Novelle

Headquarters for Experimentalism

Auf der ISS-M

Von Josefine Bhuiya.

„Meine Damen, verehrte Herren, liebe Freunde, – ich habe die Ehre, Ihnen eine freudige Nachricht zu verkünden! –“, Henry Ball hielt für einen Augenblick den Atem an, wohl um die Spannung weiter zu erhöhen, um die ganze, 100%ige Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das allgemeine Gemurmel verstummte, die letzten Arbeiten am PC wurden abgespeichert. „Ab heute steuern wir dem Erfolg unseres Vorhabens entgegen. Nach unseren monatelangen Irrflug durch die unendlichen Sphären des Alls konnten wir endlich ein Planetensystem ausfindig machen, auf dem Leben vorhanden ist. – Definitiv! – Ein Planetensystem, bestehend aus einem kleinen Planeten, zwei Sonnen und drei Monden. Das ganze System dreht sich um seine eigene Achse, und beschreibt dabei eine relativ kreisförmige Ellipse, während sich die drei Monde und der Planet um sich selbst drehen. Die beiden Sonnen bleiben relativ ruhig. – Lange Rede kurzer Sinn, wir werden auf einem Planeten landen, dessen Tageszeit wesentlich kürzer ist als die, die wir von unserer Erde her gewohnt sind.“ Mr. Ball griff nach seinem Glas Wasser und trank einen kräftigen Schluck. Wir applaudierten. – Ein Mitarbeiter aus der Planung meldete sich zu Wort: „Mr. Ball, konnte denn die ungefähre Größe des Planeten ermittelt werden?“ „Ja, natürlich, der Durchmesser des Planeten ist ungefähr halb so groß als der unserer Erde“, antwortete Richard aus der Rechnungsabteilung. Mr. Ball nickte Richard dankend zu.

Ich hatte alles mitgeschrieben und stand nun vor dem Problem, dass ich nicht wusste, wie ich diesen Planeten benennen sollte. „Ich habe noch eine Frage, Mr. Ball“, meldete ich mich. Mr. Ball, unser Führer, sah mich stirnrunzelnd aber doch auffordernd an. „Ja, bitte, wie ist Ihr Name?“ „Mein Name ist Mary-Rose“, antwortete ich, und fuhr fort „Mr. Ball, hat dieser Planet einen Namen oder eine Bezeichnung?“

„Tja, Mary-Rose, natürlich trägt der Planet keinen Namen wie unsere Erde. Wir haben ihn ja auch erst vor kurzem entdeckt. Aber nach unseren bisher erstellten Karten wird er die Bezeichnung K239 tragen.“ Ich lächelte ihn dankend an. „K 239“ wiederholte ich.

Eine andere Frau meldete sich zu Wort: „Mein Name ist Charlotte. Mr. Ball, wissen Sie, ob der Planet bewohnt ist?“

„Ja, Charlotte, wir werden mit Lebewesen irgendwelcher Art rechnen müssen. Genaueres kann ich Ihnen erst nach unserer geglückten Landung und nachdem wir die ersten Luft und Bodenproben ausgewertet haben, sagen können. – Aber nun, liebe Mitreisende, bitte suchen Sie Ihren gesicherten Stuhl auf und bereiten Sie sich bitte auf die bevorstehende Landung vor“.

Seit wir unsere Erde verlassen hatten, war unser Führer, Mr. Ball, nicht so freundlich und fröhlich wie gerade eben gewesen. Es musste also wirklich was an dieser Entdeckung dran sein.

Wir

Am 28. April 2078 bestiegen wir unser riesiges, dreistöckiges Raumschiff und verließen unsere Weltraum-Base, die ISS. Wir waren vierzig Männer und vierzig Frauen, außer Mr. und Mrs. Ball, sowie Mr. und Mrs. Rockefeller, waren alle Single. Unser Auftrag war, die menschliche Erbsubstanz zu retten.

