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JOB-INTERVIEW MIT ENRICO KEYDEL

Ein Mann. Tausende Worte. Ein Verlag.
worthandel : verlag


DA
Inzwischen habe ich fast vier Jahre Lektoratserfahrung auf dem entsprechenden Buckel akkumuliert – falls Sie also einen Lektor/Kokrretor benötigen, der unbändige Lust an Kreativität, Sprache und Rechtschreibung, von der Kommasetzung gar nicht zu schweigen, hat …

EK
Ein gerüttelt Maß an Glasgurkenkenntnis vorausgesetzt, könnte ich behufs des poldernden Sprachvermögens einen Tusch auf Ihren Buckel pflanzen, mit welchem Sie geständig altern können. Meinen Sie, Sie könnten mit Ihren dünnen Kaffeebeinchen standhalten?

DA
Auf jeden Fall. Meine Sorgfalt und Zuverlässigkeit im Umgang mit Texten habe ich in den letzten Jahren vielfach unter Beweis gestellt, nicht zuletzt bei der Herstellungsleitung (Lektorat, Kokrretorat, Satz etc.) von Tom Stoppards Die Küste Utopias in der „Jussenhoven & Fischer Theaterreihe“. Darüber hinaus habe ich beispielsweise an einer Ausgabe von EPD Film mitgearbeitet, Pressemitteilungen und Artikel aus dem Bereich Gesundheitswesen und Technologie bei Steinhauer Kommunikation verfasst oder Online-Inhalte für den Bonner General-Anzeiger aufbereitet. Gute Englisch- und Russischkenntnisse anbei.

EK
Im breiten Strotzen Ihrer selbstbew-Husten! Schultern deklinieren wir anbei im sechsten Fall der letztgenannten Sprache die feine Wortschöpfung „Kokrretorat“, denn das duftet schon im Anlaut nach einem neuen Nusskonfekt. Welch Fauxpas, gerade dieses Wort, das sich im Sinne selbst impliziert! – Wobei ich Ihnen auch einige neue – nachreförmliche – Rechtschreibkorrekturen um die Ohren hauen würde. Die kommen mir nicht in den worthandel : verlag! Wenn Sie mir da entschieden widersprechen würden, schriee ich Ihnen hinterher: „Ach, Lektorat mich doch am Arsch!“ – Sie sollten noch einige weitere Praktika absolvieren und dann sehen wir uns in fünf Jahren wieder.

DA
In fünf Jahren? Gerne im Lektorat/Kokrretorat Ihres Verlages, wo ich mit unbändiger Lust an Kreativität, Sprache und Rechtschreibung, von der Kommasetzung gar nicht zu schweigen, beim Rauskitzeln von Potentialmaxima aus den Veröffentlichungen assistiere (sehr gerne in Teilzeit, da Familie).

EK
(Lacht lange laut.) Teilzeit, Herr Ableev? Entweder Sie entscheiden sich als Vollblutlektor, mit mir die dünne Buchstabensuppe jeden Mittag lauwarm auszulöffeln und Ihre ausgelatschtesten Pantoffeln unter Ihrem Schreibtisch zu platzieren. Zur Vesperzeit gibt’s dann Kaffee aus der Thermoskanne und belegte Brötchen vom Vortag – und nicht Sahnetorte mit den Kindern! Oder Sie können gleich als Hausmann die Heizungslamellen feucht durchfeudeln. Also: Immer verfügbar für mich und die Autoren. Wobei wir nun bei Ihren Vorlieben und Schwächen wären …

DA
Meine Schwächen? Persönliche, typischerweise mündlich geführte Bewerbungsgespräche. Technischer Prog. Surrealismus. Tibetische Momos. High-Concept-Zombiefilme.

EK
So dass die Uhr vom Stuhle tropft? Na, mit dem Programm meines Verlages haben Sie sich aber überhaupt nicht vertraut gemacht. (Schweigt länger, als gut wäre. So ein für beide Seiten peinliches Schweigen.)

DA
Hiermit bestätige ich, dass sämtliche meiner (Grund-)Kenntnisse in Adobe InDesign, Photoshop, Audition sowie HTML und CMS übers ZNS angesteuert werden.

EK
Damit wollen Sie sich jetzt aus der Affäre ziehen? – Diese Ihre  Kenntnisse setzte ich ohnehin stillschweigend voraus. Können Sie Druckvorstufenvorbereitung? (Blickt über die randlosen Gläser seiner Halbbrille und schweigt vorwurfs- und erwartungsvoll.) Wie weit würden Sie gehen, um ein Buchprojekt termingerecht veröffentlichen zu können?

DA
Wo ich mich in hundert Jahren sehe? Natürlich in einem privaten Geisterzug der Luxusklasse Tesla, ausgestattet mit chinesischer Pantryküche und Plasma-Sushibar, einem Gedankenlese-/Diktiergerät sowie Unsichtbarwerdung auf Pfropfdruck – und das Ganze zum ultravernünftigen Preis von einem Kindle Fire HD 10!

EK
Herr Ableev! Jetzt haben Sie mir ja gar nicht zugehört. Wo sind Sie nur mit Ihren Gedanken? Schon bei den Kindern? – Im Übrigen: Wenn Sie solcherlei Zukunftsvorstellungen hegen, sind Sie aber sowas von im falschen Beruf gelandet. Mit Literatur ist kein Geld zu verdienen… Jedoch: Immerhin glauben Sie wie ich auch an des Ewige Lesen – in 100 Jahren sind Sie schließlich 135!

DA
Sehr wahr. Die stets liebevolle, unter Einsatz von Prostaglandinchen ausgeführte Arbeit an Texten würde ich auch bei der hoffentlich baldigen Implementierung vom Bedingungslosen Grundeinkommen (im Folgenden kurz: „Bemm“) nicht niederlegen.

EK
Aha, den Kopf noch aus der Schlinge ziehen? Ich fand Sie jetzt nicht sehr überzeugend. Sie können vielleicht mal als Tourist nach Dresden kommen, um all die schönen Dostoprimetschatjelnosti, darunter den Salatoi Wsjatnik anzuschauen, aber mit einer Stelle im worthandel wird das wohl nix. Der Nächste bitteee!

DA
Ich danke Ihnen kurz, aber knackig für das Gespräch!


Bildquelle: www.worthandel.de

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