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Seltsam

Von Lilian von Storch.

Wisst ihr, was echt seltsam ist?

Alles.

Das würde niemand mal einfach so dahin sagen, denn das wäre ja absurd, wenn alles echt seltsam wäre. Dann gäbe es keine Normalität. Aber das ist das Problem, oder vielleicht ist es ja auch nicht mal ein Problem, aber jedenfalls ist es die Wahrheit: Es gibt nichts Normales.

Wir begehen den Fehler, alles, wie es ist, so als selbstverständlich anzusehen.

Dabei ist es nichts davon.

Es ist Montagabend, ich sitze in meinem Zimmer in der Heidelberger Altstadt, habe gerade ein Referat für übermorgen vorbereitet, dann geduscht und sitze jetzt noch einfach so an meinem Laptop herum.

Klingt wie eine relativ gewöhnliche Lebenssituation. Ist es aber nicht.

Weder der Montagabend noch das Zimmer noch Heidelberg, noch das Referat noch übermorgen noch die Dusche noch der Laptop noch ich.

Aber fangen wir mal von vorne an.

Also, erstmal, es ist Montagabend. Da fängt‘s schon an. Wer sagt so etwas? Es ist ein Tag, aber noch nicht mal das ist doch klar, es ist schon dunkel, genau genommen 21:44, aber wer sagt das Bitte?? Irgendwer hat mal beschlossen, dass jetzt heute Montag ist, aber allein schon das ist sowas von nicht selbstverständlich. In einer anderen Welt gibt es vielleicht überhaupt keine Montage. Da gibt es vielleicht überhaupt keine Zeit. Oder etwas, was diese Bezeichnet. Und wir nehmen uns als Menschen jetzt einfach mal so die Fähigkeit raus, das, was hier gerade ist, als Montag zu bezeichnen. Hallo? Wer sind wir überhaupt, dass wir uns so etwas anmaßen? Und dann auch noch so derartig genau vorher zu bestimmen, dass sich der Kram alle sieben Tage widerholt und es dann auch noch Sonntage und Samstage gibt, die eine VÖLLIG andere Bedeutung für uns haben, ist das nicht echt komisch?

Ich meine, stellt euch mal vor, so ein Tag hätte auch ein Leben. Vielleicht hat er das ja. Vielleicht ist ein Tag ja ein Wesen, eins mit Gefühlen und Atem und Gesicht. Vielleicht ist auch jeder Tag einfach einer von den Sternen, die wir da oben sehen. Oder eben auch nicht sehen, wie die allermeisten. Vielleicht sind das gar keine Sonnen und Planeten, sondern leuchten deswegen so hell, weil es alle Tage sind. Und dann kommen sie unverhofft auf die Erde gestürzt, alle nacheinander, und dann sind sie dort und beobachten, was die Menschen nun mit ihnen anfangen. Oder doch eher, was sie mit ihnen anfängt? Keine Ahnung. Ich habe überhaupt von gar nichts eine Ahnung. Jedenfalls, wie würden es diese Tage jetzt finden, einfach mal direkt als Montag bezeichnet zu werden? Dabei haben überhaupt NICHT alle Montage irgendwas gemeinsam. Jeden Montag ist weder immer ähnliches Wetter noch sind an Montagen oft bestimmte Dinge geschehen. Und trotzdem bezeichnen wir diese ganzen, armen Tage mal radikal als Montage. Das ist schon diskriminierend.

Dann wachen wir an so einem Tag auf, und denken uns, boah, schon wieder Montag- Dabei hatte der Tag noch überhaupt keine Zeit, um uns das Gegenteil zu beweisen.

Das ist wie, wenn mich jemand zum ersten Mal sehen und sofort denken würde: Boah, schon wieder so eine. Das würde mich auch echt verletzen. Euch nicht auch?

Wir sollten definitiv aufhören mit dieser Tagesdiskriminierung. Zu allererst sollten wir mindestens höflich sein, uns dem Tag vorstellen und ihn fragen, wer er denn so ist, und vielleicht auch wie es ihm geht und halt ein bisschen Smalltalk halten. Das machen höfliche Menschen doch bei jedem, den sie so kennenlernen. Nur die armen Tage werden auch von höflichen Menschen oft echt unterschiedlich behandelt.

Kein Wunder, dass die Tage dann auch noch häufig so schlecht anfangen. An ihrer Stelle wäre ich auch beleidigt. Und dann schaukelt sich das natürlich hoch, man selbst ist sauer, und der Tag ist sauer, und schon um halb acht Uhr morgens haben beide keinen Bock mehr aufeinander und verschwenden diese unglaublichen Sechsundachzigtausendvierhundert Sekunden so, als gäbe es sie gar nicht. Oder noch besser- Als wäre es SCHÖNER, wenn es sie nicht gäbe. Menschen sind so komisch.

Dabei wäre doch viel schöner für jeden Beteiligten, wenn sie von Anfang an freundlich aufeinander zugehen würden.

Eine Person, die man noch überhaupt nicht kennt, aber einen ganzen Tag lang um sich hat und alles mit ihr gemeinsam macht, lernt man überraschend schnell kennen. Und wenn beide dabei offen und optimistisch genug sind, dann können sie am Ende des Tages schon ziemlich viel gemeinsam erreicht haben und über sich gegenseitig vielleicht sogar sagen: ,,Wow, wie schön, heute habe ich echt einen tollen Menschen kennengelernt. Wir können bestimmt einiges zusammen erreichen.‘‘

Wie gesagt, wenn man optimistisch daran geht. Und sich nicht abschrecken lässt von irgendwelchen Äußerlichkeiten, aus denen heraus einem ein Mensch vielleicht auf den ersten Blick nicht so sympathisch sein könnte. Das geht uns mit Tagen vielleicht genauso. Vor allem, wenn sie von uns erstmal als Montage abgestempelt werden.

Auch mit einem Tag kann man sich so gut anfreunden wie mit einem Menschen in vierundzwanzig Stunden. Er kann dein Freund werden, jeder neue Tag, den du kennenlernst und freundlich begrüßt. Dann bist du schonmal nicht alleine. Und jeder Tag durchlebt sich besser zu zweit.

Bildquelle: (c) DA

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