Wissenschaftler hatten berechnet, dass unsere Erde nur noch vier bis fünf Jahre existieren würde. Sie meinten, dass es voraussichtlich in drei bis vier Jahren zu massiven Umweltkatastrophen kommen würde, die alles bis dahin gekannte verblassen lassen würden. Durch diese Katastrophen würden die gesamten atomar betriebenen Energieproduktionsanlagen aus dem Ruder laufen. Dadurch würde die Erdatmosphäre gefährlich überhitzt, was im schlimmsten Fall zu ihrem unausweichlichen Untergang führen würde.

Aus diesem Grund hatte die amtierende Weltregierung beschlossen, ein Raumschiff für mindestens achtzig Menschen zu bauen, mit dem eine ausgewählte Gruppe von Menschen in den unentdeckten, unbegrenzten Orbit reisen konnte, um einen bewohnbaren Planeten zu finden. „Ihre wichtigste Aufgabe ist, unser Erbgut in Sicherheit zu bringen“, so lautete die Anweisung.

Lange Zeit wurde still und heimlich an einem riesigen Raumschiff gebaut, das an der ISS angedockt war und ISS-M genannt wurde.

Das Erbgut der gesamten westlichen Bevölkerung wurde untersucht. Bei den Frauen konzentrierte man sich auf die Altersgruppe zwischen 24 und 26 Jahre und bei den Männern zwischen 28 und 32 Jahre. Unter all den Untersuchten wurden die sechsundsiebzig gesündesten und fittesten ausgewählt. Konkret waren das 38 Frauen, von denen ich eine war, und 38 Männer.

Wir mussten unser bisheriges Leben aufgeben und unterstanden von nun an der NASA. Wir durchliefen ein absolut anstrengendes Fitnessprogramm, wurden einem abnormen Stresstest unterzogen, mussten unzählbare Untersuchungen über uns ergehen lassen und mussten hormonell und organisch ohne jegliche Probleme gebär- bzw. zeugungsfähig sein. Zum Abschluss wurden wir offiziell zu einem Orbitflug eingeladen, um noch weitere Tests im Weltraum durchzuführen. Wir mussten uns am Frankfurter Flughafen einfinden und bestiegen einen Orbital-Gleiter, der uns zu ISS brachte. Dort stiegen wir in unser Raumschiff, die ISS-M um. Von nun an hatten wir wirklich keine private Zeit mehr, rund um die Uhr wurden wir überwacht und zentral gesteuert.

Wir waren alle Single, kerngesund, fit und fortpflanzungsfähig und zurzeit auf keinen Fall schwanger. Während des Flugs galt für alle Reisenden strengste Enthaltsamkeit. Zuwiderhandlungen wurden nicht geduldet.

In regelmäßigen Zeitabständen hielt Mr. Ball eine Rede, in der er unsere Geduld beschwor und uns mentale auf das vor uns Liegende vorbereitete. Dabei betonte er stets, dass es auf uns ankäme um noch zu retten was zu wäre. Und dass das zu Rettende, das Wertvollste wäre, das unsere Erde je hervorgebracht hätte, unsere DNS, unsere Erbinformation! Und diese galt es irgendwo im All, auf einem anderen Planeten, sozusagen zu pflanzen und zu vermehren. Mit Sicherheit waren wir die überzeugtesten Träger der menschlichen Erbinformation im gesamten All.

Zur gleichen Zeit wurde auf der Erde die traurige Nachricht verbreitet, dass unser Shuttle durch eine Kollision mit Weltraumschrott beschädigt worden sei und beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre explodiert wäre.

Diese Tatsache erfuhren wir aber erst einige Tage später, als sich die abenteuerliche Aufregung legte und wir von einer sich ausbreitenden sentimentalen Gefühlswelle von Heimweh und Sehnsucht bedroht wurden.

ISS-M

Unsere ISS-M war ein dreistöckiges Raumschiff. Als wir es das erste Mal sahen, erschien es uns unvorstellbar riesig. Es hatte einen Umfang von über neunzig Meter. Sein Durchmesser betrug an der breitesten Stelle ungefähr fünfzig Meter. Die größte freie Fläche war ungefähr 900 m² groß. Diese Fläche befand sich im unteren Stockwerk. Insgesamt hatte es drei begehbare Stockwerke und einen „Keller“ in dem sich der Antrieb befand.

