Novelle

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Angkor

Von Tobias Reußwig.

Das Tagebuch nimmt kein Ende. Es wächst und verbiegt sich, wechselt die Form, schnappt auf und zu im flackernden Zeitraffer und findet sich, wieder und wieder, in einem paar Hände, das schrumpelig von Bädern ist und saubergeschrubbt, pink wie Kinderhaut, gegerbt von harter Arbeit, eingefallen und geschrumpft von hohem Alter. Es ist ein Wechselbalg, eine amorphe Masse, biegsam einem Willen, der sich in krakeliger Kinderschrift oder den zittrigen, spinnenbeinartigen Hieroglyphen des Greises äußert. Das Tagebuch ist ein Speicher, über der Turnhalle einer Schule gelegen, wo sich Aktenabfall, alte Sportgeräte und Matten, Militärjacken und ausgestopfte Tiere stapeln, ein toter Ort, unbenutzt, mit verlorenem Schlüssel. Das Tagebuch ist ein Ghul; tot, von lederner Haut umschlossen und verdammt, auf ewig zu hungern.

Tag 8637:

Ankunft. Mein persönliches Angkor. Die Expedition ist geschrumpft, ich bin übrig. Die Straßen sind gewaltig und beengend zugleich. Die Wände und der Boden aus Quadern, drei mal drei mal drei Metern, in den Spalten zwischen ihnen Moos, Gräser, fahle Pilze. Keine Schlagbäume am Eingang, keine Wach- oder Zollhäuser, nur eine knöchelhohe Mauer aus gebrannten Ziegeln, bräunlich und vom ständigen Regen verwittert, und dann die Ruinen, unzweifelhaft von anderer Hand als ihre symbolische Abgrenzung. Die Türbögen der Häuser variieren in ihrer Höhe zwischen einem und drei Metern. Es gibt Fenster in den Mauern, die Mauern gehen ineinander über, formen ein solides, festungsartiges Ganzes. Keine Gärten, keine Erde, nicht vor oder hinter ihnen, nur Steine. Heute bin ich müde. Ich werde schlafen, morgen in die inneren Bezirke vorstoßen. Wie vor langer Zeit wohnt jemand wieder in den Außenbezirken. Das hier könnte ein Gasthaus gewesen sein, der Kamin hält das Feuer.

Tag 8638:

Zuerst halte ich es für einen Marktplatz. Ich erreiche eine weite, offene Fläche, von der mehrere Straßen fächerförmig abgehen. Der Boden ist bedeckt von Sand und überraschend frei von Vegetation. Ich denke an Wagenrennen, es fehlen jedoch Zuschauerplätze. Sieben Obelisken stehen im Zentrum von einander überschneidenden Kreisen. Sind es Wegmarkierungen für eine kurvenreiche Strecke? Ist es eine uralte Arena, hat das Blut der Erbauer den Boden dieses Orts unfruchtbar gemacht? Ich nähere mich den Obelisken. In jedem einzelnen sind zwei eiserne Ringe, korrodiert vom ständigen Regen, eingelassen. Die Höhe variiert, ganz wie die Türen der Wohnhäuser. Vielleicht wurden hier Bestrafungen ausgeführt, keine Wettkämpfe. Vielleicht waren die Bestrafungen die Wettkämpfe. Der Regen fällt, wie seit Tagen, in dünnen Fäden vertikal vom verhangenen Himmel. Ich überlege, den Platz zu verlassen, und in das Gasthaus zurückzukehren. Etwas bewegt sich in meinem Augenwinkel, in Richtung dessen, was ich für das Stadtzentrum halte, an dem Ende des Platzes, von dem nur ein einziger Weg abführt. Ich setze mich in Bewegung. Vielleicht gibt es doch Tiere an diesem Ort. Verwilderte Hunde oder Katzen, Fledermäuse, etwas, das man essen könnte.

Tag 8641:

Seit drei Tagen habe ich mein Quartier im Waisenhaus nicht verlassen. Die Angst, von langgliedrigen Händen, mit einer Haut wie schwarzes Leder, aus Spalten oder von unter meinem Bett aus gepackt zu werden, ist inzwischen fast völlig verschwunden. Kratzer an den Wänden, nicht weiter als bis zu meiner Brust reichend, jeweils in Reihen von vier, lassen mich schlussfolgern, dass ich ein Waisenhaus gefunden hatte. Nachts trocknen meine Kleider von den Exkursionen des Tages. Hier, ca. eine Stunde Fußmarsch vom Obeliskenplatz entfernt, ist der Aufbau der Stadt ein anderer. Es gibt Gärten oder Parkanlagen, die Straßenzüge sind verwinkelt, es gibt Treppen und Wendeltreppen, die die verschiedenen Bebauungsniveaus miteinander verbinden, und der Stadtrand, auch hier umzogen von der knöchelhohen, verwitterten Ziegelmauer, ist niemals weit. Die Gärten sind überwuchert von den Pilzen, die auch zwischen den Steinplatten wachsen, und in dem Licht, das seinen Weg unter ihre breiten, fleischigen Kappen findet, recken sich schmale Gräser in die Höhe. Die Straßen scheinen natürlich gewachsen, sie winden sich wie Efeuranken um die größeren und kleineren Gebäude, von denen die meisten dekorativen, kultischen Aufgaben zu dienen scheinen. Ich entwickle ein Gefühl für diesen Ort; das blinde Stolpern von vor zwei Tagen ist schnell zu einem gedankenlosen Finden geworden. Fast schlafwandlerisch bewege ich mich durch die Gassen, und die gesuchten Antworten, das Verstehen diesen Orts, tun sich mehr und mehr auf. Ein Geräusch fallender Würfel, ein Rattern von kleinen Knochen, das ich mir noch nicht erklären kann. Aber auch das, mit der Zeit.

