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Vor dem Richter

Von Dirk Schmoll.

Im Gerichtssaal herrscht gespannte Stille. Der Richter tritt mit den Beisitzern ein. Die Anwesenden erheben sich. Als alle Platz genommen haben, wendet sich der Richter an den Kläger:

„Ich muss zunächst Ihre Identität feststellen. Sie sind Herr Tilman Krause?“

„Ich erkläre kraft meines freien Willens, in vollem Bewusstsein meiner Verantwortung vor der Schöpfung und meinen Mitmenschen, insbesondere meinem Sohn, und beseelt vom festen Willen als Friedensstifter, dass ich mit Eigennamen Tilman heiße, Mann aus der Familie Krause mit dem Familiennamen Krause, frei als Mensch geboren am 13.August 1960 zu Berlin in der sogenannten DDR, Geburtsurkunde 780/1960 vom 20.August 1960, Standesamt Berlin-Pankow.“

Der Richter runzelt die Stirn. Sein Blick gleitet über den Rand seiner Brille und versenkt sich in die Gesichtszüge des Mannes. Zum Lachen ist diesem nicht zumute, wie er da sitzt mit zitternder Unterlippe und angstverzerrter Miene. Spaßvögel sehen anders aus.

Tilman Krause reicht“, bemerkt der Richter.

„Tilman Krause ist tot. Als natürliche Person wurde er liquidiert. Capitis deminutio maxima nannte man das im Römischen Recht, das heißt bürgerlicher Tod. Zu einem Sklaven ohne Ketten hat man mich gemacht, zu einer Sache ohne Rechte und Pflichten.“
„Was reden Sie?“, ruft der Richter streng. Zweifelnd schaut er zu den Beisitzern herüber. Er schiebt die Brille über dem Nasenrücken nach oben. „Kommen wir endlich zur Sache!“

„Ich bin ganz bei der Sache! Sie und Ihr Staat sind es, die aus mir eine juristische Person gemacht haben, ein Rechtssubjekt also, das kein Mensch ist. Eine juristische Person, die keine Personengesellschaft ist, ist eine Stiftung, also eine Vermögensmasse und damit eine unbeseelte Sache. Und ich mit dem Eigennamen Tilman, Mann aus der Familie Krause mit dem Familiennamen Krause, erkläre, dass ich nicht das Organ der juristischen Person Krause, Tilman, bin, das zur Vertuschung des bürgerlichen Todes artifiziell als rechtsfehlerhaftes Kunstgebilde erschaffen wurde.“

Der Richter wendet sich den Personen auf der anderen Seite zu.

„Anwesend ist auch Frau Dorothea Krause.“ Es genügt ihm, dass die Dame ihre Identität durch ein Nicken bestätigt. „Es geht hier um das Sorgerecht der getrennt lebenden Eltern Tilman und Dorothea Krause für den gemeinsamen, zehnjährigen Sohn Alexander.“ Er schlägt eine dicke Akte auf.

Herr Krause springt auf. „Herr Richter, ich als Rechtssubjekt durch Gebrauch meiner Vertretungsmacht und Geschäftsfähigkeit erkläre hiermit, dass ich als fortbestehende natürliche Person im Sinne des staatlichen BGB keiner etwaig behaupteten juristischen Person Krause, Tilman wissentlich Vertretungsmacht erteilt habe noch erteile! Dessen Personenstand verändert zu haben stellt eine unrechtmäßige Handlung von Nichtberechtigten dar, um die in Latenz fortbestehende natürliche Person mit dem Eigennamen Tilman, Mann aus der Familie Krause mit dem Familiennamen Krause, zu täuschen und um sie – gegen jegliches Recht und Gesetz – zur Akzeptanz dieser Scheinrechtshandlung zu nötigen, zu erpressen und zu konditionieren.“

Er schaut zu seiner Noch-Ehefrau hinüber, die seinem Blick sofort ausweicht.

„Warum haben Sie keinen Rechtsbeistand?“, fragt der Richter streng.

„Den brauche ich nicht. In Gebrauch meiner latenten Rechtsfähigkeit habe ich mich mit dieser Erklärung durch Selbstermächtigung soeben selbst wieder in all meine Rechte als natürliche Person nach Paragraph 1 BGB eingesetzt.“

„Wenn Sie weiterhin nicht zur Sache reden und den Fortgang der Verhandlung durch unverständliche Reden stören, muss ich Sie entfernen lassen.“

„Habe ich es nicht gesagt! Sie wollen mich als freien Bürger liquidieren, doch ich warne Sie: Wenn ich durch den Verlust der Civität nur noch den Status einer Sache innehabe, gilt das auch für Alexander, denn das Kind einer Sache kann auch nur eine Sache sein. Tun Sie das dem unschuldigen Kind nicht an!“

„Herr Krause, ich werde Sie psychiatrisch untersuchen lassen!“

Herr Krause applaudiert. „Ja, so macht man das hier in diesem Vereinigten Wirtschaftsgebiet!“, erwidert er höhnisch. „Durch einen Psychiater lässt man legitimieren, dass die Verwaltungsorganisation der alliierten Siegermächte der staatssimulativen sogenannten Bundesrepublik in Deutschland lediglich die artifizielle juristische Person Krause, Tilman ausgewiesen hat, also ein aus sich heraus nicht rechtsfähiges Objekt, das zur Rechtsfähigkeit der natürlichen Person mit dem Eigennamen Tilman, Mann aus der Familie Krause mit dem Familiennamen Krause, als Organ bedürfte.“

Es entsteht Unruhe im Saal.

„Saalaufsicht, den Kläger bitte abführen!“, befiehlt der Richter.

„Halt!“, ruft Herr Krause, immer noch stehend. „Sie haben mich nicht verstanden! Ich wiederhole: Der, der hier vor Ihnen steht, ist eben nicht das Organ der juristischen Person Krause, Tilman, die von der Verwaltung des Vereinigten Wirtschaftsgebietes im Auftrag der Besatzungsmächte als Kunstgebilde erschaffen wurde, um den bürgerlichen Tod zu camouflieren!“

Zwei Wachleute stellen sich rechts und links neben ihm auf. Man hört das Klacken von Handschellen. Gegen den Druck des Wachpersonals ankämpfend brüllt er:

„Durch die Handlungsunfähigkeit des Staates und die Versklavung seiner gleichfalls handlungsunfähig gewordenen Rechtssubjekte sind auch die Gerichte nur organlose Gebilde, und auch Sie, Herr Richter, sind nur eine juristische, artifizielle Person, ein unbeseeltes Objekt, das somit nur über andere organlose, juristische Personen urteilen kann und darf, nicht also über mich!“

Erhobenen Hauptes lässt er sich aus dem Saal führen.

Bildquelle: (c) DA

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