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Fernweh

Von Alisa Tippmann.

Ich hatte Sehnsucht früher. Sehnsucht nach Weite. Ich wollte alles sehen, die Meere, die vielen Wälder, Landschaften die anders waren, als das, was ich kannte. Ich wollte auf einem Elefanten reisen in Afrika, in Amerika den Grand Canyon besteigen und den Karneval in Brasilien erleben, Europa durchfahren und Schneeflocken fallen sehen und das Eis mit dem Schiff zerbrechen, auf dem Weg zum Nordpol. Ich suchte Abenteuer, wollte reisen, alles erkunden.

Selbst in meinem kleinen Dorf kannte ich jeden Winkel und lief oft weiter hinaus, durch die karge Landschaft, kletterte auf Bäume, die rar waren und sah die Weite meines Landes. Verteilte Berge, Sandflächen, ein paar Sträucher und einzelne Bäume, umringt von trockenen Feldern, durch die sich ein winziger Bach schlang.

Die Berge gefielen mir schon immer am besten und einmal war ich mit Papa auf einen geklettert. Ich fühlte mich so frei und sah viel weiter als von einem Baum. Doch ich konnte nicht alles sehen. Ich dachte, dass ich hätte alles sehen können von da oben aus. Die ganze Welt. Papa hatte mir immer viel erzählt von ihr, doch wo war sie? Wo war der Schnee von Grönland, die dicht befahrenen Straßen von Tokio, die vielen anderen Berge, von denen es doch so viele geben sollte? Ich sah kein Meer, keinen Ozean, nur den kleinen Bach. Und die Felder, die immer weiter gingen, und die einzelnen Bäume und die paar Häuser unseres Dorfes. Da war nicht mehr.

„Aber das kenne ich doch alles schon! Wo sind die großen Seen, von denen du mir erzählt hast, wo sind die Türme, die riesigen Häuser, der Regenwald, die Elefanten und der Schnee? Wo sind die Hauptstädte, die ich mit dir gelernt habe, die vielen Länder?“.

Verzweifelt hatte ich zu meinem Vater hochgesehen und verstand nicht, warum er lächelte. „Die Welt ist zu groß. Du kannst nicht alles von hier oben sehen. Nur ein kleines Stück unseres Landes, ein winziges Stück der Erde.“

Ich sah hinab und wünschte mir Flügel zu habe. Ich wollte frei sein, mein Fernweh stillen, und noch heute kann ich dieses Gefühl in mir spüren.

Doch ein anderes überwiegt jetzt. Die Sehnsucht. Ich hätte nie gedacht, dass mir das Land, das ich mir doch so oft angesehen hatte, einmal fehlen würde. Zuerst vermisste ich die Bäume, auf die man klettern konnte und die nicht von Häusern umstellt waren, dann den Boden, der nicht asphaltiert gewesen war und die Häuser, die alle unterschiedlich ausgesehen hatten und nicht wie hier in Reih und Glied standen.

In meinem Dorf hatte ich alle gekannt und verstand ihre Sprache. Hier sah ich jeden Tag neue Gesichter und konnte sie mir doch nicht alle merken! Ich vermisste meine Heimat so sehr. Ich schwor mir, wieder nach Hause zu kommen und nie wieder wegzugehen.

Ich vergaß meine Träume von der Welt, meinen Drang Neues kennenzulernen, mein Fernweh. Ich wollte keinen Schnee sehen, keinen Strand, keine Regenwälder oder dichte Straßen, sondern die Felder mit den einzelnen Bäumen und dem kleinen Bach, der im Sommer fast austrocknete.

Ich wollte nicht mit vielen Menschen, die ich nicht kannte in einer Turnhalle leben, sondern zurück zu dem kleinen Haus, mit den Zypressen davor. Doch es war fort. „Zerbombt“, hatte Papa gesagt, „wir sind gerade rechtzeitig geflohen“. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Wie kann denn so ein Haus kaputt gehen, das doch schon so lange hielt, dass darin Uroma gelebt hatte? „Hier sind wir sicher, das Einzige, was gerade zählt.“.

Ich fand nicht, dass ich hier sicher war. Ich hatte Albträume, das hatte ich zuhause noch nie gehabt.

Ich habe mir eine Großstadt anders vorgestellt, generell hatte ich mir alles anders vorgestellt. Selbst, als der erste Schnee kam war ich enttäuscht.

War alles, was ich mir ausgemalt hatte ganz anders? War die Welt gar nicht schön und bunt? Würde ich je wieder Fernweh nach ihr haben?

Samira, 9 Jahre alt, aus Syrien

Bildquelle: (c) DA

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