Novelle

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Wir packen es an

Von André Patten.

Packen wir es an, sagt Hubert mit fester Stimme. Packen wir es an, sagt er. Wir, Hubert, Ox, Bär und warum auch immer ich, wir packen es an. Die Plastikhandschuhe spannen über den Fingern. Das Licht ist unnatürlich stark. So grell ist es, ich sehe die Narben in Ox Gesicht, jedes Haar in Huberts Bart. Wir packen es an. Dieses Ding, das dort liegt in der Silberfolie.

Hubert hat es gefunden. Ich saß bloß im Wagen, als er das Feuer gesehen hat, als er gesagt hat, siehst du das, siehst du das nicht, Max, bist du blind oder was und damit hat er es doch gefunden? So ist es zumindest auf dem Video zu sehen. Er hat es entdeckt, dort zwischen den Fichten. Mir ist das Feuer nicht aufgefallen. Nein, das war doch nur ein Funkenschlag. Ich wollte nach Hause, deshalb saß ich bei Hubert im Auto. Er hat mich abgeholt, weil er das immer macht, wenn es meiner Mutter zu spät wird. Ihm hat das nicht gepasst. Das habe ich gleich gemerkt. Er hatte ja was vor. Ox und Bär seien schon im Wald. Aber meine Mutter sieht ja nicht gut in der Dunkelheit und dann ist es schwierig mit dem Auto über die Landstraßen. Da hatte Hubert gar keine Wahl. Er musste mich abholen, egal, ob Ox und Bär schon im Wald waren oder nicht.

Mit sechszehn durfte ich das nicht, sagt Hubert und meint die Uhrzeit halb eins. Mit sechzehn musste er aushelfen in der Metzgerei, das Fleisch tragen, in der Auslage verteilen. Das Fleisch, sagt er, war das Beste in der ganzen Stadt. Er ist 23 Jahre älter als meine Mutter und die Fleischerei gab es bei ihrer Geburt schon gar nicht mehr. Da waren Huberts Eltern bereits in Rente und Hubert in Münster am Studieren, Lehramt, was auch sonst hätte ein 68er denn auch machen können.

Hubert redet gern über die Vergangenheit, über sich in der Vergangenheit, über die Vergangenheit, die wir in den Videos sehen, die wir zusammen auf dem Computer schauen. Wir schauen Videos, in denen die Anfänge der Welt erklärt werden, in denen erklärt wird, warum die wahre Geschichte unserer Erde nicht in den Schulen unterrichtet wird, warum alles nicht so sein kann, wie es ist und dann sehen wir Videos, in denen Menschen uns zeigen, was sie gefunden haben und zwischen diesen Videos läuft immer Werbung und wenn die Werbung kommt, sagt Hubert: Achtzigtausend, neunzigtausend, mein Gott zweihunderttausend Klicks, weißt du, was das bedeutet? Und ich sage nichts, was sollte ich denn zu einer solchen Zahl auch sagen, aber für Hubert sind das alles Beweise für eine bessere Welt.

Wir packen es an. Nun hat jeder eine Hand an dem Ding. Wir halten es fest. Wir wissen ja nicht, was passiert, wenn wir da reinschneiden. Da könnte ja alles passieren. Gut, dass Hubert die paar Jahre in der Metzgerei ausgeholfen hat. Er packt es an. Er hat das Messer in der Hand. Er wird da reinschneiden in das Ding, aber erst mal muss die Folie ab, wie bei einem Geschenk müssen wir das Ding auspacken. Ich weiß nicht, warum wir es überhaupt in Silberfolie gepackt haben, als wir es im Wald gefunden haben. Diese graue Ding mit den großen schwarzen Knopfaugen.

