Novelle

Headquarters for Experimentalism

Zugezogene

Von Anke Harnisch.

Vogelgezwitscher. Irgendwo kräht ein Hahn. Irgendwo fährt ein Auto.

Eine Frau harkt in ihrem Vorgarten. Ein Mann kommt vorbei. Die Frau erhebt sich ächzend.

Frau: „Sieh an! Sie sind doch ganz neu hier, oder? Haben sich noch gar nicht vorgestellt. Jaja, wohnen schon 2 Tage hier und grüßen nicht mal die Nachbarn. Zu meiner Zeit hätt’s gleich die liebe Mama, Gott hab’ sie selig, gehört. Und gescholten hätt Sie mich, da hätt ich beim nächsten Umzug gleich am ersten Tag Kuchen gebacken und alle eingeladen. Denn vorstellen muss man sich. Auch ihr jungen Leut. Aber ich weiß ja, wie das ist. Da hat man dies und jenes zu tun, muss sich dort anmelden und einkaufen. Lebensmittel, Möbel, alles, jajaja. Mir brauchen’s nichts zu erzählen. Ich weiß Bescheid. Sie sind nicht von hier, oder?

Mann: „—“

Frau: „Das sieht man gleich. Schon wie Sie hier stehen. Und mit Ihrer Kleidung. Ich hab da ein Auge für. Haha. Aber da wird’s eine Weile dauern, bis sie bei uns im Ort zurecht kommen. Das sag ich Ihnen. Die Leut sind da nicht so offen. Wo kommen’s denn her, wenn ich fragen darf?

Mann: „—-“

Frau: „Ach, das hab ich mir schon gedacht. Wenn man so lange wie ich hier wohnt, da erkennt man das sofort. Haha! Da riecht man das zehn Meter gegen den Wind, wie man so sagt. Hahaha! Aber seien’s froh, dass Sie an mich geraten sind. Ich bin ja nicht so, wissen’s, wie die andern. Ich hab nix gegen Fremde. Wenn Sie’s genau wissen wollen, ich war eine der Ersten, die gleich zum Italiener gegangen ist, kaum hatte der sein Wirtshaus eröffnet. Ich hab mich nicht vor der Mafia gefürchtet, wie die anderen! Und gut hat’s da geschmeckt und sauber war’s! Da können’s nix gegen sagen. Und als der Türke dann kam und die aus Indien. Die Nase haben’s alle gerümpft. Die brauchen wir nicht, haben’s gesagt. Und jetzt? Jetzt macht der Türke schon seinen zweiten Stand auf, gleich beim Rathaus. Und der Inder baut seinen Handel sogar aus! Hat zugekauft, verstehen’s? Wo der das Geld her hat, will ich gar nicht wissen. Aber irgendwer wird‘s ihm schon gegeben haben. Was wollen Sie denn hier machen?“

Mann: „—“

Frau: „Aha. Hmm. Ja, ob Sie damit Erfolg haben werden, ich weiß ja nicht. Davon gibt’s schon viele. Von Einheimischen, wissen’s. Und bevor die Leute von hier deswegen kommen … (zieht skeptisch ihre Spucke zurück) Da geht’s nicht nur darum, dass Sie neu sind, sondern auch … (klopft gegen den Zaun) die Leute gehen da eher zu ihren Leuten. Mit denen Sie kegeln, Schach spielen, etwas trinken. Machen Sie sowas in Ihrer Freizeit?“

Mann: „—“

Frau: „Na dann wird es wirklich schwer. Das versprech ich Ihnen. Versuchen’s es lieber mit was Einfacherem. Was die Leute von hier nicht gern machen. Da finden’s sicher was. Da ist jeder froh drüber, dass Sie das dann machen. Ja, später können‘s vielleicht damit anfangen, … aber vielleicht gefällt Ihnen Ihre neue Arbeit dann schon viel besser. Verstehen’s, was ich meine? … Ich wollt ja früher auch nie studieren, aber geprügelt hat mich meine liebe Mama, Gott hab sie selig, zur Medizin. Keine Lust hatte ich. Wollte lieber Tischler werden. Aber nein hat die Mama gesagt, nein. Du wirst Arzt, wie jeder in der Familie. Und hab ich’s bereut? Nie, sag ich Ihnen. Manchmal muss man eben zu seinem Glück gezwungen werden, so ist das nun mal. Was hat Sie denn genau hierhergetrieben?“

