Novelle

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Wilders Tochter

Von Lisa Kupietz.

Beim folgenden Text handelt es sich um ein rein fiktives Werk. Die Charaktere und Begebenheiten sollten daher ausschließlich als Fiktion verstanden werden. Auch wenn gewisse Ähnlichkeiten zu einer bestimmten Person teilweise beabsichtig sind, bleibt dies nur ein Produkt der Vorstellung der Autorin und sollte unter keinen Umständen als etwas anderes als Fiktion verstanden werden.


Manchmal hat Papa Angst und manchmal hat er keine Angst. Ich denke, dass hängt ganz von seiner Stimmung ab, die sich irgendwie ständig ändert. Papa ist irgendwie berühmt oder so, obwohl es wirklich schwer ist sich das vorzustellen. Ich meine er ist sicherlich umstritten und viele können ihn nicht ausstehen und einige behaupten sogar er sei gefährlich oder so. Ich glaube er ist eher kaputt und ziemlich einsam, also manchmal meine ich. Er hat irgendwie seinen Platz noch nicht gefunden und ist deswegen ständig am durchdrehen. Vielleicht auch weil er manchmal Angst hat.

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, kenne ich ihn nicht besonders gut, obwohl ich seine Tochter bin. Es ist nur irgendwie kompliziert mit ihm zu reden und so, weil ich meistens nicht weiß was ich sagen soll. Es liegt auch ganz bestimmt nicht nur an den Männern, naja die Männer halt, die Sicherheitsleute, die ständig bei ihm sind, rund um die Uhr und so. Ich denke das es nicht nur daran liegt. Wir haben den Kontakt zueinander schon vor langer langer Zeit verloren. Er macht irgendwie immer sein eigenes Ding. Ich weiß nicht was genau das ist, weil ich mich wirklich nicht dafür interessiere, für diesen politischen Kram oder was das sein soll und ich glaube, dass die meisten ihn deswegen auch nicht leiden können und manchmal kann ich Papa auch nicht richtig leiden. Es ist halt irgendwie schwierig.

Wenn er mit mir redet, redet er immer nett und höfflich aber es gibt nicht wirklich einen Unterschied, also wenn er mit mir redet oder mit den anderen, die Medien und so oder einfach nur irgendwelche Leute. Er redet mit allen Leuten gleich. Er schreit mich auch nie an oder so. Hat er auch nie getan und manchmal will ich irgendwie das er mich anschreit oder das er irgendwas macht, mich bestraft, mir ins Gesicht schlägt oder mich mit seinem Gürtel verprügelt oder so. Ich weiß ich weiß, dass klingt jetzt schon ziemlich komisch aber es ist nunmal manchmal so und ich kann das auch nicht wirklich kontrollieren, also das ich das denke meine ich.

Ich glaube es ist schon echt abwegig das einige Papa irgendwie mögen und auch seinen Ansichten zustimmen. Ich meine, ich weiß, ich hab gesagt das viele Leute ihn hassen aber da gibt es auch ziemlich viele die ihm zustimmen und so und naja wie schon gesagt es ist seltsam, wenn man genauer darüber nachdenkt, vor allem, wenn ich darüber nachdenke. Ich meine die gehen ja irgendwie davon aus, dass er ein ganzes Land regieren könnte. Ich glaube das Papa nicht wirklich dazu in der Lage ist, von seiner Verfassung her, irgendwas zu regieren. Einige seiner Ansichten kenne ich. Er redet manchmal darüber aber natürlich nicht mit mir, er redet mit Susan.

Susan ist nicht seine Freundin oder so. Sie kommt ihn nur besuchen, jeden Donnerstag und jeden Samstag und sie besucht ihn immer ziemlich spät. Dann höre ich die beiden reden, durch die Wand aber nicht immer, also nur manchmal und wenn sie reden, redet Papa meistens über seine Ansichten und es ist echt ziemlich nervig und langweilig, weil es irgendwie immer ja immer das gleiche ist. Susan, ist denke ich auch genervt davon, einfach nur weil es echt immer das gleiche ist. Ich schlafe sogar manchmal ein, weil es so langweilig ist und irgendwie tut Susan mir leid, weil sie nicht einfach einschlafen kann und wach bleiben muss, weil wenn sie einschlafen würde, wäre das unhöfflich oder so.