Tag 8642:

Ich glaube nicht, dass sie sich vor mir verstecken. Warum sollten sie sich vor mir verstecken? Ich bin zahnlos und schwach wie ein Kind.

Tag 8643:

Ich habe ein Spiel in einem der Hinterhöfe gefunden. Ich kenne die Bewegungen von allen Steinen, außer einem. Ich muss es früher gespielt haben, denn ich weiß, wie könnte ich es schlussfolgern, dass dieser Stein älteren Spielern vorbehalten ist. Etwas in mir sehnt sich danach, die auf dem Brett begonnene Partie beenden zu können, aber selbst wenn ich jeden Stein ziehen könnte, hätte ich keinen Gegner, niemanden, der meine Züge erwidern könnte.

Tag 8648:

Sie sind wie Fische.

Tag 8653:

Drei von ihnen stehen auf der Bühne des Amphitheaters. Ich steige die Stufen hinunter, um besser zu sehen. Einer steht, die Hand vor sein Gesicht gehoben, einer sitzt auf einem Felsblock, in Denkerpose, ein dritter steht unbeteiligt und etwas abseits, sein mundloses Gesicht der Treppe zugewandt, seine Augen, wenn es Augen sind, sehen mich, aber er bewegt seinen Kopf nicht, als ich das Ende der Treppe erreiche. Ich blicke an ihm hinauf, wenige Schritte trennen uns. Würde ich meine Arme emporstrecken, ich reichte bloß an seine spindeldürre Brust. Der Denker bewegt sich, dreht seinen Kopf sehr langsam zur Seite, streckt ein Bein, der Fuß gleitet lautlos über Kies. Er hat sich dem Leser, der dritten Gestalt, zugewandt; denn ich habe jetzt erkannt, dass ich die Haltung seiner Hand kenne, die Finger leicht gespreizt und der Daumen zentral zwischen ihnen, als würde er ein Buch, das nicht da ist, offen halten. Der Denker spricht, macht ein Geräusch, nicht wie Nägel auf einer Schiefertafel, sondern wie das Gefühl von Samt, der unter den Fingernagel geraten ist. Der Leser antwortet.

Tag 8661:

„Warum” ist schon seit langer Zeit bedeutungslos. Wenn ich esse, esse ich, wenn ich schlafe, schlafe ich. Beides sind Hypothesen. Meine Haut ist durchweicht von dem Regen, ich fühle mich durchlässig, formbar. Sie haben mich in meiner Bleibe besucht. Langliedrige Hände, mit einer Haut wie schwarzes Leder, haben mich – nicht gepackt, berührt, lagen auf meiner Stirn, testeten meine Elastizität. Ich kann laufen, gehen, springen, spielen. Aber es spielt keiner mit mir, springt keiner, geht keiner. Aber das ist hier so, nicht wahr, so war es auch früher, nicht? Jemand kommt. Jemand anderes als sie, und ich verstecke mich. Das Rätsel ist noch nicht gelöst.

Tag 8706:

Ich bin keiner von ihnen, ich bin von ihnen. Im Spiel war ich mein eigener Gegner und weiß jetzt, wie die letzte Figur bewegt wird. Es ist ein kühne Bewegung, so kühn wie der Regen, wie eine Stadt, die sich selbst foltert, um erwachsen zu werden. Ich werde nicht alt werden in diesem Waisenhaus, denn dafür ist es nicht gemacht. Aber für die Tinte genügte es, für diese Kapitel, diese Elastizität, der Feder zu folgen und doch hinreichende Spuren zu hinterlassen, damit ich mich verstehen konnte.

Tag 8729:

Ich trete über die knöchelhohe Mauer. Die letzte Figur ist frei, ungebunden vom Spielfeld, eingeritzt in den Boden der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Man hat nach mir gesucht, dem großen Entdecker, dem großen Unbekannten. Ein Unglücksrabe, das Omen, das seine Expedition zerstört hat. Von nun an würde ich etwas anderes arbeiten müssen.

Bildquelle: (c) DA

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