Novelle

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Mit Selim Özdogan.

Also: Ich habe rein zeichenmäßig etwa die Hälfte der Rezension zu deinem Buch „Was wir hörten, als wir nach der Wahrheit suchten“ geschrieben. Da niemand das Buch so gut kennt und versteht wie du, dachte ich, dass du die ideale Ansprechperson bist, um mir bei der Fertigstellung meiner Kritik zu helfen. Der (vorläufig) erste Satz der Rezension lautet: „Die Suche nach der Wahrheit gestaltet sich in Selim Özdogans eigensinnigem Büchlein derart, dass die Wahrheit sich zwischen den Zeilen von Kritiken erfundener Platten stattfindet – inwiefern die reflexive Form von ‚stattfinden’ zur Wahrheitsfindung und/oder -verschleierung beiträgt, sei einmal dorthin gestellt.“

Äh, ich weiß von hier aus nicht den nächsten Schritt …?

Das ist schon Schritt genug. Hier der zweite Satz meiner Kritik in ihrer jetzigen Form – du musst einfach sagen, ob du mit dem, was ich hier von mir lasse, so weit einverstanden bist: „Als Mockumentary-Fan (Mark „Z.“ Danielewski, Peter „Fallobst“ Greenaway, Christopher „Spinal“ Guest etc.) ist bei mir die Tendenz da, Özdogans Manipulationen der Realität dahingehend zu intellektualisieren bzw. psychologisieren, dass hier parodistisch, satirisch oder sonst wie durchgeistigt gearbeitet wird.“

Jetzt verstehe ich mehr/besser. Du kannst ja schreiben, was du möchtest, ob ich einverstanden bin, ist tatsächlich egal. Es gibt keine vorgeschriebene Lesart. Aber ich fühle mich nicht gespiegelt in Worten wie parodistisch und satirisch. In durchgeistigt schon, aber nicht auf eine intellektuelle Weise, sondern in dem Sinne, dass man Musik ja nicht anfassen kann.

Aha, dann dürfte der nächste Satz nicht ganz falsch sein: „Der poetologisch-autobiographische Anhang jedoch, fester Bestandteil der 12-Farben-Reihe des Kölner Verlags rhein wörtlich, legt überraschenderweise eine romantische Lesart nahe.“

Romantisch, romantisch ist so ein Wort, das Dinge in die Nähe von Kitsch rückt, von Paarungsgeschichten mit Happy End, von herzerweichenden Gesten, die man so gerne mit Liebe verwechselt, von Träumerei und Haschen nach dem Wind.

Dann muss ich mir ein passenderes Wort überlegen. Führt der nächste Satz zu weit? „Musik-, speziell Leonard-Cohen-Fan Özdogan wünscht sich einfach eine Welt mit mehr Alben und Rezensionen von Alben.“

Hm, ich dachte, wir würden so ein Metaebenen-Spiel spielen. Von mir aus musst du gar nix. Romantisch kann stehen bleiben. Vielleicht habe ich doch noch nicht begriffen, was wir hier machen … Wir brauchen nicht mehr Musik. Wir müssen nur hören können, dass alles aus Klang entstanden ist …

Aha. Dann werde ich den ursprünglich nächsten Satz erst gar nicht verlesen, weil ich ihn soeben gestrichen habe, und komme zum übernächsten: „Die Kritiken lesen sich mal lyrisch, mal geistreich, mal sympathisch, mal hipsteresk.“

Keine Einwände, nur dass Hipster tendenziell andere Musik hören. Aber deshalb steht da ja auch nur hipsteresk.

Was ist denn so „typische“ Hipster-Mucke?

Ich kenne mich da nicht so aus, aber mehr so gitarrenorientiertes Zeug, würde ich sagen, Arcade Fire, Ja, Panik, Tocotronic, Casper irgendwie auch, M.I.A.. Was halt so in der Spex abgehandelt wird.

Laut Christof sind Hot Chip eine ziemliche Hipster-Band. Kennst du die? Ich finde sie sehr gut, vor allem ihre Videos.

Kannte ich nicht. Habe ich gerade reingesehen. Funktioniert bei mir nicht so.

Na gut, hier jedenfalls der bisherige Rest: „Ich kann nicht sagen, wo man solche Reviews, wie sie hier geschrieben stehen, finden würde, jedenfalls nicht in der RockHard. Eher nirgendwo sonst. Dafür sind sie wahrscheinlich zu erzählend, persönlich, artistisch.“

Artistisch ist schön in diesem Zusammenhang. Sie können Saltos und Flickflacks und all das … Aber abgesehen von der Musikrichtung könnte die eine oder andere doch in RockHard stehen, oder?

