Novelle

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Es gibt kein Morgen

Von Simon Rucker.

Ich erblickte das Haus zum ersten Mal am Nachmittag des 19. Dezembers in genau dem Moment, in dem die Sonne hinter den Wolken versank und die Vögel in den Baumkronen um mich herum verstummten.

Meine vom Marschieren angestrengte und dadurch begründet unzuverlässige Wahrnehmung sagte mir, dass ich seit dem Absturz etwa acht Stunden lang durch den tief verschneiten Wald geirrt war. Zunächst froh darüber gewesen, beim Aufprall der alten Fokker D21 weitestgehend unversehrt geblieben zu sein, hatte mich beim Gedanken an die endlosen Wälder um mich herum schon bald das Grausen gepackt. Ich hatte keinerlei Ahnung davon, wo ich hinlief. Umso mehr überraschte und erfreute mich nun die Entdeckung des Häuschens auf einer kreisrunden Lichtung.

Es hatte zwei Stockwerke und einen spitzen Giebel und in einem Fensterchen des oberen Stockwerks brannte ein schwaches Lichtlein. Der Schein fiel gelb bis auf das Weiß des Schnees vor der Tür, ich machte langsame Schritte und klopfte mit meiner Faust an das spröde Holz.

Einen Atemzug, nachdem der Widerhall meines Klopfens von den tiefgefrorenen Bäumen verklang, erlosch das aus dem Fenster fallende Licht und ich stand hier draußen nicht mehr bloß in eisiger Kälte sondern auch noch in der rabenschwarzen Dunkelheit. Kein Geräusch war zu hören, kein Luftzug zu fühlen und mein Herz blieb beinahe stehen, als ich plötzlich das Kratzen des sich im Schloss drehenden Schlüssels vernahm.

Die Gestalt auf der anderen Seite bedeutete mir mit ihrem Finger, ich solle eintreten, eine Aufforderung, der ich sogleich Folge leistete, das drohende Sterben im Tausch gegen die Ungewissheit hinter mir lassend, hinter der knarrenden Tür, die mein Gastgeber vorsichtig verschloss.

„Kommen Sie nur herein, kommen Sie. Seien Sie willkommen in unserem Zuhause. Kommen Sie, folgen Sie mir in die Stube. Folgen Sie mir, dort können Sie sich am Kamin aufwärmen“, sagte der Mann, der in etwa in meinem Alter sein musste und einen ausgeleierten Anzug trug, mittelgroß war und einen Schnauzer hatte. Ich streifte meine Stiefel ab und folgte ihm durch den Flur.

„Seien Sie nicht schüchtern, kommen Sie. Quintus mein Name, was führt Sie so spät in den Wald – obendrein zu dieser Jahreszeit? Seien Sie froh, mein Lieber, dass Sie es noch bis hierher geschafft haben, glauben Sie mir. Hat man Ihnen nichts gesagt? Warten Sie, ich mache uns einen Tee und hole den Schnaps, dann erzählen Sie mal. Einen Augenblick – ich bin sofort zurück.“

Ich setzte mich vor dem Kamin, in dem die spärlichen Reste eines Feuers kokelten, in einen der beiden dort stehenden Sessel und versuchte, durch ausdauerndes Starren etwas im ansonsten vollkommen düsteren Raum zu erkennen. Merkwürdig – so schien mir – dass durch die Fenster nicht der fahle Widerschein des draußen liegenden Schnees hereinkam und hier drinnen zumindest ein wenig die Dinge beleuchtete. Fast war mir so, als seien die Fenster hier unten im Erdgeschoss mit irgendeinem Material dauerhaft verschlossen worden. Doch meine Erschöpfung ließ mich jede Art von Befürchtung gegenüber meines schützenden Refugiums zunächst vergessen.

Nach wenigen Minuten erschien Quintus vor mir im Schein des Feuers, das Zimmer mit einer zusätzlichen Ölfunzel stärker erleuchtend. In seiner anderen Hand befand sich ein kleines Tablett, auf dem zwei Tassen, zwei Gläschen und eine dunkelgrüne unetikettierte Flasche aus zentimeterdickem Glas standen. Er stellte die Gegenstände auf ein flaches Tischlein zu Füßen der Sessel und ließ sich ebenfalls nieder.