Jeder unserer sechsundsiebzig Leute hatte eine eigene Koje im äußeren Rand des 1. Stocks. Diese Kojen waren zwei Meter breit und zweieinhalb Meter lang. An der Stirnseite befand sich eine bequem wirkende Sitzbank, an die sich eine lange, auf Hundertzwanzig Zentimeter verjüngende breite Liegefläche anschloss. Unter dieser war ein langer flacher Korb angebracht, in dem wir unsere Kleidung zum Wechseln aufbewahren konnten. Mehr privaten Stauraum stand uns nicht zur Verfügung. Die Kojen hatten eine Falttür, somit konnte man sich zumindest ein klein wenig unbeobachtet fühlen.

In der Mitte des gesamten Shuttles verlief eine zentrale Röhre von zwei Meter Durchmesser, die einerseits die verschiedenen Stockwerke stabilisierte und andererseits die dazugehörenden digitalen Arbeitsplätze miteinander verband.

Sowohl um die zentrale Röhre, als auch direkt vor den Kojentüren führte jeweils ein vier Meter breiter Gang. Dazwischen befanden sich unsere Arbeitsplätze, in Reihen versetzt. Jeder hatte ungefähr zehn Quadratmeter zur Verfügung.

Die Kommandozentrale des Raumschiffs befand sich im dritten Stockwerk, am oberen Ende der zentralen Röhre. Dort waren auch die Kojen der Ehepaare Rockefeller und Ball. Außerdem gab es dort auch einen kleineren Konferenzraum für Besprechungen mit bis zu zwanzig Teilnehmern.

Im unteren Stockwerk befanden sich die Bäder und der Fitnessbereich, in den jeder individuell gerufen wurde. Dort konnte man auf Laufbänder joggen oder einen ausgiebigen Spaziergang unternehmen. Fünf Laufbänder standen frontal zu einer digitalen Großleinwand und während wir joggten oder wanderten konnten wir uns vorstellen, dass wir uns quasi mitten in der freien Natur befänden. Oder wir konnten uns auf einer anderen Großleinwand inmitten einer gutgelaunten, uns zum Mitmachen animierenden Gymnastik-Gruppe wiederfinden.

Immer nach den Sportaktivitäten sollten wir uns kurz duschen und pflegen, um danach wieder fit in den Arbeitsbereich zu gehen und dort weiter am PC zu arbeiten. So funktionierte es auch mit der täglich einmaligen Nahrungsaufnahme in Form von hochkalorischen und mit Vitaminen angereicherten Kraftdrinks. Richtiges Essen gab es nicht.

Vom unteren Stockwerk aus gelangte man in den Energie- und Versorgungstrakt und zu den Brennstoffzellen. Außerdem befanden sich dort auch die ausfahrbaren Falttreppen.

K 239

Der K 239 war ein kleiner Planet. Sein Durchmesser war ungefähr halb so groß als der unserer Erde und sein Volumen entsprach etwa einem Achtel des Erdvolumens. Der K 239 verfügte natürlich über eine Atmosphäre und über Süßwasser. Da er drei gleichberechtigte Monde besaß, war das Wasser gleichmäßig auf seiner Oberfläche verteilt. Man konnte sein Wasservorkommen etwa mit einem gepunkteten Ball vergleichen, der auf seiner Oberfläche nahezu regelmäßig größere oder kleinere runde Punkte hat. Insgesamt bestand der K 239 aus eher langgezogenen Ebenen und kreisförmige, größere oder kleinere Tümpel. Es gab weder hohe Erhebungen, noch tiefe Gräben.

Wegen seiner geringen Größe und seiner zwei Sonnen hatte der K 239 eine sehr kurze Tageszeit von sechs Stunden, drei Stunden Tag und drei Stunden Nacht, Nacht bedeutete absolute Finsternis. Die Dämmerung war jeweils sehr kurz.

