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Die fünf Tode jenseits des Fuji

Von Bastian Kienitz.

Mein Geist hängt sich an Kirschbaumblüten, als Teil von mir durchdringt die Welt ein Schmetterling, er fliegt dahin und setzt sich zu dir, dann erklingt ein Abendlied von tausend Stimmen. Sie singen ihrer Blüten Fall und dann ein ganzes Leben…

Wie kleine Forschungsreisende rannten wir durch den Wald und über die Wiesen. Das Atmen fiel uns leicht. Der Sommer schmeckte nach Limettengras und zog große, weiße Wolken mit sich. Wir zählten das Grün und das Bunt der Blüten. Löwenzahn, das Gelb in der Sonne. Futter geholt und in den Finger gebissen. Immer dieses Rammler Dasein. Barfuß und auf spitzen Steinchen gezählt Au, dass tat weh. Neugierig, wie die kleinen Dinge zwischen den Steinchen: Tausendfüßler, Kellerasseln, die aus kleinen Sandlawinen schnurstracks wieder emporklettern, in die Dunkelheit lauschen und die Mottenflügel an den Fenstern zählen. Motten, kleine Engel in der Nacht und am Tage helle Zitronenfalter. Schmeckte fast alles nach Eiscreme, nackt im ausschlüpfenden Zerfall. Kleine Engel, die auf das bruchsichere Glas prallen, flattern und wieder aufprallen. Tag und Nacht. Schwarz und Weiß. Schwarz, wenn die Mutter uns ermahnte. Weiß, wenn sie uns einfach ließ. Punkt. Dies hat etwas von niedersinken.

Du, ich erinnere mich an diesen Forscher. Ich glaube Humboldt war sein Name, der alles auf seine Zunge legte: den schmutzigen Sand des Rio Negro, das vermessene Gefühl der schneebedeckten Anden und diesen bunten Pfeilgiftfrosch. Curare nannte er ihn mit Trockensalz auf der Zunge und seine Blattfinger, die großen Augen gegen das Himmelblau. Sie fingen an mit großen Tränen und tropften immer mehr auf diesen Boden. Trommelwirbel nahezu und der frische Duft der Reinigung nach diesem heillosen Durcheinander. Da hat sich alles unter die Blätter verkrochen. Ich glaube es war so ein Mammutbaum, ein lebendes Fossil. Also eigentlich fast zu alt, um es zu begreifen, als wollte dieser ewig leben. Unter diesem Baum saßen wir Fabelwesen, verpuppten uns am Rand des großen Feuers und tanzten irgendwann die Nacht hinunter.

Im Krampf der Muskeln zuckten die Nerven. Sinus wellenförmig morgens beim Aufstehen, mit leichtem Anstieg in die Mittagspause und danach bis in den Abend fallend. Dein kleines Universum ein Schlüsselloch der tausendfachen Reizverstärkung: arbeiten, lernen, arbeiten, lernen im ewigen Delirium des Koffeinrausches: Tchibo mildes Aroma. Ihr Haar ist glatt und glänzt. Die Haut ist cremeweiß. Und überhaupt umfängt dich ein warmes Gefühl, wenn sie dir ganz ungekünstelt ein warmes Lächeln schenkt. Und das Alles für nur drei Euro neunundneunzig, heute im Sonderangebot. Als Bonus schrieb ich ihr einen Brief, rubble dreimal Fenster frei: Liebe Glücksfee, schenke mir bitte drei Kleeblätter für einen Wochenendausflug in den Erlebnispark Soltau. Den Tag genießen sie in den spaß- und wohltuenden Anlagen, um den Abend am prasselnden Kaminfeuer ausklingen zu lassen. In unserer Wohlfühloase einfach den Alltag vergessen. Viel Glück.

Glück hat etwas von Morgensonne, die zu leuchten beginnt. Die rote Sonne auf ihrem Kimono sieht den Regenwald ganz anders. Grün leuchtet er, schrill auf weißer Seide abgesetzt. Nahezu saftig in den Farben, die sich bis zum unteren Rand ergießen. Dazwischen leuchtet eine Orchidee, prall und rot und hinter der Blüte Nebel mitten im Dickicht. Zwei Fänge, ein graziles Wesen und die leuchtenden Augen einer vom Aussterben bedrohten Art. Der Nebelparder, dessen Flecken mit der Umwelt verschmelzen. Bruchpunkte, die kaum ein Mensch zu sehen bekam, die sich auf unserer Haut anfühlen als wären wir von der Hitze betäubt. Radioaktiver Zerfall aus der Nehrung unseres Geistes. Zum Gefühl sollten wir wieder zurück, die Forschung ist ein Glücksrittertum und lässt nur uns, den Menschen zurück. Allein, allein, so ganz allein auf dieser Welt.

Die Zweisamkeit deckt uns zu auf dieser Reise, zu der sie sagt: nach Japan wollte ich schon immer. Der Lehrling bläht die Nüstern wie der weiße Bauch, des nach Luft schnappenden Fisches. Fugu, nennen die Einheimischen das Gericht, Sashimi. Das Messer schlitzt dem Fisch die Flossen ab. Dieser liegt da, bewegungslos und stoisch. Das Messer blitzt, die Haut fällt ab. Der Fisch atmet immer noch und bläht sich auf. Jetzt sieht er fast aus wie ein vom Fell abgezogenes Kaninchen, ohne Ohren, das früher schwer am Balken hing. Die Augen klappen kugelrund über und starren uns an. Die Pupillen der Beteiligten funkeln animalisch schwarze Löcher in die Materie des Fleisches. Eine Versuchung die immer wieder ihre Opfer fordert. Die Hostie und Opfergabe, das Stück Kostprobe auf unserer Zunge gleicht einem Glaubensbekenntnis. Die Blume auf dem Teller schmilzt wie das Sandbild im Wind. Dahin geht die Blüte. Dahin weht ihr Blatt. Das Laub in deiner Welt fängt an zu knistern. Es raschelt auf deiner Zunge, gleichwohl Schalen hinter dem Feld. Wir sehen das Licht, der Sterne funkeln. Dein Mund schmeckt frisch und klares Wasser. Du lächelst neu, wie neugeboren.

Mein Geist sieht Kirschbaumblüten, wo sie fallen, decken sie die Augen zu…

Bildquelle: (c) BK

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