Novelle

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Dualismus

Von Luca Moser.

Die Einsamkeit beginnt mich zu erdrücken. Ich liege mitten in der Nacht, auf dem Rücken im feuchten Gras und starre in den Himmel. Alles dreht sich. Die Sterne ziehen Fäden. Zelle für Zelle verschlingt mich die Dunkelheit und der Himmel fällt mir auf den Kopf. Ich liege in einem schwarzen Loch. Rund um mich toben Menschen im Wahnsinn. Ihre Körper wirbeln. Sie strömen in endlosen Schlaufen vorbei und ziehen Schlieren. Das Wirbeln verursacht ein lautes Brummen. Die Welt beginnt zu schmelzen und die Farben fliessen ineinander. Ich sitze alleine da, getrennt durch eine unüberwindbare Grenze. Das schwarze Loch meiner eigenen Realität. Eingeschlossen von den Mauern der Wahrnehmung. Alleine in meiner Welt.

Ich hatte schon lange mehr keine Sonne gespürt. Ich hatte schon lange mehr keine Wärme gefühlt. Ich war zu Hause vor den Schatten geflüchtet, die mich durch die Tage jagten und in der Nacht meine Träume infiltrierten. Wenn ich aufwache bilden sie eine schwarze Mauer um mein Bett. Der Wahnsinn schlich sich langsam in meinen Kopf und ich konnte ihn spüren. Die Klarheit wurde zu viel für mich und ich musste fliehen. Also ging ich dorthin wo alle hingehen, die nicht alleine sein wollen. Es war heiss und Gras und Bier nebelten angenehm meinen Kopf ein. Ich spürte die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Heute würden mich die Schatten alleine lassen. Ich war draussen. Ich war wach. Als ich in der Menschenmenge stand kamen die ersten Zweifel auf. War ich hier richtig? Wer sind all diese Menschen? Sie sahen alle gleich aus. Gesichtslose. Geboren aus einer riesigen Maschinerie. Geboren dazu Zahnräder zu sein. Heute gehörte ich zu ihnen. Ich wollte so sein wie sie. Ich wollte vergessen.

Ich betrachtete den Ort von einer kleinen Anhöhe aus. Alles breitete sich in Strömungen aus. Der Rasen floss und rollte mit sanften Bewegungen in die Menschenmasse. Sie türmte sich auf wie eine Welle und überflutete das Grün. Wie in einem Tanz bewegten sich die Farben hin und her. Sie schmolzen zu einem Kreis zusammen und flossen in alle Richtungen davon. Es war Windstill, aber die Blätter in den Bäumen neigten sich im Wind. Vögel flogen in Mustern in sich zusammen um in eine Wolke zu explodieren. Die Luft drang in meine Poren und ich fühlte mich leicht. Es kam mir vor als stünde die Zeit still. Es fühlte sich an als würden sich die Räder für einmal nicht drehen. Als wären wir komplett losgelöst von Raum und Zeit in einer anderen Dimension. An einem Ort, wo es keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt, nur diesen einen Moment.

Ich schloss die Augen und stand in einer Wüste aus Eis, die sich bis an den Horizont erstreckte. Ein kalter Wind liess mich frieren. Die graue Trostlosigkeit wurde nur durch einige Eisberge, die im Innern schwarz glühten, unterbrochen. Es gab keine Anhaltspunkte bis auf ein kleines Licht, das im Himmel schien. Der Schnee war tief und reichte mir bis an die Knie. Ich ging in eine Richtung los ohne zu wissen wohin. Ich wusste nicht wie lange ich schon hier war. Die Zeit floss in Kreisen. Ich war ganz allein. Wir sind es alle. Gestrandet in einer eisigen Wüste ohne Ziel. Die Gedanken und das Gefühl von vorhin waren nur eine Illusion, die vor meinem inneren Auge zerbarst. Es gibt Momente, in denen wir diese Wüste verlassen. Ein kurzes spirituelles Aufflammen, das uns einen Blick in das kollektive Bewusstsein erlaubt. Es erlischt aber sofort und zurück bleibt nur Asche, die vom Wind davongetragen wird.

Die Augen wieder geöffnet beobachtete ich die Leute neben mir. Der Schweiss auf ihren Armen glänzte im Sonnenlicht. Künstliche Haare hingen ihnen unnatürlich von den Köpfen und die Haut schimmerte wie Wachs. Sie trugen ein steifes verzerrtes Lächeln. Die blankpolierten Zähne waren gefletscht, ihre Bewegungen abgehackt und wenn man sie berührte, waren sie kalt. Sie erschienen mir wie leere Hüllen. Normalerweise versteckt sich im Innern der Iris ein schillerndes Universum. Bunte Galaxien und strahlende Sterne durchleuchten die Weite hinter der Oberfläche. Wenn du den Farbensturm durchbrichst, erwartet dich ein kompletter Kosmos, versteckt in einer winzigen Zelle. Eine Paralellwelt aus wabenartigen Grenzen, die sich in unendliche Sphären erstecken. Eine Parallelwelt, die das Äussere hinein spiegelt und das Innere hinaus in die Welt reflektiert. Doch diese Augen waren farblos. Sie warfen das Bild zurück und ich sah mich selber mit schwarzen Augen. Um mich herum bewegten sich Linien. Sie türmten sich übereinander, trennten sich und fanden wieder zusammen. Dann kollabierten sie in sich und nur ein Flimmern blieb übrig.