Die Flora auf dem K239 war auf drei Pflanzen beschränkt. Der Boden war von einer sehr kurzblättrigen Grasart überzogen. Meist entlang den Ufern der Tümpel waren schlanke, hohe bambusähnliche Palmen zu finden, deren Kronen an Tannenbäume erinnerten. Im seichten Wasser der Tümpel wuchsen breitblättrige kürbisähnliche Pflanzen, deren Blattstiele sich kugelig verbreiterten. Diese Stiele waren das einzig Essbare auf dem K 239. Sie hatten einen leicht süßen Geschmack. Vom Biss her erinnerten sie an Bananen oder gekochten Salatkartoffeln. Alle Pflanzen vermehrten sich unterirdisch, durch Wurzelbildung. Andere Pflanzen oder gar Tiere oder Insekten gab es keine. Deshalb herrschte auf dem K 239 stets absolute Ruhe. Es pfiff weder ein Vogel, noch zirpte eine einzelne Grille. Und vor allem diese Ruhe war sehr fremd für uns verwöhnte Erdenmenschen.

Jahreszeiten gab es keine. Auf dem K 239 erlebten wir weder die Farben und Düfte des Frühlings, noch sahen wir einen braun-rot verfärbten Baum oder Strauch des Herbstes.

Die Temperaturen waren gleichbleibend angenehm, nachts kühlte es ein bisschen ab. Es wehte immer ein leichter Wind. Trotzdem war uns in unserer spärlichen Bekleidung nicht kalt. Wir bedeckten unser Gesäß und Schambereich jeweils mit einem großen Blatt, die wir mit einem entblätterten Tannenwedel, den wir um unseren Leib banden, befestigten. Feuer oder künstliches Licht gab es keines auf dem K 239. Die kurzen Phasen der Dunkelheit gingen schnell vorbei.

Die Bewohner des K 239

Auf dem K 239 lebten zwergähnliche Wesen. Es gab Männer, Frauen und ein paar Kinder. Die Körper der Erwachsenen waren komplett mit struppig krausem Haar bedeckt. Bei den Kindern dagegen war die Behaarung noch flauschig. Eine andere Alterung war bei ihnen nicht erkennbar. Ein Sterberitual, Trauer oder ein Begräbnis hatte ich in all den Tagen, die ich auf dem K 239 zugebracht hatte, nicht kennengelernt.

Die K 239’ler hielten sich vor allem in Gruppen auf. Einzelne Wesen waren selten zu sehen. Bei Sonnenuntergang trafen sich mehrere Gruppen auf größeren, trockenen Grünflächen und legten sich zum Schlafen. Bei Sonnenaufgang standen sie auf und fuhren mit ihrer Tätigkeit, meist Nahrungsaufnahme, fort und trotteten zu zweit oder dritt von Dannen.

Im Allgemeinen bekamen wir wenig Einblick in ihr alltägliches Leben. Auch sie ließen uns in Ruhe, hin und wieder beäugten wir uns gegenseitig. Bis auf wenige Ausnahmen fanden zwischen den Urbewohnern und uns keine Gespräche statt.

Es schien als wären alle Urbewohner gleichberechtigt. Sie hatten einen Chef oder vielleicht besser gesagt, einen Sprecher. Sie benötigten immer geraume Zeit, bevor sie uns einen Beschluss mitteilten. So seltsam es auch klingen mag, aber die Tatsache, dass alle K 239’ler unsere Sprache sprachen, ist uns allen erst nach unserer vierten Unterredung aufgefallen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich diesen Umstand wohl für selbstverständlich hingenommen.

Unser Leben auf dem K 239

Erst einige 3-Stunden-Tage nach unserer Ankunft wurden wir vom K 239 Sprecher begrüßt. Er stellte sich als Sprecher vor und fragte, ob es auch so etwas bei uns gäbe.