Ich glaube, der RockHard-Schreibstil ist ein anderer, tendenziell derberer – was natürlich nicht wertend gemeint ist. Was meinen Rezensionstext angeht: Ich will unbedingt noch auf einige deiner Bandnamen- und Albumtitelkreationen eingehen. Außerdem ist unbedingt die wunderbar wahre Bemerkung zu zitieren, die in der letzten Plattenkritik, nämlich von „beweg die ohren“, zum Tragen kommt: „Dass man irgendwie Geld verdienen muss, ist ja nur ein Makel des Systems […]. Ich bin ein Teil dieses Systems und ich muss mich darin zurechtfinden, ob ich möchte oder nicht. Aber deshalb darf ich es ja trotzdem hinterfragen. Die meisten Menschen stellen sich zu wenig Fragen. Es ist ja heute ganz normal, dass man seine Arbeitskollegen länger sieht als seinen Partner und niemand kratzt sich am Kopf und fragt, ob das seine Richtigkeit hat.“

[Dreimonatige Pause]

Welcher Gestus steckt in den immer wieder humorigen Album-Titeln wie „Prison was good, I’m never going back“, „Almost an Album“ oder „Schlafende Träume wecken“?

„Prison was good, …“ ist ein Zitat von Tricky aus einem Interview und passt somit in dieses Trip-Hop-Ding. „Almost an Album“ ist meine Version von Leonard Cohens neueren Albumtiteln wie „Old Ideas“ oder „Ten New Songs“. So eine Leichtigkeit, die ich nicht Ironie nennen würde, so ein Zurücktreten und Lächeln. „Schlafende Träume“ wecken: Halt deutscher Hip-Hop, ich wollte eine eingängige, leichte Formulierung, die einen stutzen lässt. Die meisten Titel sind Anspielungen oder gar Zitate, die man nicht verstehen/zuordnen braucht, damit sie funktionieren. Gleichzeitig ist es eine der wenigen Möglichkeiten für mich, auf Englisch kreativ zu sein.

Gerade im Bereich Alben- und Songbetitelung spielen (kleine und große) aphoristisch-kühne Stutzenmacher eine beachtliche Rolle. Ist dir eine selbst geringe parodistische Intention fremd, da du dich ja auf dieselben verspielt-schmunzelnden „tongue in cheek“-Wege des Geistreichen begibst wie (Pop-)Musiker mit ihren Plattennamen?

Ja, Parodie ist mir eher fremd. Ich spotte nicht, ich freue mich an der Kreativität und an den Möglichkeiten.

Kannst du ein paar besonders feine Album- und/oder Songtitel nennen, die dich durch ihre lakonische Genialität beeindruckt und -flusst haben? Ich mag zum Beispiel “You Can’t Spell Slaughter Without Laughter”.

Wie schon erwähnt finde ich toll: „Old Ideas“, außerdem aber auch noch „The Hardest Way To Make An Easy Living“, „Phantom Of The Rapra“, “Watching Movies With The Sound Off“ ist auch ein guter, der immer besser wird, weil er viele Facetten hat. „Nocebo“ ist auch noch ganz geil

Kennst du auch Beispiele für richtig stumpfsinnige Titel?

Vielleicht, aber ich mag mein Hirn gerade nicht bemühen, nach etwas zu suchen, das ich doof finde. „Pornography“ von Cure ist auch noch ein guter Albumname.

Bleiben wir also bei den coolen Dingern des Lebens: „Heads Full Of Poison“ von Ahleuchatistas ist titelmäßig klasse, muss ich mir bald unbedingt besorgen. Oder „Gratuitous Sax & Senseless Violins“ von den Sparks. Andere Frage: Warum ist es eigentlich keineswegs angesagt zu behaupten, Musik sei komplett überbewerteter Bullshit?

Weil alles aus Klang entstanden ist. Deshalb heißt es ja auch Urknall. Deshalb glauben die Yogis, Om sei der Urklang, der das ganze Universum enthält.

Und „Om“ ist nicht etwa eine Abkürzung für „O mein Gott, was ist Musik doch für eine Riesenscheiße!“?

Könnte sein, aber Stille ist ja auch Musik. Man kommt nicht drum herum.

Gibt es etwas, was nicht Musik ist? Wird es in Zukunft möglich sein, jegliche Kunstart, oder besser noch: jegliche Strukturart in Musik umzuwandeln bzw. musikalisch auszudrücken?

Ja, klar. Ist es ja jetzt schon. Siehe hier: de.wikipedia.org/wiki/Solresol. Man kann alles in Musik übersetzen.