Stunden später trieb ich rastlos und gehetzt umher. Meine Gedanken rasten und mein Blick war verschwommen. Ich befand mich mitten in einem Wald aus menschlichen Statuen. Sie standen dicht beieinander und waren in dicke Lagen aus versteinertem Stoff gewickelt. Gesichtslos und mit seltsam verrenkten Körpern starrten sie in den Nachthimmel. Dort hing ein grässlich grinsender Mond und starrte zurück. Es herrschte Ruhe und nur das kalte Mondlicht spendete etwas Helligkeit. In der Ferne glühte wieder das Licht im Sternenhimmel. Dunst waberte um meine Beine und ich schritt getrieben voran, tiefer in den Wald hinein. Geräusche drangen an meine Ohren und ich begann schneller zu gehen. Angst stieg in mir auf und verstärke sich allmählich. Ich glaubte das alles schon einmal gesehen zu haben. Es weckte dunkle und unbekannte Erinnerungen in mir. Erinnerungen, die lange Zeit vergraben und vergessen waren.

Die Statuen begannen dichter zu stehen. Sie hörten auf Gesichtslos zu sein. Sie waren unheimlich, aber auf eine komische Weise vertraut. Ich ging schneller. Die Bandagen der Statuen begannen sich zu lösen und gaben den Blick auf spitze Nasen und schmale Münder frei. Augen kamen zum Vorschein und sahen aus wie weisse Murmeln. Münder öffneten sich und kreischten laut. Es erschütterte mich bis auf die Knochen und ich floh. Ich rannte auf ein Licht zu und erkannte bald eine kleine Lichtung. Dann hörte ich Trommeln. Sie wirbelten hypnotisch und ich konnte tanzende Silhouetten erkennen. Hände wurden nach oben geworfen und in der Menge thronte ein Schatten über allen anderen. Er warf den Kopf in Trance hin und her. Nichts mehr wahrnehmend bewegte er sich in alle Richtungen, komplett eingenommen von der Salve aus Trommelschlägen. Die Silhouetten tanzten wilder und danach sanfter, nur um wieder zu explodieren. Lichter in allen Farben blendeten mich und schossen an mir vorbei in den Nachthimmel. Der ganze Lärm und die Sinneseindrücke erzeugten eine Art Vakuum, das Alles in sich aufsog. Dann kollabierte die Realität und stülpte sich in sich selber. Vor mir lag eine tote Einöde, in der eine Armee von Statuen aus kaltem Stein stand.

Am nächsten Tag stehe ich wieder an der gleichen Stelle wie gestern und beobachte die Szene. Ein übler Kater pocht in meinem Kopf, trotzdem bin ich hier. Es lässt mir keine Ruhe. Ich spüre die unbändige Rastlosigkeit in mir, die mich durch die Nächte treibt. Ich bin weiterhin auf der Reise, noch orientierungsloser als zuvor. Ich drehe mich im Kreis. Die Welt zerfliesst vor meinen Augen. Schwärze beginnt die Farben zu absorbieren und saugt sie in sich auf. Ich versuche mich an die Realität zu klammern. Dann ist da wieder das Licht, näher als jemals zuvor. Es bewegt sich auf mich zu und dann sehe ich sie. Sie steht direkt vor mir, gehüllt in ein helles Leuchten. Diese Augen sind anders als die des Rests. Sie sind nicht tot. Sie schimmern tief wie ein unberührter Bergsee und glitzern mich an. Die Luft knistert und die Haare in meinem Nacken stehen zu Berge. Diese Augen rufen nach mir und ich springe hinein.

Ich breche durch die Oberfläche. Verlasse den Lärm und tauche in eine stille Welt ab. Über einem Abgrund schwebend, versuche ich zu erkennen was unter mir liegt. Ich lasse mich sinken und fühle den Grund. Die andere Seite erstreckt sich verschwommen über mir. Lichtstrahlen bilden ein leuchtendes Gitter. Es ist still und die Zeit fliesst hier langsamer. Ich bewege mich tiefer hinein. Jenseits eines Felsvorsprungs fällt die Kante steil ab. Kopfüber lasse ich mich in die Dunkelheit, jenseits dieser Kante, fallen. Nur ein blasser Lichtkegel begleitet mich. Die Felswand fliegt an mir vorbei und ich tauche tiefer hinunter. Ich falle. Ich falle ewig, tiefer und tiefer. Stunden vergehen bis ich den Boden erkennen kann. Er kommt langsam auf mich zu. Mit einer Rolle lande ich auf den Füssen und bemerke eine Schlucht, die aussieht wie ein aufgerissenes Maul, das mit braunem Nebel gefüllt ist. Ich sammle mich und springe hinein. Dann befinde ich mich in einer komplett neuen Welt. Ich habe eine Grenze überschritten. Alles ist in ein tiefblaues Licht gehüllt und knorrige Baustämme wachsen aus der Schwärze unter mir bis in die braune Decke oberhalb. Es gibt hier nichts anderes als mich und es fühlt sich an, als sähe ich etwas, das nicht für meine Augen bestimmt ist. Ich muss tiefer tauchen, lasse das blaue Licht hinter mir und bin nun komplett von Dunkelheit umgeben. Ich höre ein Rauschen, das mich an Atemgeräusche erinnert und ein leises Klopfen, wie das Schlagen eines Herzens. Ich hänge einige Zeit in der Schwerelosigkeit und lausche den Geräuschen. Plötzlich breche ich durch einen Boden und lande in einer Höhle, die mit Kerzen ausgeleuchtet ist. Ein beissender Rauch steigt mir in die Nase und benebelt mich. Ich höre Gesang und vor mir tanzt ein alter Mann mit langen Haaren im Takt zu einer stillen Musik. Er hat seine Augen geschlossen und dreht Kreise um mich. Auf einmal schlägt er die Augen auf und schaut mich durchdringend an. Er bleibt stehen und wartet einige Zeit, dann sagt er zu mir: “Um im Licht zu erwachen, musst du durch die tiefsten Schatten gehen.”

Bildquelle: (c) DA

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