Novelle

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Auf der Straße

Von Anastasia Dick.

Da draußen. Da draußen, da ist das Leben anders. Keine Norm, keine Konvention. Die Straße ist meine Religion. Fahr’ oder stirb. Frische Nachtluft kriecht in mein Hirn. Die Stille flüstert mir die Wahrheit zu. Die Offenbarung deines Lebens lässt sich in jedem belanglosen Tag finden. Lasse deine Seele sprechen. Lasse den Moment leben, sich entwickeln. Erwarte nichts und erstrebe alles. Alles kann, nichts muss. Ergieße dich auf der Bühne dieser Welt. Raus mit dem Lebenssaft und rein mit ganz Neuem!

Tanze im Wind, lasse dich treiben, ich will lieben und leiden. Du und ich, wir sind mehr Tier als Mensch. Spüre deine Atmung. Wie kraftvoll du die Luft einsaugst. So tief, so bedeutsam, so unaufhörlich. Wie sanft du sie ausströmen lässt. Jeder gute Muskel, jede kleinste Faser fügt sich perfekt ein zum gewaltigen Motor.
Erhebe diesen Stein und lasse ihn zu den Sternen fliegen. Niemand weiß, wo er morgen früh aufwachen wird. In fremden Armen, in den Fängen des Feindes, im Augenschein einer verwandten Seele. Das Glück ist nur einen Handgriff entfernt.

Sinnlose Leere. Worte, so schwer wie Blei. Ergieße weiter deinen Lebenssaft. Gib dem Ganzen einen kleinen Sinn. Wo führt mich mein Weg nur hin? Meine Unschuld ist dahin. Ich könnte lachen, wie eintönig mir meine Generation erscheint. Wie desinteressiert meine Gesellschaft. Wie unbedeutend dieses Leben als Ameise unter Ameisen im staubigen Dreck. Auf der Suche nach Heimat. Sicherheit, einem langfristigen Versteck. Ich könnte aber auch als anmutiger Adler meine Flügel weiten und auf vernichtenden Stürmen davon gleiten. Über das weite Land, das Gesicht der Welt. Haltlos, schwerelos an die Grenze Gottes greifen. Der Ewigkeit
entgegen schweben. Frei sein und einsam. Stolz und mutig den schweren Weg gehen. Einfach nur sein, nicht immer alles verstehen. Träumen und die Grenzen der Umwelt überwinden. In Abgründe fallen und sich an den Teufel binden. Ich sündige, also bin ich.

Den Moment genießen. Ein wenig im Hier und Jetzt verweilen. Alten Schmerz und neue Freuden teilen. Auf der Straße. Im Einklang mit der Welt. Im Zwiespalt mit sich selbst. Kein Gefangener, ein Soldat deines inneren Krieges. Whiskey, Mythen, Feuer. Behütende Mutter. Zerfleischendes Ungeheuer. Futter für den Drachen.


Da draußen, da ist das Leben anders. Wenn du dich traust und als Vagabund los wanderst.

Bildquelle: (c) DA

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