Hubert geht auf das Feuer zu. Er sagt: Jetzt film das doch mal richtig. Ich habe mich dann etwas weiter nach rechts gestellt. So war dann auch Ox im Bild. Ein Handyvideo muss doch nicht wackeln, habe ich gedacht, aber Hubert war viel zu hektisch. Es musste ja schnell gehen. So ein Feuer im Wald ist gefährlich und ein Feuerlöscher keine endlose Waffe. Wir packen also das graue Ding in Silberfolie und schieben es hinten in den Kombi. Vorher musste ich die Sitze umklappen. Das sieht man aber nicht im Video. Man sieht mich überhaupt nicht im Video. Ich filme, wie Hubert und Ox und Bär das Ding aus dem Feuer ziehen, es einpacken, hochheben, es ist ja nur ein Meter fünfzig groß und leicht für so ein Ding. Das habe ich schon bemerkt. Vielleicht 30 Kilo wiegt es und für drei Männer ist das natürlich nichts. Also macht ihnen das nichts aus, sie heben das Ding in den Wagen. Ich filme, im Hintergrund gibt das Feuer Licht. Klappe zu. Kamera aus. Jetzt mach mal das Feuer da weg, sagt Hubert, drückt mir den Feuerlöscher in die Hand und ich gehe rüber zu dem Feuer, lösche. Das war schon eine gute Aktion.

Und was machen wir mit den Trümmern, habe ich Hubert gefragt und er meinte, darum kümmert sich Ox. Wir müssten jetzt los. Die Feuerwehr ist doch bestimmt schon auf dem Weg, wenn es hier brennt im Wald, das kriegt man doch mit. Wieder im Auto sagt er dann, ich sollte ihn filmen, wie er fährt, das wären doch gute Bilder. Schließlich wollen wir das ganze doch dokumentieren. Immerhin sei das ein großer Fund. Das sagt er bereits in die Kamera. Er sagt das und sieht nach vorne in den Lichtkegel, der sich über die Landstraße bewegt.

In der Garage ist alles vorbereitet. Wir packen das Ding auf den Tisch. Die Lampen muss Hubert extra dafür gekauft haben. Der Schnitt ist sauber. Die Folie ziehen wir nach links weg. Das Licht ist deutlich auf den grauen Körper gerichtet. Wie Plastik liegt es da. Diese graue Masse. Big Foot ohne Haare, Albino-Yeti, Genmanipulation oder wundersame Verwandlung. Was dort liegt, ist doch nicht normal. Das sagt Hubert in die Kamera: Das ist doch nicht normal. Die Kamera muss ich nicht halten. Sie ist fest installiert. Das ist doch nicht normal. Das sagt Ox jetzt auch und dann sagt er: Das kann nicht sein: Diese Haut. Das ist doch nicht normal. Er berührt das Ding. Dann sagt er zu mir, film das mal und dann muss ich doch mit dem Handy den Schnitt filmen, den Hubert macht, wie er den Körper aufschneidet, langsam aufschneidet und die blubbernde schwarze Masse, die austritt, muss ich beim Fließen mit der Kamera nachverfolgen. Wir ziehen den Mundschutz hoch. Es stinkt wie erwartet. Wer hätte denn etwas anderes gedacht bei so einem grauen Ding und so einer blubbernden schwarzen Masse.

Ox hält sich die Hand vor den Mund. Das muss ich filmen. Wir packen es an. Es bewegt sich nicht. Hubert sagt, es sei genug. Er sieht mich an, dann direkt in das Handybild und sagt: Morgen werden wir das Ding der Polizei übergeben, aber dieses Video ist für die Welt. Ich schwenke rüber auf das graue Ding, das da liegt. Die Arme angewinkelt. Die Füße unterschiedlich lang. Das fällt mir erst jetzt auf.

Hubert geht an mir vorbei, ich filme, bis er die fest installierte Kamera ausschaltet. Ox klatscht in die Hände, Bär schlägt mir auf die Schulter, darf ich jetzt endlich schlafen? Meine Mutter denkt doch sicher, ich bin seit vier Stunden zuhause. Gleich wird es doch wieder hell. Nein, sagt Hubert, erst müssen wir aufräumen. Das darf doch niemand sehen. Bär nimmt die Silberfolie und packt sie in einen Beutel, Ox klebt dem grauen Ding ein Pflaster auf, dann sagt er, komm mal her und ich gehe zu ihm und wir nehmen das Ding, stopfen es in einen großen blauen Müllsack und heben es zu viert. Ich bring es besser gleich weg, sagt Bär und wir tragen den Sack in sein Auto. Es ist noch dunkel. Gut, dass uns die Nachbarn nicht sehen. Wir packen es an.

Bildquelle: (c) DA

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