Novelle

Headquarters for Experimentalism

Von hier aus

Von Sudabeh Mohafez.

„Gehen wir“, sagt er. Aber was. „Gehen wir!“ Wohin ginge gehen? „Raus“, sagt er, „gehen wir.“ Er ist länger hier als wir alle. Vielleicht weiß er etwas. Später wiederholt er kurze, einsilbige Worte. „Raus“, sagt er immer wieder, murmelt es nachdenklich vor sich hin, schaut in die Tasse. „Fort“, sagt er, und: „weg“, und dann wieder, immer wieder: „raus.“ Wir bringen ihm einen Grog. Wir bringen ihm eine Schokolade mit Sahne. Wir brächten ihn auch gern ins Bett. „Einen Mann von dreiundachtzig Jahren“, fragt er erstaunt. „Also“, sagt er beeindruckt und nickt. Um den Regen besser zu hören, öffnen wir das Fenster. „Einen Ingweraufguss.“ Wie er es sagt, klingt es eher erstaunt, nicht wirklich nach einer Bitte. Der Regen wäscht den Staub fort. Das Tapsen kleiner, nasser Tiere im Tröpfeln. Sie halten inne. Sie huschen weiter. Niesel stäubt im offenen Fenster. Alle atmen wir auf, schließen kurz die Augen, richten die Gesichter dem Buchenwald zu, der badet. Die Kleine legt einen Scheit Holz nach. Sie darf das. Heute Morgen hat sie gefragt. Es prasselt. „Ingweraufguss“, brummt der Alte. Er nippt am Grog. Die Schokolade hat er nicht angerührt. Nur mit dem Löffel die Sahne abgeschöpft und langsam im Mund zergehen lassen. Zwischen Fenster und Kamin ist es sehr still. Prasseln. Tapsen. Wir lauschen dem Metrum, das entsteht. Die Kleine lacht. Sie setzt sich vor den Alten auf den Boden und lässt ihre Murmeln durch die Stille klackern. „Ist doch ein guter Tag, um zu sterben“, versuche ich. „Jaja“, sagt der Alte unwirsch. „Sie ist schon seit Dienstag tot“, Ferdinand logisch wie immer. „Sterben und Sterben“, sagt Marianne leise, „ist zweierlei Ding und dauert manchmal länger, als es den Anschein hat.“ Beinahe klingt es wie eine Drohnung. „Lächerlich!“ krächzt der Alte, schüttelt den Kopf dabei. Mariannes Stimme bebt. „Wär sie doch schon früher gestorben“, wimmert sie und es ist schwer auszumachen, ob sie sich fürchtet oder gerührt ist. Der Alte schaut auf. „Ich wünschte so sehr“, sagt er. Es regnet und regnet. Aber was. „So sehr“, sagt er. Die Kleine ist eingeschlafen auf den Dielen. Ferdinand legt sie aufs Sofa, breitet eine Decke über sie. „So viel Hass“, sagt der Alte und seine Augen leuchten, „so viel Angst und Verachtung!“ Der Reihe nach sieht er uns an. Ferdinand, der neben seiner schlafenden Tochter sitzt, schaut erst zu mir, dann zu Boden. „Ach, könnte ich so hassen“, sagt der Alte und ballt die Hände zu knochigen, harten Fäusten. Marianne nimmt von den Peperoni. „Scharf“, stellt sie fest. „Sehr, sehr scharf.“ Es knackt laut jedesmal, wenn sie hineinbeißt. Der Alte schiebt Brot und Käse zu ihr über den schmalen Tisch. Ferdinand streicht seinem Kind übers Haar, dann setzt er sich zu uns. „Für sie wäre ein schlechter Tag besser gewesen.“ Marianne sagt das und ich lächle. Immerfort fällt der Regen. Bald wird es dunkel werden. Ich zünde eine Kerze an. Kerzen sind gut. Warm. Weich. Diese hier sondern Zimtgeruch ab. Noch wärmer. Kerzen sind gut. Was der Alte gesagt hat, ist wahr. Sich umzugewöhnen, geht nicht sehr schnell. Man kann nicht einfach keine Angst mehr haben, nur weil sie tot ist. Die Angst ist lang noch da. Kerzen sind sehr gut. „Gehen wir“, sagt der Alte. Ferdinand weint. Das Kind schläft. Marianne trägt die abgenagten Peperonistiele zur Anrichte. Sie legt sie in die Keramikschüssel, in der hier Kompost gesammelt wird, und kommt mit Wein zurück. „Ich wünschte“, sage ich. Aber was. „So sehr.“ Von der Bundesstraße ist lautes Hupen zu hören. Alle sehen wir auf. Es klingt quer durch den Wald. Tönt über das Regenrauschen und durch die Fenster. Das Kind dreht sein Gesichtchen zur Lehne. Marianne zieht ihm die Decke über die Schultern. „Ich hätte so eine Schüssel für meinen Kompost“, sage ich, und Marianne nickt ernst. „Verdammt sentimental“, findet der Alte, aber ich gebe nichts darauf. Er weiß nicht, was Angst ist. Er hat keinen Begriff davon. „Wein“, frage ich in die Runde. „Die Kerzen“, sagt sagt Ferdinand und lässt eine kleine Pause entstehen, „die sind gut.“ „Ja“, Marianne lacht, „wenigstens haben wir Kerzen.“ Ich öffne die staubige, grüne Flasche, die sie aus dem Keller geholt hat. „Gehen wir“, sagt der Alte, greift im Sitzen nach den Fensterflügeln und schließt sie, „ganz schön frisch.“ Aber was. Ferdinand gießt uns Wein ein. „Gehen wir.“ Und von hier aus?

Bildquelle: (c) DA

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