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Sherlektor Holmes ermittelt: Die Marquise und das verlorene O

Von Jan Lindner.


Es war ein sonniger Morgen im Büro vom wohl sonderbarsten Buchstaben-Detektiv der Weltmetropole London. Sherlektor Holmes nippte an einem Tässchen Tee, während er die letzten Anmerkungen an den Seitenrand des Drohbriefes kritzelte, den er gestern aus seinem Briefkasten gefischt hatte. Die aus diversen Magazinen und Zeitungen ausgeschnittenen bunten Buchstaben brachten einige angsteinflößende Wortgruppen und noch mehr Kopfschütteln bei Sherlektor hervor. Denn waren es nicht lediglich die fehlenden Kommata, sondern auch die Inkonsequenz bei der Groß- und Kleinschreibung, die ihm sofort negativ aufgestoßen war. Nachdem er das allerletzte „F“ mit rotem Fineliner neben das aufsehenerregende Schriftbild gesetzt hatte, blies er das Dokument an den äußersten Winkel seines außerordentlich gut sortierten Schreibtischs und griff zur Violine. Dr. Watson musterte ihn, derweil seine Augenbrauen eine intelligente Konstellation einnahmen, und sagte:

„Holmes, isst wohl wieder Zeit, für ein kleines Liedchen zwischendurch eine melodiöse Verschnaufpause zwischen Beweisstück, Bluht und heiser Spur?“

„Nun“, entgegnete Holmes, „durchaus war mir gerade danach, den Bogen zu schwingen, den Korpus zum Klingen zu bringen – doch was ist das, mein lieber Watson? Höre ich da etwa ein verrutschtes Komma mir entgegenspringen? Das Komma sitzt nach zwischendurch und nicht nach Zeit, die mir im Übrigen zu wertvoll ist, um sie mit Ihrer mangelhaften Orthografie zu verschwenden. Auch ist die Spur nicht heiser, treuer Kollege. Die Spur, sie kann ja nicht Abhusten oder Hüsteln wie die Menschen das zuweilen bei sprachlichen Defiziten ihrer Konversationspartner subtil zu tun pflegen. Die Spur ist heiß, Watson. Sie ist heiß.“

Anhand jener messerscharfen Analyse wurde der Leser prompt der unermesslichen Fähigkeiten Sherlektors gewahr, der die Orthografie sogar durchs gesprochene Wort hindurchschimmern sah, was ja eigentlich gar nicht gehen konnte!

Als Sherlektor Holmes gerade selbstzufrieden den Geigenkorpus unter seinem Kinn platzieren wollte, da schepperte es gar fürchterlich. Es war die Türklingel. Watson setzte sich sofort in Bewegung, stolperte auf dem Weg zur Tür allerdings über ein keineswegs fehlerfreies „Wer kahn dass den sein“, bei dem er sogar das Fragezeichen vergaß. Sherlektor schüttelte erst seinen Kopf und dann die Hand der wunderhübschen Dame in der Türschwelle, die ihrer Schönheit allerdings bereits mit ihren ersten Äußerungen den Wind aus den Segeln nahm.

„Hall Herr Sherlektrrr Hlmes. Darf ich mich vrstellen? Ich bin die Marquise vn“, bröckelte es recht unvollendet aus ihrem schönen, runden Mund. Der blitzgescheite Sherlektor aber ließ sich nichts anmerken und entgegnete zu gleichen Teilen charmant und originell:
„Wie kann ich Ihnen behilflich sein, werte Dame?“

„Mich ereilt ein gar schwerwiegendes Schicksal. Seitdem mein Mann Grdn Plyamr mich verlassen hat, habe ich nicht nur eine Lücke in meinem Herzen. Auch scheint’s mir s, als sei mir whl ein Buchstabe abhanden gekmmen. Nicht nur in meinem bürgerlichen Namen, nein, mein ganzes Sprechen betreffend! Nur bin ich mir nicht sicher, welcher Buchstabe das um Himmels Willen sein sll!“

Dr. Watson begegnete der gutaussehenden Marquise mit Empathie und reichte ihr ein Taschentuch. Dieses allerdings lehnte sie ab, da sie weder weinen noch schnauben musste.
„Ooh! Das ist aber gar nicht von allzu grooßem Voorteil!“, resümierte Holmes. „Nun. Erzählen sie mir doch mal ein bisschen von ihrem Mann. Was war Grdn Plyamr für ein Typ?“

„Grdn war ein abslut tller Mann! Er brachte mich nicht nur permanent zum Lachen, sndern auch zum Staunen! Zum Beispiel, wenn er mal wieder Ringe beim Zigarre-Rauchen blies. der, wenn er eine halbe Stunde dreist im Kreisverkehr fuhr: Einfach, weil er es knnte! der, wenn ihm zum Frühstück zwei abslut kreisrunde Spiegeleier gelangen!“

„Ok.“, entgegnete Sherlektor Holmes, dem so langsam dämmerte, um welchen Buchstaben es sich möglicherweise handeln könnte. Watson aber war noch nicht so weit. Der Kollege versuchte die Ermittlungen auf eine neue Stufe zu hieven, indem er sich recht klug mit der Hand übers Gesicht wischte und nach weiteren Auffälligkeiten Grdn Plyamr betreffend erkundigte.