Kurz zurück zu den von dir entdeckten bzw. erfundenen Alben: Sicher hast du schon darüber nachgedacht, zumindest eines davon tatsächlich aufzunehmen. Wäre das erstrebenswert? Falls ja: Wie würdest du diese Aufgabe angehen wollen?

Verknüpfung und Synergie sind hier die Worte. Ich würde es nicht machen wollen. Ich bin einfach kein Musiker. Und jeder Musiker, der es machen möchte, hätte totale Freiheit. So verstehe ich Kunst.

Was und/oder wen hältst du eigentlich für total überbewertet?

Die Demokratie und das westliche Weltbild. 

Eigentlich war ich gerade dabei, dich nach dem „Geheimnis von Nichtprätentiosität“ zu fragen, aber stattdessen will ich dich auf die Novelle ansprechen: Was hältst du eigentlich von unserer Zeitschrift?

Ich bin ein großer Freund von Dinge tun. Einfach machen. Ich bin kein großer Freund von Texten, die keinen narrativen Charakter haben. Also: Ich bin für Vielfalt, ganz unabhängig von meinem eigenen Geschmack.

Vielfalt, Kurzweile, schöne Stichworte. Apropos: Möchtest du dieses Interview gern noch länger weiterführen, weil du nicht gelangweilt bist, oder eher langsam zum Ende kommen? Ich persönlich würde mit dir gerne über dieses Interview sprechen, dir weitere Fragen zu diesem Interview im Speziellen und zur Novelle im Speziellen stellen. Überhaupt fände ich es lustig und degeneriert, wenn der Interviewer den Interviewten ausschließlich über sich selbst und die eigenen Angelegenheiten ausfragt und das Interview als totale Ego-Plattform nutzt. Das wär vielleicht so ähnlich, wie wenn Jan Hofer in der Tagesschau immer schön sachlich über seine familiären oder gesundheitlichen Mängel berichten würde, tagein, tagaus.

Hallo, ich verstehe immer noch nicht ganz genau, was wir hier machen, also können wir gerne weitermachen. Am Ende ist es dein Interview. Und ich bin offen für vieles.

Glaubst du, dass man in einer fernen, fernen (fernen) Zukunft nicht mehr wissen wird, was mit Ausdrücken wie „Millionengeschäft“ oder „Da sind Milliarden im Spiel“ gemeint ist? Anders gefragt: Sollte man (Königin) Geld als Gleitmittel verwenden?

In der fernen fernen Zukunft wird man wissen, dass der rein kapitalistische Weg ein Irrweg war. In der fernen vielleicht nicht. Aber wie sagt man: Zukunftsmusik. Man kann sie hören, aber weiß nicht, wer da spielt, und reproduzierbar ist sie auch nicht. Also irgendwie auch irrelevant.

Wäre es nicht ziemlich trollig, ein Interview mit der Frage „Wäre es nicht ziemlich trollig, ein Interview mit dieser Frage zu beginnen?“ zu beginnen?

Nö. Trolls wollen ja Futter und diese Frage generiert keine heftige Reaktion. Zumindest bei mir.

Aber es wäre doch sicher ziemlich trollig, ein Interview NIEMALS zu beenden, oder?

Ja. Aber gehören ja auch zwei zu …

Spielen wir kurz das Spiel „Die besten Filme der letzten Jahre“. Ich fange an: „Spring Breakers“.

Der Ölfilm auf dem Baggersee letzten Sommer, als ich auf LSD war. Billiges Wortspiel, aber kaum zu toppen als Film.

Apropos: Kennst du „Beyond the Black Rainbow“? Der Soundtrack von Jeremy Schmidt ist fantastisch beyond.

Nein, sagte mir nichts, hört sich aber auf jeden Fall sehr interessant an. Der Film, Soundtrack solo ist nicht ganz mein Geschmack.

WAS findest du eigentlich witzig? Was findest du eigentlich witzig?

Gleicher Satz, verschiedene Schriftart im ersten Wort. Ist witzig. Im Sinne von: Ich mag den Humor. Witzig im Sinne von: Ich musste lachen. Das Leben. Da mag ich aber nicht immer den Humor. Hört sich gut an. Stimmt aber nicht. Wie vieles, was sich gut anhört.

Gibt es denn ein Album, das sich gut anhört, aber nicht stimmt?

The Internet, “Purple Naked Ladies”. Geiler Bandname, geiler Albumtitel, aber ein Album, das mir nichts sagt.

“You Have No Idea What You‘re Getting Yourself Into” von Does It Offend You, Yeah?