Mr. Ball stellte sich als unser Führer vor und Mr. Rockefeller als dessen Vertreter. Diese „Vertreter Tatsache“ verwirrte den K 239 Sprecher erheblich, was ich erst im Nachhinein verstand. Denn was sollte dieser Vertreter denn tun? Wenn der Sprecher aus unvorstellbaren Gründen verhindert sein sollte, so bestimmte man eben einen anderen.

Der Sprecher zeigte uns, was wir selbst bisher festgestellt hatten. Er zeigte uns die drei verschiedenen Pflanzen und beglückwünschte uns zu unserem Zufallstreffer, den K 239 gefunden zu haben.

Unser Führer fragte nach Bauholz oder Begrenzungsmaterial. Der K 239 Sprecher konnte diese Frage nicht verstehen.

Zu guter Letzt zeigte uns der Sprecher ein großes Gebiet mit vielen schönen „Bambustannen“ und meinte, dass wir mit diesen anstellen dürften, was immer wir wollten. Falls wir noch weitere Wünsche oder Fragen hätten, sollten wir nach ihm rufen. Er wäre der K eins.

Wir waren glücklich. Vor Freude fielen wir uns in die Arme, klatschten, tanzten, jubelten. Erst als es nach einer Stunde dämmerte, setzten wir uns nieder und Mr. Ball erklärte uns, wo und wie wir unsere „Hausskelette“ bauen sollten. Als die Nacht hereingebrochen war, lagen wir bereits an den Stellen, wo unsere Häuser stehen sollten und versuchten zu schlafen.

Als es drei Stunden später dämmerte wurden wir von unserem Führer geweckt. Wir sollten uns in vier Gruppen zu je zwanzig Personen aufteilen. In jeder Gruppe war einer der Führungsebene der Anleiter, also Mr. und Mrs. Ball und Mr. und Mrs. Rockefeller. Unsere Gruppe unterstand Mr. Ball.

Wir versuchten durch unsere einfache Manneskraft die Bambustannen abzubrechen, aus der Erde zu ziehen, oder sonst wie über sie Herr zu werden. Aber alles misslang. Am Ende vom dritten drei-Stunden-Tag mussten wir uns geschlagen geben. Wir begannen zu begreifen, warum unser Anliegen nach verfügbarem Bauholz oder Begrenzungsmaterial für den Sprecher K eins nicht nachvollziehbar war.

Unser Führer, Mr. Ball musste sich geschlagen geben. Er teilte uns in eine Frauen und eine Männer Gruppe. Dann Schritt er deren jeweiliges Haus ab und forderte uns auf, ihm beim Abschreiten zu folgen, damit die getrampelten „Hausmauern“ sichtbar wurden. Die beiden „Häuser“ lagen weit auseinander.

Deren gegenüber legte er das „Führer-Haus“ fest, in dem er mit seiner Frau und Mr. und Mrs. Rockefeller wohnten. Etwas seitlich davon, nicht allzu weit entfernt befand sich das „Kinderhaus“, das derzeit natürlich noch unbewohnt war. Zwischen „Kinderhaus“ und „Frauenhaus“ wurde das „Entbindungs- und Wochenhaus“ festgelegt. Nicht weit hinter dem „Entbindungs- und Wochenhaus befand sich ein Wassertümpel, der nur von den dort verweilenden Frauen besucht werden durfte. Alle andern mussten zum Waschen und für die Toilette weiter entfernte Tümpel aufsuchen.

Wir benötigten ganze fünf drei-Stunden-Tage, bis wir endlich alle „Hausmauern“ deutlich sichtbar in die K 239 Erde getrampelt hatten. Danach sollte sich jeder seinen Schlafplatz in seinem zugewiesenen „Haus“ einrichten. Wir versuchten, die uns zur Verfügung stehenden Fläche, so gerecht wie möglich aufzuteilen und uns den jeweiligen Schlafplatz zu merken. Wir Frauen teilten unseren Boden in vier gleichgroße Teile, in denen jeweils neun Frauen ihren Platz finden mussten. Mein Schlafplatz war der Länge nach an der hinteren „Hauswand“. Die Männer legten sich in vier Reihen mit jeweils neun Personen. Sie legten sich entweder Fuß an Fuß, oder Kopf an Kopf. Außerdem wurde für jeden Schlafplatz eine Nummer vergeben. Die Nummern im Frauenhaus begannen mit F, also F-1 bis F-38 und die Nummern im Männerhaus lauteten M-1 bis M-38.