„Was sll ich sagen“, fügte die Marquise hinzu, „irgendwie schien er whl eine Vrliebe für die gemetrische Frm des Kreises zu haben. Wenn er irgendwie stlz auf sich war der ihn etwas ästhetisch ansprach, dann bezeichnete er es stets als „runde Sache“. S duldete er beinahe ausschließlich kreisrunde Speisen wie Pizza, Trte, range, Kürbis, Aprikse, Eierkuchen, Melne, Kekse und, nun ja, auch auf ertischer Ebene blieb er sich treu, was er hin und wieder mit einem Klaps auf meinen runden P quittierte.“

Sherlektor Holmes nippte an seinem Tee. Es sah recht professionell aus, als er einen Zeigefinger an seine Lippen drückte und seine Denkerfurchen sich zu einem ansehnlichen Relief auftürmten.

„Nun“, begann der Detektiv nach einer etwa dreizehnminütigen Pose des Innehaltens mit seinem Lieblingswort für einen Satzeinstieg und wirkte dabei entschlossener denn je, „ich kaufe ein O und möchte gerne lösen.“

Die Marquise durchzuckte ein Anflug von Erkenntnis. Dr. Watson konnte beobachten, wie sich ein kleiner Spalt zwischen ihren schönen Lippen auftat.

„Es ist ganz offensichtlich“, fuhr Holmes fort, „mit welchem Phän-O-men wir es hier zu tun haben. Da ihr Mann, der ja im Übrigen nur Gordon Polyamor heißen kann, sich so sehr mit runden Dingen beschäftigte, ist Ihnen mit der Trennung nun selbst das rundeste Ding in Ihrem Sprachschatz abhandengekommen – nämlich das O! Mit Gordon ging auch seine ausgeprägteste Eigenschaft, sein Tick, für den Sie ihn so sehr liebten und damit auch der Buchstabe, der ihm formell am nächsten kommt.“

Der Spalt zwischen den Lippen der Marquise wuchs immer weiter und brachte inzwischen gar ein langgezogenes Oval hervor. Watsons Mund hingegen war jetzt sperrangelweit offen.

„Des Weiteren“, fügte Holmes hinzu, „berichten Sie ja, Gordon habe sie ständig zum Staunen gebracht, indem er etwa dem Kreisverkehr ein Schnippchen schlug. Nun ist ja landläufig bekannt, dass sich der Mund eines staunenden Menschen intuitiv zum O verformt. Seitdem Sie Gordon allerdings verlassen hat, gibt es für Sie nichts mehr zum Staunen, so dass ihr Mund also mit der Zeit verlernt haben muss, einen Kreis zu bilden – jenen Kreis, der auch für die korrekte Aussprache des Buchstaben O absolut hinlänglich ist.“

Die Marquise traf es wie der Schlag. Mit einem Mal standen ihre Lippen so weit auseinander, dass sie den perfektesten aller Kreise ergaben. Die Ausführungen des Buchstaben-Detektivs Sherlektor Holmes hatten nicht nur inhaltlich voll ins Schwarze getroffen. Sie waren zudem sprachlich eine derart runde Sache, dass die gute Frau zum allerersten Mal seit der Trennung von Gordon Polyamor so richtig ins Staunen geriet. Wie paralysiert stand sie da, nestelte mit ihren vor Begeisterung hervorgetretenen Augen an den Knöpfen des Hemds Sherlektors herum, aus dem sein lockiges Brusthaar quoll, und da entwich ihrem aufgerissenen Mund ein schönes, ein voluminöses, ein beinahe sexuell konnotiertes, stimmungsvolles und schier nicht enden wollendes “OOOHHH”.

Da es sich beim O um einen einzelnen Buchstaben handelt, waren bei dessen Aussprache orthografische Komplikationen ausgeschlossen. Watson konnte beobachten, wie sein hochverehrter Chef darüber innerlich jubilierte und wollte auf dieser Welle der Unversehrtheit mitschwimmen. Was er allerdings unter einigen Mühen hervorbrachte, war ein viel zu klein gesprochenes “,ääähhh,”, an dessen Anfang und Ende sich zwei Kommata lose tummelten.

Nun. Man konnte schließlich nicht alles haben.


Bildquelle: (c) DA

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