Mann: „—“

Frau: „Ahh ja, sowas hab ich mir gedacht. Ich schau ja auch die Nachrichten. Täglich, immer ab Acht. Mir brauchen’s nix erzählen. Ich kenn mich aus. Zu Tausenden sind’s gekommen, zu Tausenden, nicht wahr? … Und jetzt sind’s hier bei uns. Eine schöne Wohnung haben’s da bekommen. Wirklich. Ich kenn die. Hab die Vormieterin, die gute Frau Ramson, Gott hab Sie selig, jeden Sonntag besucht. In der Messe waren wir zusammen. Und dann haben wir immer ein Stück Kuchen mit dem Herrn Pfarrer gegessen. Ohh, gut hat’s geschmeckt, sag ich Ihnen. Gut, hat’s geschmeckt. Aber nun steht die Wohnung ja schon seit über einem Jahr leer, keiner wollt sie haben. Obwohl die Lage, wissen’s, die Lage könnt nicht besser sein. Wie haben’s die denn bekommen, wenn ich fragen darf?“

Mann: „—“

Frau: „Aha. Ja, so einfach geht das heutzutage schon. Aber das ist ja in Ordnung. Sie haben ja so Einiges hinter sich. Da sollt es da wenigstens leicht gehen. Wirklich. Sie haben doch sicher Schreckliches erlebt, oder? Sind’s wie all die anderen mit dem Schiff zu uns gekommen? “

Mann: „—“

Frau: „Jaja, mir brauchen’s nix vormachen. Ich weiß, dass das ein Schiff ist, mit dem Sie da gekommen sind. Steht doch hier, schauen’s! (zieht eine Zeitung hervor) In Großbuchstaben in der Zeitung! Und ganz so bettelarm, wie die alle tun, sind‘s auch nicht. (klopft mit der Zeitung gegen den Zaun) Nix gegen Sie, überhaupt nicht. Aber sonst würden’s ja nicht mal hierherkommen können. Ich will Ihnen nix Böses. Keine Angst. Solange sie brav sind, Steuern zahlen, ihre Kinder zur Schule schicken, dann ist alles in Ordnung. Dann werden wir uns nicht in die Quere kommen. Aber sagen’s jetzt mal wirklich, ganz unter uns, wieso sind’s nun wirklich gekommen?“

Mann: „—“

Frau: „Jetzt hören’s aber auf! (Sie schlägt mit der Zeitung heftig gegen den Zaun.) Solche Lügengeschichten brauchen’s mir nicht zu erzählen! Ich weiß genau, warum Sie hier sind. Unser schönes Dorf wollen’s einnehmen! Das ist doch klar. Hör es doch jeden Tag in den Nachrichten! Sie sind ja nicht die einzigen, die nun hierhergebracht worden sind. Sind ja noch zig andere da. Mit Kindern und was weiß ich für Gesindel! Aber eines sag ich Ihnen, uns werden Sie nicht kaputt machen! Solche Leute wie Sie, die sollten dort bleiben, wo sie herkommen. Das einzige, was Sie wollen, ist unsere schöne Heimat kaputt machen. Als ob man einfach was Neues irgendwo anpflanzen könnt‘. Das funktioniert nicht, nie! Das garantier ich Ihnen! Auf Nimmerwiedersehen!“

Frau schnauft und geht weg. Mann bleibt ratlos zurück. Vogelgezwitscher. Irgendwo fährt ein Auto.

Klack. Schaltung ins Radiostudio.

Moderation: Sie hörten ein Gespräch aus dem Jahr 1746 zwischen dem Kümmel, einem alteingesessenen Heilkraut im Mittelalter, und der frisch zugezogenen Kartoffel, die laut Friedrich II von Preußen die Menschen vor dem Hunger bewahren sollte. Was ihr auch mit phänomenalem Erfolg gelang.

Klack. Ende der Übertragung.

Bildquelle: (c) DA

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