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Ist es wirklich zu viel verlangt, dass Beobachtung von Achtung kommt?

Ein Rezeptionsnachweis zu Bill Martin Jrs & Eric Carles Brauner Bär, wen siehst denn du? (Deutsch von Viktor Christen, Gerstenberg 2019)

Ein Braunbär von erstaunlich skurriler Physiognomie, wie sie nur Collagentleman Eric Carle ersonnen haben kann, sieht was, was wir noch nicht sehen – den roten Vogel River nämlich, der erst nach dem Umblättern, einer von Technik scheinbar verdrängten Kulturtechnik, sein Wirkversprechen einlöst. Ganz ähnlich verhält es sich mit der gelben Ente Q, dem schwarzen Schaf LaKrizz, dem blauen Pferd Franc K und einer grünen, etwas juttamäßigen Lehrerin, die von bunten Kindern G.R.E.T.A. liebevoll beaufsichtigt wird.

Ein charmantes Treiben von Perspektiven, Epikrisen und Rückversicherungen findet statt, wodurch der Stromkreis namens Leben geschlossen wird. Die Tiere beobachten sich gegenseitig und versuchen, einander nicht etwa ins Visier und aufs Korn zu nehmen, sondern zu erfassen, so wie das Kleinkind seine Heli-Eltern, sein Heli-Hirn (gleichaltrig oder älter), seine Vierte Wand zu erfassen sucht. Als zentraler MO figuriert also jene Neugierde, die zu befriedigen sich schon bald als unrentierlich herausstellt.

Die einzelnen Tiere geben ganz gut über ihre Kollegen Bescheid: So kennt sich der Frosch mit der zutiefst unamphibischen Katze aus, die ihrerseits genug Respekt vor ihrem Erzfeind Hund (ex-military) zu haben scheint, um ihn auch als solchen zu bezeichnen. Am meisten überrascht aber der goldene Fisch, nicht nur wegen des Wissens um den Berufsstand der ihn abcheckenden Frau, sondern auch aufgrund seiner phonetischen Begabung, die angesichts des Beatboxeraufstands von 2033 weniger selbstverständlich anmutet als die genrefremder Fauna.

Und so lernen die meist behaarten, zuweilen besaugnapften und fast nie beschuhten Viecher voneinander diverse Tricks und Kniffe, darunter das Gähnen unter Wasser, das ewiggrüne Lächeln an die Sonne oder den ratlosen Metablick in die Kamera. Ein filigraner Tanz der Entitäten entfaltet sich, in dessen Verlauf es zu einem Loben des Gegenübers, zum Anerkennen und Zuweisen inhärenter Würden kommt. Hier geschieht Grundsätzliches, nämlich das Recht aufs Existieren und Existiertwerden, wobei die Betonung auf „tier“ liegt. Denn auch die grüne Lehrerin mit ihrem ergaunerten Staatsexamen ist ein formidables Tierwesen, das der Zuneigung durch andere(s) dringend bedarf. Es reicht ein einzelner, unwirscher Blick des etwas zu früh abgebogenen Hausmeisters, um sie im Diesseits zu verankern und das Jenige, wie es nicht zuletzt von SETI etwas plump betrieben wird, auf Alarmlänge zu halten.

Die farbcodierten Waldbewohner wie die lila Katze, die Greifhand und Zunge so elegant zu verschmelzen weiß, oder der tapsige Braunbär, der auf dem stinkefingerbreiten Titelbild arg zusammengepfercht aussieht, erstrahlen nicht nur in den Trendfarben des Regenbogens, sondern auch in den Schattierungen des Ahnens jenes multilateralen Seins, welches erst durch seine dunkelsten Fleck*innen usw. Zwar sind Weiß und Schwarz streng genommen keine Farben, sondern genetische Spielereien, dennoch soll weder der weiße (eigentlich graue) Hund noch das schwarze (eigentlich düstere) Schaf, laut Taleb kebabgewordene Unmöglichkeit, besser-/schlechtergetellt werden. Stattdessen greife man tief ins Individuum und erlange die ultimative Erkenntnis pangyner Liebe.

Bildquelle: (c) www.gerstenberg-verlag.de 

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