Ja, scheiß Bandname, aber ganz guter Albumtitel.

„Köfte“ klingt ein bisschen wie das russische Wort für „Hemd“.

Und „Hanf“ klingt ein wenig wie das deutsche Wort für „Hand“.

Und was ist mit Aborten?

Da ist ja richtig viel Leben. Aber mir gefällt der Humor immer noch.

Wen findest du urkomisch? Hast du eine Lieblingskomödie?

Lieblingskomiker: Yilmaz Erdogan. Aber Türken auf Türkisch zählt hier vielleicht nicht. Die Szene in „Herr Lehmann“ in der Dönerbude, da lag ich aufm Boden. Oder als in „Breaking Bad“ die Pizza aufs Dach flog. „Misfits“ funktioniert für mich an mehreren Stellen in den ersten zwei Staffeln. Eddie Izzard fällt mir noch ein. Brite auf Englisch. Gilt vielleicht auch nicht.

“Walt: Hey son, i bought us a pizza
Walt Jr: Thanks dad, how much do i owe you?
Walt: Its on the house   o_0“
(YouTube-Kommentar)

Wobei ich sagen muss, dass meine Lieblingsszene die ist, als derbe Fleischsoße durch die Decke tropft, weil entsprechend fiese Säure sich durch die Badewanne gefressen hat und Jesse ein Idiot ist …

Yilmaz Erdogan kenn ich (natürlich) nicht, da hast du einen Heimvorteil. Was ich von mir kaum behaupten kann, denn der russische Humor ist, soweit ich weiß, selbst heutzutage nicht weiter der Rede wert. Zumindest, wenn man auf Edel-Absurd oder Quatsch à la Izzard & Co. steht. Die Briten und Amis habens hingegen voll gepachtet. Ich kann Neil Hamburger sehr empfehlen.

[Einmonatige Pause]

Zurück zu deinem Buch – ich fand das ja schon einen klasse Move von dir, am Ende einen Selbstverriss abzudrucken. Wie wäre es mit einer Autobiographie, die aus nichts anderem als fingierten Verrissen des eigenen Werkes besteht?

Schöne Idee, aber ein sehr ambitioniertes Werk wäre das. Ich bin zu faul dafür.

Manchmal verfault Faulheit ja ganz plötzlich, und stattdessen entsteht Entstehen. Hör mal, ich könnte dir noch geschätzte 290.489.332.333.555.222.8§8.6$6.&&& Fragen stellen, aber gerade deswegen stellt sich mir die Frage, ob wir nicht zum Schluss kommen sollen.

Eine geht noch rein, oder?

Gibt es etwas, das ich vergessen habe anzusprechen, ein Thema, das du vermisst hast, eine Frage, zu der du gern Stellung bezogen hättest?

Ne, ne, das war schon gut in deiner Hand aufgehoben. Schick mir noch ne Frage bitte …

Der Volksmund spricht ja oft vom NATO-Erlebnis. Glaubst du persönlich an ein Leben NAch dem TOd?

Ja. Es muss ein Bündnis geben, das auf gemeinsamen Interessen beruht, und seien sie wirtschaftlicher Art. Schließlich ist das System ja so angelegt, dass Beerdigungen teuer sind und man deswegen auch auf der anderen Seite des Jordans wirtschaftliche Interessen kultivieren sollte.

Ich finde, „Knust“ gehört zu den seltsamsten Wörtern in der deutschen Sprache. Welches deutsche Wort findest du extrem seltsam?

Gewissensbisse. Hallodri. Sehr deutsches Wort: Doch. Es gibt so viele seltsame Worte. Seltsam.

Und hab ich dich eigentlich schon gefragt, was du für ein Megakunstwerk in Angriff nehmen würdest, wenn du nahezu unbegrenzte Zeit- und Geldressourcen hättest? Sletsma.

Ich glaube, gar keins. Ich bin nicht so megaloman. Ich würde weitermachen wie bisher. Nur langsamer, weil nichts drängt.

Und wie siehts mit Lachen/Lächeln? Ist es nicht primitiv/beknackt/tot, dass unsere Lächel-Gefühle tatsächlich nur durch körperliche Muskelaktivität real werden? Die Menschheit müsste doch allmählich auf eine Sublimierung und Interna(sa)lisierung ihrer Lächeln hinarbeiten. Das ist doch so ähnlich rückständig, wie wenn Smartphones mechanische, reelle Zeiger zur Zeitanzeige benutzen würden.

Schöner Exkurs über die Vor- und Nachtzüge des modernen Lächelns.

Bildquelle: (c) Tim Brüning

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