Wenn er über so anderes Zeug redet, über seine Gefühle und darüber das er Angst hat und unsicher ist, dann hören ich und Susan richtig hin und nicht nur so halb, weil er dann, wie ein echter Mensch erscheint und nicht so plastisch undurchdringlich wie sonst immer. Papa ist echt irre unsicher. Das weiß ich, weil ich mal gehört habe wie er zu Susan gesagt hat, “Ich bin echt irre unsicher.”

“Musst du nicht sein.”, hatte Susan geantwortet. “Du musst dich einfach entspannen und dich auf andere Dinge konzentrieren.”, hatte sie gesagt.

Ich weiß nicht ob Susan Papa irgendwie mag oder so. Ich meine, ich weiß das er sie dafür bezahlt, also für ihre Besuche und so und ich weiß auch, dass sie eine von diesen Frauen ist, die sich für Sex bezahlen lassen und das ist es eben…was sie tun. Okay okay, ich muss zugeben, dass ich sie manchmal dabei höre, aber nicht weil ich es will oder so, einfach nur weil die Wände in unseren Haus so verdammt dünn sind und Papa’s Zimmer gleich neben meinem ist, also darauf anlegen tu ich es wirklich nicht. Ich meine es stört mich nicht oder so, ich weiß eben, dass Erwachsene sowas manchmal machen müssen.

Letzten Samstag, als Papa mit Susan fertig war, kam er in die Küche, als ich mir gerade einen Tee mit Honig machte, weil ich irgendwie nicht einschlafen konnte.

“Warum bist du noch auf.”, hatte Papa mich gefragt. “Es ist spät, geh schlafen.”, hatte er gesagt.

“Ich kann aber manchmal nicht einschlafen Papa.”, sagte ich.

“Warum das?”, fragte er.

“Naja, es gibt verschiedene Gründe, also eine Nacht zum Beispiel schien der Mond so hell und direkt in mein Fenster rein und die andere Nacht, jaulte eine Katze so laut… uuunnnnnd… naja manchmal… höre ich dich mit Susan, weil die Wände in unserem Haus so verdammt dünn sind.”

Papa brauchte ziemlich lange um darauf zu antworten. “Du solltest das eigentlich nicht hören.”, sagte er schließlich.

“Ich weiß Papa, tut mir leid.”, sagte ich und dann brauchte Papa noch mal so lange um wieder zu antworten. “Es muss dir nicht leid tun… Ich werde Susan darum bitten leise zu sein.”, sagte er.

“Du musst Susan nicht darum bitten, ich kann eigentlich immer nur dich hören.”

Es entstand eine echt lange unangenehme Stille zwischen uns und ich dachte kurz darüber nach zu sagen, es war nur ein Scherz, aber wem will ich hier was vormachen, Papa versteht keinen Spaß.

“Geh jetzt schlafen.”, sagte er schließlich und ich lief wie der Wind aus der Küche, die Treppe hoch und wieder in mein Zimmer.

Noch in der selben Nacht lag ich im Bett und dachte darüber nach, dass ich mir wünschen würde unser Verhältnis wäre irgendwie anders. Das ich wie alle gewöhnlichen Mädchen sein kann und Papa einfach nur ein gewöhnlicher Papa wäre.

Dann klopfte er an meine Tür und kam rein und fragte “Schläfst du schon?”

“Noch nicht.”, sagte ich und mein Gott, hab ich mir da gewünscht das unser Verhältnis irgendwie anders wäre.

Ich werde wohl ausziehen, also nächstes Jahr und irgendwie freue ich mich darauf. Diesen Ort endlich hinter mich zu lassen und naja Papa irgendwie hinter mich zu lassen. Es fällt mir nicht schwer das zu sagen, weil ich denke, es muss auch irgendwie gesagt werden. Ich denke es gibt eine Menge Dinge, die über Papa gesagt werden müssen. Das er herzlos ist und innerlich tot, wie ein hirnloser Zombie oder sogar noch schlimmer. Aber um ehrlich zu sein, also hundert Prozent, ich denke nicht das Papa das Problem ist oder Leute die so sind wie Papa. Die tun doch nur so, als wären sie wie Brandstifter aber wenn man mal die Chance bekommt, näher ran zu gehen, also hinter diese ganze Fassade zu blicken, wird man erkennen, dass es eigentlich nur Rauch ist und kein richtiges Feuer. Das wäre es dann auch schon und ich denke dabei wird es auch bleiben.

Bildquelle: (c) DA

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