„Sie sehen müde aus, mein Lieber. Was stieß Ihnen zu in unseren Wäldern, was führt Sie hierher?“

So berichtete ich ihm von meinem Auftrag, im Norden gegen die Aufständischen zu kämpfen und vom geheimen Zusatz, den Wahrheitsgehalt einiger seltsamer Erzählungen der Menschen dort oben zu erforschen. Ich berichtete ihm vom Stottern des Triebwerks, dem Absturz der Fokker und dem zerfetzten Leichnam meines – Gott hab‘ ihn selig – armen Piloten und dass es mir, ich schwöre, leid tue, dass ich ihn nicht beerdigt habe, aber der Erdboden sei wohl seit Wochen hart gefroren.

Langsam schüttelte Quintus sein Haupt hin und her: „Machen Sie sich keine Sorgen, mein lieber, machen Sie sich keine Sorgen. Ob Sie ihn nun in einem dunklen Loch vergraben hätten oder nicht, sie hätten ihn so oder so gefunden. Wär‘ er vergraben gewesen, sie hätten ihn wieder ausgegraben.“ Und während ihm diese beunruhigenden Worte über die Lippen kamen, spürte ich diese Art von Angst in meinen Gedärmen aufsteigen, die von Anfang an keinen Zweifel daran lässt, dass sie begründet ist.

Eine Stunde später wusste ich, weshalb die Fenster hier unten mit Stahlplatten verbarrikadiert waren, dass die seltsamen Erzählungen, denen ich nachgehen sollte, die Wahrheit waren und dass ich lieber mit meinem Piloten zusammen zerfetzt worden wäre, als die Nacht alleine in den verdammten Wäldern um diese verdammte Hütte hier herum zu verbringen. Schweigend saßen wir auf unseren Sesseln, tranken den Schnaps, viel Zeit war nicht mehr zu verlieren. Sollte Quintus die Wahrheit berichtet haben – und ich wusste, so sprach kein Lügner – dann würden die ersten Bestien in knapp fünfzehn Minuten über die Lichtung gekrochen kommen.

Schritt für Schritt stieg ich hinter Quintus die enge und steile Treppe hinauf. Oben reichte er mir den zweieinhalb Meter langen Spieß und die leicht gebogene Machete. Instruktionen, Warnungen und ein paar Trost spendende Worte später lag ich am Fensterchen auf der Lauer, das in vorderer Richtung auf die Lichtung blickte und dasselbe sein musste, durch das ich vor einer Weile das Licht auf den Schnee fallen gesehen hatte.

Quintus sagte, sie kämen direkt aus der Hölle. Hierher gekrochen durch uralte Tunnel- und Korridorsysteme, um die Menschen zu bestrafen für ihr unsägliches Versagen. Ich weiß nicht, für solch religiösen Hokuspokus hatte ich wenig übrig, eine vernünftige Erklärung für das, was hier geschah, aber auch nicht.

Und dann sah ich die ersten von ihnen. Eins war dort vorne rechts und ein anderes weiter hinten. Ähnlich menschlicher Oberkörper krochen sie langsam auf das Häuslein zu. Lange, dürre Ärmchen, ein Rumpf ohne Beine und ein hohes, kantiges und verzerrtes Gesicht, krochen die grausigen Kreaturen auf mich zu. Den irren Schein ihrer Augen könnte ich niemals mehr vergessen, lautlos und unerbittlich kamen sie näher.

Mein Griff um den Spieß wurde härter und wie Quintus es mir geraten hatte, rammte ich dem ersten verdammten Ungeheuer die Spitze durch seinen Schädel in dem Moment, als es die Wand fast erreicht hatte.