Am sechsten Tag sollten wir uns ausgiebig waschen, und mit frischen „Bekleidungsblätter“ versorgen, damit wir für den siebten Tag frisch und sauber herausgeputzt waren. Denn von nun an sollte dieser „siebte drei-Stunden-Tag“ und jeder weitere siebte drei-Stunden-Tag ganz besondere Tage sein.

Das Ehepaar Rockefeller und Ball stellten sich vor das „Führer Haus“ und begannen durch rhythmisches Klatschen, Musik in die Stille des K 239 zu zaubern. Wir sollten in Stimmung kommen, miteinander tanzen, scherzen, spaßhaben und den Beischlaf vollziehen. Dabei war es völlig egal, mit wem wir zusammen waren.

Von nun an fand an jedem siebten K 239 Tag diese gemeinsame Beischlaf-Party statt. Immer auf dieselbe Art und Weise, aber immer mit anderen Partnern. Keiner der Männer sollte später Vaterschaftsgefühle entwickeln oder entsprechende Ansprüche geltend machen können.

Alltag auf dem K 239

Diese drei-Stunden-Tage waren für jeden von uns sehr, sehr anstrengend. Drei Stunden, was waren schon drei Stunden nach irdischer Zeitmessung? – Morgens suchten wir unseren sauberen Tümpel auf und erfrischten uns Gesicht und Hände. Danach suchten sich die meisten einen dicken Melonenstiel. Wir setzten uns in die Mitte unseres „Dorfplatzes“ und aßen. Danach wuschen wir uns wieder. Das alles dauerte mindestens eine Stunde.

Ich fühlte mich oft wie in einem Dauerschlaf. Jedenfalls war ich immer müde und das Denken oder Konzentrieren fiel mir schwer. Die meiste Zeit hielt ich mich innerhalb unseres „Dorfes“ auf, obwohl ich das nicht musste, denn eigentlich hatten wir viel Zeit für uns selbst.

Wenn nichts Gemeinschaftliches, vom Führer Befohlenes, auf der Tagesordnung stand, hatten wir den Tag zur freien Verfügung. Wir konnten spazieren gehen, den K 239 erkunden, die K-Bewohner beobachten. Jeden Abend nach einem K-Tag, kurz bevor wir uns in unserem Haus zur Ruhe legten, versammelten wir uns auf unseren Dorfplatz und zählten uns.

Wir alle hatten unser gewohntes irdisches Leben hinter uns gelassen, hatten es sozusagen für das Weiterbestehen unserer menschlichen Rasse geopfert und mussten nun mit uns auf diesem „Schmalspurplaneten“ zurechtkommen.

Jede einzelne von uns Frauen hatte auf der Erde als selbstbewusste Person ihre Frau gestanden. Keine von uns hätte sich damals ein Leben ohne einen anspruchsvollen Arbeitsplatz vorstellen können, bzw. hätte von einem Leben als „Gebärende“ geträumt.

Die beiden wichtigsten Regeln, die auf alle Fälle auf dem K 239 eingehalten werden mussten, waren, erstens: wir mussten jede Nacht auf unseren Schlafplatz verbringen, und zweitens: wir durften uns auf keinen Fall zu zweit zurückziehen, um irdische Beziehungen aufzubauen.

Die beiden allgegenwärtigen goldenen Regeln lauteten: „Den Anweisungen unseres Führers müssen wir immer Folgen“, und „unsere Aufmerksamkeit gilt unserer gesamten Gruppe, nicht nur einem einzelnen“.

Der „paradiesische Zustand“ vom Nichtstun änderte sich schnell. Und daran war nicht alleine unser Führer schuld. Durch die regelmäßigen „Beischlafparties“ wurden alle Frauen fast gleichzeitig schwanger. Und nach neun irdischen Monate entbanden die ersten Frauen voll ausgebildete gesunde Babys.

