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ZEICHEN

Von Daniel Mylow.

Der Staubfaden des Lichts hatte sich auf die brachen Felder gelegt. Rauch stieg über die Flucht der Hügel. Dahinter lag der Steinbruch, auf dessen Grund der Wagen zerschellt war.

Stellan setzte ein zufriedenes Gesicht auf. Er schwang sich auf seine alte Kreidler und fuhr durch die Schatten der Geröllhalden, die die Sonne jenseits der Schotterpiste aus dem Licht gepresst hatte. Nach wenigen Minuten waren seine langen dunklen Haare ergraut. Das Rot seiner Kreidler verschwand unter einer zähen Staubschicht. Der Schotterweg endete. Das Asphaltband der Fernstraße verschwand im Mittagshimmel. In den verdorrten Sträuchern scharrte der Sonnenwind. Stellan lehnte die Kreidler an ein Holzgatter. Ohne jede Eile trottete er über den Asphalt. Er schraubte die Schilder, die er auf einer Länge von tausend Metern am Straßenrand aufgestellt hatte, auseinander. Die Betonfüße und Stahlrohre schaffte er in die Senken der Geröllwüste. Nur die Schilder sammelte er unter seinen Armen. Gelbe Pfeile auf hellem Grund, Entfernungs- und Richtungsangaben, die er im Laufe der Zeit akribisch zusammengetragen hatte. An dem Abzweig zur Schotterpiste zerrte er die Barriere von der Straße und ließ sie unter einer dürren Heckenwand unter dem Sand verschwinden. Schwer atmend trat er auf den Asphalt. Hitzesäulen standen über der Straße. Aufgeschlitzt vom Horizont versiegte die Luft. Es gab nur wenige, die sich in diese Gegend verirrten. Erst zweimal waren Fremde bei ihm gewesen. Sie fragten ihn nach den verschwundenen Autos. Niemand von ihnen war dem Schotterweg je bis ans Ende gefolgt, dort wo er der Pfeilrichtung über eine steile Anhöhe ins Nichts folgte. Das konnten sie auch nicht, weil der Weg an seinem Haus endete und der Wind

längst alle Spuren gelöscht hatte. Wenn er es wollte, wurde die Vegetation unsichtbar, verschwand das Geröllbett und die verblichene Werbetafel, auf der unter einem Tor, hinter dem sich das endlose Band einer Straße in den blauen Horizont hinein öffnete, das Logo einer Bank prangte: `Wir machen den Weg frei´.

Stellan brachte die Schilder in seine Behausung, eine zweigeschossige Bauruine mit offenen Fensterhöhlen und einem Wellblechdach. Eigentlich war es nur eine Art Lagerschuppen, erbaut von jemandem, der vielleicht einen Traum gehabt hatte und ihn dann verloren gab. Der ganze Raum war voll von Schildern, Verkehrstafeln, die Bewegungen und Richtungen vorgaben, Rauten und Trapezen mit Kilometerangaben, Quadraten mit Ortsnamen und Richtungspfeilen. An den Wänden stapelten sich Betonfüße und Sperrgitter. Leuchtbaken und Warndreiecke türmten sich bis zur Decke. Stellan ließ sich auf das Sofa fallen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte eine Flasche Schnaps an seine ausgetrockneten Lippen. Seitdem er aus dem Knast war und gesehen hatte, dass es dort draußen keine Richtung mehr gab für sein Leben, genoss er jeden dieser Momente. Er schloss die Augen. Pfeilspitzen schossen über seine Netzhaut. Zwischen den kräftigen Schlücken, die er nahm, spürte er die Bewegung im Raum, etwas Labyrinthisches, das ihn trug und zog, bis er selbst wie in einem Flugsimulator einer Eigenbewegungsillusion verfiel und sich wie ein Pfeil in immer neue visuelle Reize beförderte, dorthin wo es kein Ziel mehr gab.

Als er erwachte, war es Morgen. Er hatte fast sechzehn Stunden geschlafen. Seine Fäuste rieben die Augen wund. Über den Steinen lag roter Staub.

Die Kreidler sprang nicht an. Durch das ausgetrocknete Flussbett stieg er zum Steinbruch. Es war noch kühl, die Luft noch nicht verbrannt. Vom Felssims aus starrte er hinab in die karstige Tiefe. Er zählte sieben

Autowracks. Es roch nach Benzin und Verwesung. Das letzte Auto hatte sich in einen roten Van gebohrt. Der Rumpf des Fahrers hing in den Gurten. Auf einem Felsvorsprung lagen die zerfetzten Leichen eines älteren Ehepaars. Stellan erinnerte sich. Das war vor zwei Tagen. Ihre leeren Augenhöhlen starrten ihn an. Tiefer unten hingen die zerkrümmten Glieder einer Frau in dem Wipfel eines abgestorbenen Baums. Er lächelte zufrieden. Die Limousine ganz unten hatte er selbst auf dem Grund des Steinbruchs zerschellen sehen. Das Auto war mit hoher Geschwindigkeit über die Bruchkante gefahren. Einen Augenblick lang behielt es die Richtung. Er konnte das Aufheulen des Motors hören, dann stürzte es sich überschlagend in die Tiefe, scheinbar richtungslos und doch nur einer Richtung folgend. Stellan wartete stets einen halben Tag. Dann ließ er sich an einem Seil hinab in die Tiefe. Er behielt nur was er wirklich brauchen konnte. Einmal hatte eine Frau fast zwei Tage zum Sterben gebraucht. Nachts glaubte er ihre Schreie in seinem Bett, das inmitten des Schilderwalds stand, zu hören.

Für heute hatte er genug gesehen. Für ein einziges Auto war ihm der Abstieg zu riskant. Er blinzelte in den fahlen Himmel. Es war ein guter Tag zum Jagen. Nachdem er die Kreidler wieder zum Laufen gebracht hatte, fuhr er mit einer Handvoll Schildern zur Straße. Auf den Einfall mit der Umleitung war er erst vor ein paar Wochen gekommen. Da lebte er schon seit einem Jahr in der Ruine. An den Tagen, an denen er sich nicht betrank, fuhr er manchmal Hunderte von Kilometern für ein oder zwei Straßenschilder. Er folgte keiner Richtung.

Nachts leuchteten die Metallflächen der Schilder in einem unwirklichen Licht. Die Pfeile wanderten in alle Richtungen. Ihre Spitzen schimmerten wie Silberglas. Es klang wie ein Flüstern, aber er konnte nichts verstehen. Ihr Geheimnis blieb stumm. Es gab Menschen, die verstanden es, allem eine Richtung zu geben. Dennoch folgten sie den

Pfeilen ins Ungewisse, weil sie ihr Ziel kannten, nicht aber ihr Geheimnis. Jeder Pfeil, der in die fernste Richtung wies, erzählte davon. Es erstaunte ihn immer wieder, wie naiv die Menschen den Zeichen folgten, wie sehr sie sich daran orientierten und doch nur wie in einem Labyrinth verloren.

Er sah auf die Flucht der Hügel. Ein Polizeiauto kroch wie ein großes blaues Insekt durch die Senken. Ein Lächeln flog über sein Gesicht. Seine Welt war noch immer vollkommen. Der Himmelsbogen schien erstarrt. Die Wolken glitten wie Pfeile über die hellen Spiegelflächen des Himmels auf das Polizeiauto zu.

Bildquelle: (c) DA

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