Die Nacht sollte mir endlos vorkommen, die Stunden bis zum Anbruch des nächsten Tages ewig lang. Und als die ersten bleichen Sonnenstrahlen über dem starren Wald erschienen, sank ich mit dem Rücken zur kalten Wand zu Boden. Die Bestien kamen in Wellen – musste ich manchmal minutenlang warten, bis die nächste von ihnen ruckartig am Waldrand erschien, so kamen sie zu anderer Zeit in so dichter Folge, dass es mir nur mühsam gelang, sie am Erklimmen der Hauswand zu hindern.

Als ich erwachte, musste es früher Nachmittag sein. Schwach drangen die Sonnenstrahlen durch das Giebelfenster. Ich lag auf einem krummen Bett, dessen rissiges Holz und die frisch gebügelten weißen Bettlaken einen bemerkenswerten Kontrast bildeten. Quintus musste mich wohl – nachdem ich zusammengesunken war – hierher gehievt haben.

Ich schlug die Decke zurück, tappte die Treppe hinunter und erblickte die offenstehende Haustür. Im gleichen Moment stieg mir der widerlich süße Gestank verbrennenden Fleisches in die Nase. Einen Fuß nach dem anderen steckte ich in meine Stiefel, stapfte um das Häuslein herum, der Quelle des scheußlichen Stinkens entgegen.

Nahezu bis auf die Höhe des Dachs reichte der Berg aus Kadavern. Quintus musste sie in stundenlanger mühseliger Arbeit aufeinandergetürmt haben, einen auf den andern, hoch hinauf, Oberkörper auf Oberkörper. Manche davon hatte er zurechtgehackt, so fügten sie sich besser in die Zwischenräume. Die Flammen, die er anschließend entfacht haben musste, loderten schon bis in den Himmel, das Knistern und Knacken des Fleisches und der Knochen erzeugten in mir eine ruhige und warme Behaglichkeit, als ich mich neben ihn stellte und wir uns feierlich zunickten.

Das Werk einer Nacht musste hier aufgetürmt und verbrannt werden, eine andere Möglichkeit sähe er nicht, sich der Leichname zu entledigen und ließe man sie zu lange liegen, kröchen die Kreaturen daran empor und die Verteidigung des Häuschens würde noch schwieriger werden, der Tod noch näher kommen.

Auf die Frage, warum er hier ausharre, erwiderte Quintus: „Ein Tagesmarsch bringt mich nicht heraus aus ihrem Gebiet. Lieber sterbe ich hier als ihnen dort draußen zur Mahlzeit zu werden. Auf die Frage, woher er wisse, dass sie ihn beißen werden, schüttelte er nur müde den Kopf und erzählte mir: „Sie fressen nur die Köpfe, die Körper meiner Frau und meiner beiden Töchter liegen im Keller, Sie können sie sehen.“

Und die Frage danach, wovon er sich hier ernähre, blieb mir im Halse stecken, als ich den kleineren Berg sah, der nicht brannte… es wird mir nicht über meine ausgetrockneten Lippen kommen.

Düster und grausam zeichneten sich die Bäume vor der kommenden Nacht ab. Schnaps, Tee und wieder ging es die Treppe hinauf, ich hackte und stach, tötete und lebte, eine weitere Nacht in dem verdammten Häuschen in der Mitte der Hölle ging vorüber. Ich sank in mir zusammen, als der Morgen kam.

Die Sonne geht auf, wir verbrennen die stinkenden Leichen, die Sonne sinkt hinter den Bäumen in die Tiefe, wir trinken Schnaps und Tee, in dieser Nacht ist es, als sie kurz vor dem Morgengrauen auf Quintus‘ Seite hereinkommen. Als ich ins Zimmer stürze, haben sie ihn bereits bis zum Halse… ich will es nicht sehen, ich will es nicht sehen.

Und jetzt stehe ich hier alleine, Tag für Tag, die Sonne geht auf, das Feuer brennt, die Sonne geht unter, ich töte und lebe. Was morgen passiert, ich weiß es nicht. Einst ängstigte ich mich vor der Unendlichkeit. Heute ist es das Nichts, vor dem ich mich fürchte.

Bildquelle: (c) Cajsa-Lisa Linder Lodén

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