Alle hochschwangeren Frauen mussten im Entbindungs- und Wochenhaus schlafen. Wenn es dann so weit war, stand Mrs. Rockefeller und Mrs. Ball als Hebammen bereit. Der ersten Entbindung auf dem K 239 wohnte sogar Mr. Ball, unser Führer bei. Er war dann auch der Erste, der den Säugling begrüßte und ihm seinen Namen gab.

Alle Mütter mussten oder durften die ersten sechs Wochen nach ihrer Entbindung mit ihrem Säugling im Wochenhaus schlafen. Danach mussten die Frauen ihren Platz im Wochenhaus räumen. Die Kinder wurden ins Kinderhaus umquartiert und wurden von den Frauen betreut, die trotz all den vorherigen Untersuchungen und Tests nicht schwanger wurden.

Alle andern waren mit ihrem fürchterlich langweiligen Alltag beschäftigt, und die Frauen gebärten ein Kind nach dem anderen.

K-li

Ich hatte mich alleine von unserem Platz entfernt. Ich fühlte mich genervt, und unwohl. Ich stand vor meiner sechsten Geburt. Hier auf dem K 239 dauerte eine Schwangerschaft nicht so lange, wie auf der Erde. Auch gebärten alle Frauen schnell und nahezu problemlos.

Es war nicht die bevorstehende Geburt, die mich in schlechte Laune versetzte, es waren einfach die ganzen Umstände, in denen wir nun lebten. Diese Stille, das sich ewig müde fühlen, das durch die kurzen drei Stunden Tage verursacht wurde. Dieses langweilige, eintönige Leben, die fehlende Anerkennung und so weiter. Ich könnte ein ganzes Buch voll schreiben, über Dinge, die mir fehlten oder Umstände, die mir auf die Nerven gingen. Ich vermisste jeden Zentimeter unserer unvorstellbaren reichen Erde. Und dass wir unsere Erde so achtlos, ohne jeglichen Respekt vor der von ihr hervorgebrachten wunderbaren Vielfalt einfach zugrunde gerichtet hatten, ließ mich diesen Tag noch freudloser empfinden. Auch plagte mich das schlechte Gewissen. Wir wurden auf dem K 239 ohne Wenn und Aber von allen Urbewohnern aufgenommen und kaum hatten wir uns von unserem Irrflug erholt, begannen wir uns durch unsere geplante Vermehrungspolitik uns unnatürlich schnell auf diesem armseligen Planeten auszubreiten und ihn seinen ursprünglichen Bewohnern streitig zu machen. Mir war zum Heulen. Ich setzte mich am Ufer eines Tümpels und lehnte mich an den Stamm einer Bambustanne. Ich wollte mich nur kurz ausruhen, wieder Mut und Kraft schöpfen, um vielleicht unser neues Leben bejahend und aktiv weiterleben zu können.

Es dämmerte. Durch mein verträumtes nachdenken hatte ich vollkommen die Zeit vergessen. Nun war es zu spät um nachhause zu laufen. Ich musste die kommende dreistündige Nacht wohl oder übel hier verbringen.

Ein kleiner Urbewohner kam zum Tümpel wusch sich Gesicht und Arme, wandte sich um und sah mich an. Ich nickte. Er kam auf mich zu und setzte sich neben mich. Dann machte sich wieder die sternlose Dunkelheit breit.

„Ich bin K-li“, durchbrach sie unserer Schweigen. „Hi“, entgegnete ich, „ich bin Mary-Rose“. Wir schwiegen wieder.

„Warum bist Du jetzt nicht bei den Anderen, Mary-Rose?“ fragte sie mich nach einer Weile.

„Ich wollte alleine sein“, entgegnete ich einsilbig. Wieder schwiegen wir.

