tief in meinem Magen. Als betrauerten sie die Leere, die sich in mich frisst. Verzehrende, gierige Leere. Beinahe so verzehrend und gierig wie die Lust, die ER mir schenkte. Davor. Vor Jetzt. Vor Hier.
Ich spüre das Ziehen im Bauch. Im Herzen? Ist da noch ein Herz? Hohler, kalter Schmerz. Eine Gabel, die über Porzellan scharrt. Kreischend. Lautlos – nur für mich lauthals.
Nichts anmerken lassen.
Ich zwinge ein Lächeln auf mein Gesicht. Zwang – einst lustvoll herbeigesehnt. Nur von IHM. Für IHN.
Meine Augen brennen. Tränen drücken von innen gegen die Lider.Sehnsüchtige Streicher. Klingt so Trauer? Oder Wahnsinn? Nicht weinen!
Draußen küssen Schneeflocken, weich wie Wattebäusche, die Erde. Ich allein höre sie klatschen. Schwer wie Steine. Nichts zauberhaftes. Kalter Matsch. Wieder ein Klatschen. Nein, das war die Gerte – irgendwo in meinem Kopf. Ein Gedanke, der sich festbeißt. Einschneidend. Wie SEIN Gürtelende auf meiner Haut. Kraftvoll. Hinreißend beißend. Zahnlose Erinnerung.
Ein Schrei explodiert lautlos. Unerhört – wie die sehnsüchtigen Geigen. Schweißnasse Handflächen liegen auf meiner Strumpfhose. Warme Abdrücke. Wie SEINE Küsse. Damals. Schmerz.
Wild zuckend und heiß glühend. Wie Liebe. Oder Hass? Vorwürfe – Warum? Warum die Einsamkeit? Schluchzendes Alleinsein. Ohne IHN. Ohne mich? Nur ein Schatten. Eine Hälfte bin ich.
Ein halbes Lächeln. Es ist Zeit, wieder zu lächeln. Oder doch nicht? Ich weiß nicht.
Schatten verdüstern den Himmel. Unsichtbar. Nur für mich. Weißer Schnee wirkt grau. Schmutzig. Schmutzige Gefühle, elendes Verharren. Was mache ich hier?
Der Typ mir gegenüber grinst. Hat er etwas Lustiges gesagt? Oder nur Sinnloses? Sinnlose Konversation. Betäubte Gefühle. Kalte Sehnsucht. Nicht ER. Nie wieder ER.
Dates sollten sich nicht so anfühlen. Wieder zucken meine Mundwinkel. Lächeln oder Weinen? Schreien? Zittriges Grinsen. Der Typ grinst glücklich zurück. Wie heißt er gleich? Irgendwas mit A?
Mir wird schlecht. Das ist nicht richtig. Doch… richtig falsch. Ein Schluck Kaffee. Brennender Magen. Ich schaue nach unten. Das Loch im Herzen ist dicht. Nichts läuft aus. Trauer schwappt nur langsam über. Zeitlupen-Agonie.
Erinnerungsfetzen. ER und ich im Spiel mit Lust und Schmerz. Lustig und lustvoll. Auch Zeitlupen-Agonie. Nur anders. Gewollt und erwünscht. SEINE Hände auf mir. Warm und sicher. SEINE Zähne in meinem Fleisch. Blank wie meine Unschuld. Damals. Bisse in meinem Nacken. Bisse in meinen Hintern. In die Oberschenkel. Süße Sehnsucht. Fesselnd wie lederne Manschetten. Ein warmes Summen in meiner Brust. Zärtliches Zurückdenken. An IHN.
Plötzlich eisige Wirklichkeit. Nein, nicht ER. Nie wieder ER. Sehnsucht schlägt mir auf den Magen. Ein unsichtbarer Faustschlag. Betäubend. Luft bleibt weg. Hastig greife ich nach der Stuhllehne. Nicht fallen. Nicht würgen.
Der Typ gegenüber verliert das Grinsen aus dem Gesicht. Seine Hand schnellt zu mir. Helfend. Nicht hilfreich.
Ich spüre den Druck der weichen Fingerkuppen. Keine Schwielen. Sanfte Hände. Ich sehe hoch. Ein sanftes Gesicht. Anders als ER. SEIN Gesicht war hart wie seine Konsequenzen. Stechende Augen, bestechender Blick.
Und jetzt? Sanfter Augenaufschlag. Aufmunternd? Klammes Unwohlsein im Magen. Ein netter Kerl. Viel zu nett. Nutzt den Gürtel nur, um die Hose an ihrem Platz zu halten. Ein böses Lächeln in meinem Kopf. Zynisches Grinsen – die fiese innere Zicke ist wieder da. Bei IHM hatte sie sich nicht getraut, herauszukommen.
Doch ER war weg. Für immer. Ewig. Wieder unsichtbare Schläge in den Magen. Mein Herz stockt. Warum bricht es nicht? Geklebte Scherben brechen nicht. Fallen nur auseinander.
Ich falle nicht. Nicht auseinander. Nur in den gedanklichen Kaninchenbau. Verwirrende Erinnerungen. Warum jetzt? Warum hier? Nach zwei Jahren wieder wie am ersten Tag. Nach IHM.
Plötzlich rieche ich wieder klamme Erde. Schweres Parfüm neben mir. Murmelnde Stimmen und Schluchzen. Erinnerungen. Tosend und brausend. Wie ein Unwetter. Unerwartetes Auftauchen, das meine Gedankenwelt verwüstet.
Blumenduft steigt mir in die Nase. Angewidert sehe ich die Vase auf dem Tisch an. Hübsche Dekoration. Unschuldige Blüten – quälend duftend. Süß und schwelend. Erinnerungen an Grabgestecke steigen auf. Gehasste Gedanken.
Nicht nach ihnen greifen. Nicht nach IHM greifen. ER ist nicht mehr. Nur noch zerfetzte Vergangenheit. Die Gegenwart klopft an die Tür. Nein, auf meinen Handrücken. Ich schaue darauf. Mein Date berührt mich. Nur körperlich. Sonst nicht. Ein Hauch von Mitleid. Seins? Meins?
Das hat er nicht verdient. Mich nicht verdient. Er sucht ein zartes Püppchen, um es zu hegen und zu pflegen. Keine zerbrochene Porzellanpuppe – hart und kalt. Surreal. Eine Herzdame für seinen Buben? Ich bin nur noch die Herzkönigin. Ab mit dem Kopf! Weg mit den Gedanken!
An IHN. Meinen Herrn. Meine Liebe. Mein Leben.
Einfach fortgerissen. Begraben in Gedanken. Und in kaltem Schwarz. Noch wächst kein Gras darüber. Die polierte Grabplatte zählt nicht.
Mein Date beugt sich zu mir. Zu früh. Ich kann das noch nicht – hastig reiße ich meine Hand aus seinem Griff. Verabschiede mich höflich. Ignoriere das Unverständnis in seinen Augen. In den Augen aller.
Sie würden wieder sagen, es wurde Zeit. Lauter weiße Kaninchen. Doch die Zeit ist noch nicht reif.
Keine neue Beziehung. Kein neuer Herr.
Nur ich und meine tonlose Sehnsucht.

Bildquelle: (c) DA

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