Erst lange Zeit später fragte sie wieder: „Warum seid ihr so, Mary Rose?“

Ihre Stimme zitterte, sie schien nur mit Mühe ihre innere Aufregung unterdrücken zu können. Den dabei mitschwingenden Vorwurf konnte ich nicht überhören. Trotzdem schwieg ich. Aber sie drängte weiter: „Nun sag schon, warum bekommt ihr ein Kind nach dem Anderen? – Ihr wisst doch, dass unser Planet so klein ist und nur begrenzt süßes Wasser und Kürbisstängel für uns alle bereithält. Warum verhaltet ihr Euch dann trotzdem so dumm gedankenlos und egoistisch?“ Ich spürte ihren eindringlichen direkten Blick. Trotzdem schwieg ich. Was hätte ich ihr auch antworten sollen? Dass ich ihre Sorge durchaus verstehe, obwohl ich nun schon mein sechstes Kind erwartete. „Als ihr angekommen seid, da ward ihr achtzig und wir – wir waren …“, sie überlegte, ob sie mir dieses Geheimnis überhaupt anvertrauen sollte, entschied sich dann wohl dagegen und fuhr fort, „und heute, nicht einmal fünf Erdenjahre später seid ihr hundertfünfzehn, und jeden Tag werdet ihr mehr. Euer Tagesablauf ähnelt dem einer Menschenzuchtanlage. Sag mir doch, was wollt ihr hier auf unserem geliebten und von uns verehrten K 239?“ Erst nach einer weiteren Zeit des Schweigens fasste ich Mut: „K-li, du hast recht“, flüsterte ich, „du weißt gar nicht wie recht du hast“. Ich schämte mich für meine Schwangerschaft. Ich schämte mich für meine Herkunft, für mein Mitwirken auf diesem K 239 und ich schämte mich überhaupt ein Mensch zu sein. Mir wurde heiß und ein riesiger Kloß machte sich in meinem Hals breit. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und begann zu schluchzen. K-li schwieg.

Als es wieder dämmerte stand sie auf und verließ mich wortlos. Erst auf dem Nachhauseweg fiel mir auf, dass sie sich mit unserer irdischen Zeitrechnung auskannte.

Schluss und Ende

Wir hatten eine so reiche und wundervolle Erde, vollgestopft mit Natur und voller Leben – und wir hatten sie achtlos zugrunde gerichtet. Wir zogen los, fanden einen Planeten mit nur drei verschiedenen Pflanzen und trinkbarem Wasser.

Wir alle gingen davon aus, dass unsere Erde nicht mehr existiere. Wir machten ein überzeugend propagiertes Programm mit. Wir besetzten diesen winzigen Planeten und vermehrten uns prächtig. Als nach zwanzig irdischen Jahren unsere Nachkommen den K-239 übernahmen und die dort lebenden Ureinwohner unterjochten, verließen wir ihn wieder.

Wir kehrten zur ISS zurück. Unser Befehl lautete, die nächste Expedition vorzubereiten.

Vorsicht ihr Himmelskörper – Menschen sind im Universum – haltet eure Atmosphäre geschlossen!

Mr. Balls Rede nach der Sichtung eines neuen Planeten

Ich habe Sie zusammengerufen, damit wir unser weiteres Vorgehen besprechen. Wie Sie alle wissen, nähern wir uns seit geraumer Zeit einem für uns geeigneten bewohnten Planeten. Nach den Ergebnissen unserer Laboruntersuchungen sollten auf diesem Planeten die gleichen Luftverhältnisse herrschen, wie auf unserer Erde. Wahrscheinlich werden wir auf uns sehr ähnliche Wesen mit mindestens gleichhoher Intelligenz treffen.

Ich möchte Ihnen unsere Vorgehensweise kurz in Übersicht vorstellen: Nach geglückter Landung werden wir uns auf dem Planeten umsehen. Wir müssen in kürzester Zeit die dort existierenden Lebewesen, die Fauna und Flora kennenlernen.

Wir werden uns von jetzt an jeden Abend versammeln und weitere Erkenntnisse besprechen.

Wichtig ist, dass keiner von uns irgendetwas selbstständig unternimmt. Das ist das wichtigste Gebot. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Bildquelle: (c) DA

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